Wird Europa langsam ungehorsam? Nach dem Nordkorea-Konflikt, nimmt Trump den Iran ins Visier. Aber diesmal findet sich keine “Koalition der Willigen” mehr: Weder Deutschland, noch England noch Frankreich lassen sich erneut in den Kriegsrausch treiben. Wie wird die USA auf den neuerlichen Ungehorsam reagieren? Sind die Strafzölle Teil eines Disziplinierungsprogramms für den abtrünnigen Vasallen?

    Lesen Sie das Editorial von Chefredakteur Jürgen Elsässer aus COMPACT 6/2018:

    Kaum scheint die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel gebannt, glimmt die Lunte am nächsten Pulverfass: US-Präsident Donald Trump hat das multinationale Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt, bereits am nächsten Tag flogen israelische Kampfjets Angriffe auf Stellungen pro-iranischer Milizen – die größte Luftattacke auf Syrien seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973.

    Die Trump-Unterstützer in den USA und teilweise auch in Europa jubeln: Endlich zeigt mal einer klare Kante gegen den radikalen Islam! Doch bei näherer Betrachtung stellt sich die Sache komplizierter dar: Im Kampf gegen den Iran sind die Vereinigten Staaten und Israel ausgerechnet mit dem steinzeit-wahhabitischen Saudi-Arabien verbündet. Riad ist der wichtigste Sponsor der Kopf-ab-Mudschaheddin in Syrien, die ihre Kämpfer, als Flüchtlinge kostümiert, zu uns nach Europa schicken.

    Umgekehrt praktiziert die schiitische Theokratie in Persien zwar im Innern die Scharia, agiert aber in der Außenpolitik seit gut 20 Jahren defensiv. Ihre Hilfstruppen in Syrien schützen auch die Kirchen gegen die Mordbrennerei von al-Qaida und IS, und die Teheran nahestehende Hisbollah im Libanon ist im Bunde mit Staatspräsident Michel Aoun, dem Kommandeur der christlichen Falange-Milizen während des Bürgerkrieges.

    Die aktuelle geostrategische Konstellation ähnelt der bei der US-Aggression gegen den Irak 2003: Wieder sind es nicht nur China und Russland, sondern auch die Führungsmächte der EU, die sich dem Wahnsinn entgegenstellen. Die Bundeskanzlerin, die bisher das Existenzrecht Israels als deutsche «Staatsräson» proklamiert und vor 15 Jahren Gerhard Schröder wegen seiner Kriegsverweigerung angegriffen hat, zieht dieses Mal ebenso wenig mit wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron – trotz der Küsschen für die beiden im Weißen Haus.

    Überraschenderweise ist auch Großbritannien nicht auf der Seite des großen angelsächsischen Bruders – 2003 hatte man noch gemeinsam die «Koalition der Willigen» angeführt. Die Behauptung, der Iran entwickle entgegen vertraglicher Zusagen eine Atombombe, wird in Europa ebensowenig geglaubt wie die Chemiewaffenlüge im Falle Saddam Husseins. Für ein solches Programm gebe es «keine glaubwürdigen Beweise», erklärte die Internationale Atomenergiebehörde.

    Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, ansonsten ein treuer Transatlantiker, wies die alarmistische Darstellung von Benjamin Netanjahu sogar in ungewohnter Schärfe als «Täuschungsmanöver» zurück. Tatsächlich hat der israelische Premier für seine Sichtweise keinerlei Beweise vorgelegt. Würde Teheran tatsächlich insgeheim waffenfähiges Uran anreichern, so ließe sich das auch nicht verbergen: Die riesigen Zentrifugenanlagen brauchen derartig viel Energie, dass ihre Wärmeabstrahlung von Satelliten leicht registriert werden könnte, selbst wenn sie unterirdisch aufgestellt wären.

    Was hat Trump vor? Man möchte ihm zugutehalten, dass er nicht auf Krieg aus ist. Bei seinem Sicherheitsberater John Bolton, der schon George W. Bush zur Bombardierung Teherans anstiften wollte, und vor allem bei Netanjahu sieht das freilich anders aus. Die Ambitionen des US-Präsidenten richten sich eher gegen Europa, vor allem gegen Deutschland: Die jetzt von ihm verhängten Sanktionen verbieten auch unseren Firmen jeden wirtschaftlichen Kontakt mit dem Iran. Wer die Geschäfte nicht innerhalb der nächsten sechs Monate liquidiert, darf auch mit und in den USA kein Business mehr betreiben.

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    Gleichzeitig veranstalten die USA eine Skalpjagd auf unsere Automanager, und Strafzölle gegen unsere wichtigsten Exportartikel sollen im Juni in Kraft treten. Geht es dem Weltsheriff gar nicht um Iran und Uran, sondern um die Ausschaltung des ökonomischen Konkurrenten Europa?

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