„Je suis Germanwings“ – und Sie? + Suizid-UPDATES von 17:30 Uhr (26.03.)

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Der untere Artikel wurde heute Vormittag freigeschaltet. Jetzt, um 17 Uhr, gab es Neuigkeiten zum Absturz der 4U9525-Maschine, die das Geschriebene nicht relativieren, aber dem Gesamtszenario eine neue Pointe verliehen. Wir haben deshalb dieses Up-Date in Fettbuchstaben vorgeschaltet.

Auf der Pressekonferenz von Germanwings hieß es, man habe den Voicerekorder ausgewertet. Das Resultat habe dem Rätsel eine schockierende Wendung verliehen. Offensichtlich habe der Co-Pilot das Flugzeug zum Abstürzen gebracht. Als der Pilot das Cockpit verließ, habe der Co-Pilot seine „Chance“ genutzt. Vermuteter Grund: Selbstmord. Im Spiegel-Live-Ticker empört sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nehme, dann sei das Wort Selbstmord für ihn nicht zutreffend.“ Der Co-Pilot habe seine Ausbildung für Monate unterbrochen (was sagt das?). Jedenfalls gelobt Spohr künftig Besserung: „Wir werden uns mit allen Experten hinsetzen und überlegen, was man bei der Auswahl und der Ausbildung der Piloten verbessern kann.“ Also psychologische Tests nicht nur bei der Aufnahme, sondern regelmäßig? Ob das den 4U9525-Absturz verhindert hätte?

Immerhin behaupten Nahestehende des „Selbstmörders“ Andreas L., dass er so „lebensbejahend“ und „höflich“ gewesen sei. So gar nicht auf Kamikaze-Trip (Auch das kriegt man nach jedem Promi-Selbstmord zu hören). Nur ein Nachbar habe gesagt, Andreas L. sei wegen Depressionen behandelt worden.

Interessant ist die Parallele zur malaysischen MH370, deren Verschwinden (und Absturz-Spekulationen) ja auch mit plötzlicher Todessehnsucht des Co-Piloten erklärt wurde. Ist da eine neue Pilotenkrankheit in Anmarsch? Bildet dieser Berufstand die neue suizidale Burn-out-Avantgarde? Man darf gespannt sein.
(Stand: 26.03. 17:30 Uhr)

_von Harald Harzheim

An manchen Tagen lohnt die BILD-Lektüre eben doch! Immer dann, wenn eine Katastrophe geschehen ist. Nicht wegen der blutroten Farbfotos (sorry, da hat das Internet inzwischen Schärferes zu bieten), sondern wegen der ungebremsten Offenheit, mit der vox-populi-Autoren aufdringlichste Identifikations-Forderungen erheben und naivste Reaktionen bejubeln. Nein, das ist keine weitere Bild-Beschimpfung (wäre die noch nötig?). Viel grausamer ist die Feststellung, dass solcher Unsinn auch andere Medien und das öffentliche Geschwätz beherrscht.

Gestern verunglückte die 4U9525-Maschine in den Alpen. 150 Menschen starben. Das ist schlimm. Außerdem starben gestern mehrere tausend Menschen in Krankenhäusern: an Krebs, Viren und anderen Naturprodukten. Verreckten tausende an Hunger, an Körperverschleiss und anderen Gewalteinwirkungen. Weltweit. Interessiert jedoch keine Sau. Nur bei dem Flugzeugunglück prangt die Schlagzeile „Warum?“ Dieses naive Warum ertönt regelmäßig nach Unfällen, Attentaten und Amokläufen. Aber es fragt nicht wirklich nach der Ursache (Die würde der Fragende gar nicht hören wollen). Es artikuliert lediglich Fassungslosigkeit, die entsteht, weil das zugrundeliegende Weltbild zu naiv, zu primitiv ist. Denn Welt, Leben und Natur sind vollkommen amoralisch. Ihr ihr entsteht und wird zerstört. Non-stop und ohne Grund: „Welt – ist von Erz: / Ein glühender Stier, – der hört kein Schrein./ Mit fliegenden Dolchen schreibt der Schmerz / Mir in’s Gebein: / ,Welt hat kein Herz, Und Dummheit wär’s, ihr gram drum sein!‘ “ (Friedrich Nietzsche)

Solche Nicht-Akzeptanz verbietet auch den Unfall (Un-Fall). Niemand darf krepieren ohne den Nachruf: Er könnte noch leben, wenn…(hier kann man Beliebiges einsetzen). Soll heißen: Der Tod war vermeidbar, wird künftig unterbleiben, wenn wir alle nur schön aufpassen. Amen. Auch bei der 4U9525 sucht man auf Hochtouren. Was sagt die Blackbox? Wer trug Schuld? Auf wen oder was können wir’s diesmal schieben? War’s ein Pilotenfehler? Oder das böse Bodenpersonal? Die Live-Ticker laufen auf Hochtouren. Klar hat die Lufthansa Angst vor künftigem Negativimage als Grufthansa. Aber es geht vor allem um die (absurde) Versicherung, dass der Tod vermeidbar sei. Wir können ewig leben – wenn wir perfekt sind!

Aus derselben Wurzel entspringt der Identifikations-Terror mit den Verunglückten: Das Leid der Hinterbliebenen wird solidarisch schön verteilt, eine gemeinsame Katharsis durch tränentriefende TV-Berichte herbeigeredet. (Wie wär’s mal mit „Je suis Germanwings?“) Wer nicht mitheult, ist ein Unmensch. Angehörige überkübelt man mit therapeutischen und spirituellen Angeboten. Welche Angst steckt hinter solcher Hysterie? Als müsste die Leere, die solche Katastrophen hinterlassen, sofort wieder gefüllt werden. Wie bei einer Maschine, wo Störung baldigen Funktionsausfall befürchten lässt. Schnell wieder zusammenkleben. Keine Zeit lassen. Damit keine tieferen Risse entstehen.

Deshalb auch der Besuch der Absturzstelle durch Merkel und Hollande. Von Amtsträgern, die bei dem Leid, das sie verhindern könnten (soziales Elend, Ausbeutung oder Hungersnot) elendig versagen. Immerhin erkannte der Bild-Kommentator: „Dies sind die dunklen Tage im Leben der Kanzlerin. Bei Katastrophen wie dem Absturz der Germanwings-Maschine ist auch Angela Merkel machtlos.“ Welch Einsicht! Nach jeder Tragödie folgt das Satyrspiel. Dafür sorgen die Medien.

 

 

Eine weitere Analyse des medialen Betroffenheits-Terrors finden Sie hier.

Über den Autor

Harald Harzheim

Harald Harzheim ist der Mad Max der Filmtheorie. Sein postapokalyptisches Denken beinhaltet eine große Vorliebe für Freaks, Outsider & Filmdiven. Seit 2011 textet er für COMPACT. Und seit 2015 ist er Online-Chefredakteuer von COMPACT. Alle Artikel des Autors

 

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