Interview: US-Armee missbraucht humanitäre Helfer im «Kampf gegen den Terror»

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Westliche Regierungen instrumentalisieren zivile Nothilfe zunehmend als Teil ihrer Kriegsstrategie. Mit tödlichen Folgen: Nach einer false-flag-Aktion der CIA starben in Pakistan 56 zivile Mediziner. Trotzdem bezeichnet das Pentagon Ärzte öffentlich als Partner bei Aufstandsbekämpfungen, macht sie damit zum Ziel von Angriffen. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen, Frank Dörner.

Sie beklagen eine zunehmende Instrumentalisierung humanitärer Einsätze durch westliche Regierungen, auch durch die Bundesregierung, im Rahmen des sogenannten Krieges gegen den Terror. Wie macht sich diese Strategie bemerkbar?

Akut erheben wir solche Vorwürfe gegen die Bundesregierung nicht. Aber wir weisen präventiv darauf hin, dass es diese Umarmungstendenzen, diese Versuche, humanitäre Hilfe als Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen einzusetzen, schon seit vielen Jahren gegeben hat und diese Tendenz auch heute existiert. Es gibt ein neues Counterinsurgency Manual der US-amerikanischen Streitkräfte, in dem Ärzte ohne Grenzen und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes namentlich als eventuelle Partner des US-amerikanischen Militärs genannt werden. Für uns stellt das eine absolute Katastrophe dar, da wir genau damit nicht als unparteilich, unabhängig und neutral gewertet, sondern als ein Baustein der Aufstandsbekämpfungsstrategie der westlichen Welt betrachtet werden können. In hochkomplexen Krisen bringt uns das in eine absolut schwierige Situation.

Sie werden sozusagen zum eingebetteten Doktor. Nach dem Motto: fahren Sie mal den Soldaten hinterher und behandeln in deren Nachhut die Verwundeten?

Solche Vorschläge kommen meist vom Militär und dort hat sich über die Jahre glücklicherweise eine etwas andere Kommunikation eingestellt. Trotz allem gibt es noch die Vorstellungen, dass wir doch alle dasselbe wollen und deshalb doch alle zusammenarbeiten müssen. Dies müssen wir ganz klar ablehnen, denn für uns ist es wirklich sehr wichtig, als unabhängige, unparteiliche, unpolitische Akteure in einem Konfliktgebiet wahrgenommen zu werden. Andernfalls könnten wir als Angriffsziel akzeptiert werden und unsere Kollegen, Patienten und Projekte geraten in große Gefahr.

Hatten solche Instrumentalisierungen bereits handfeste Konsequenzen für Helfer vor Ort?

Ein Beispiel ist die Jagd nach Osama Bin Laden. Er wurde letztendlich durch eine CIA-Strategie dingfest gemacht, in der unter Vortäuschung medizinischer Aktivitäten, über eine virtuelle Impfkampagne, versucht wurde, Beweismaterial über seinen Aufenthaltsort zu finden. Das hat letztendlich auch dazu geführt hat, dass er getötet worden ist. Dies hatte als konkrete, ganz klare Konsequenz, dass in der Folge Impfkampagnen etwa in Pakistan angegriffen worden sind, dass 56 Helfer umgebracht worden sind, dass in großen Teilen der Grenzgebiete keine Impfkampagnen mehr durchgeführt werden konnten. Als Folge sind seitdem in Pakistan die Poliofälle massiv angestiegen. Hier wurde wirklich eine Strategie gefahren, die alle Interessen außerhalb der Politischen in den Schatten gestellt und uns einen massiven Schaden zugefügt hat.

Wie reagiert die Politik auf Ihre Kritik?

Jetzt, nach Jahren, hat die CIA gesagt, sie würde so eine Strategie nicht noch einmal fahren. Was allerdings nicht ausschließt, dass irgendwelche Arten von anderen Aktivitäten doch weiter durchgeführt werden können.

Aber haben humanitäre Organisationen tatsächlich so unterschiedliche Interessen, wie das Militär? Beide wollen, zumindest proklamieren sie es, Krisen und Kriege beenden.

Es gibt bei humanitären Einsätzen keine primäre Idee, den Krieg zu beenden. Wir sind kein Teil einer Lösung eines Konfliktes. Wir sind dort, um in der akuten Notsituation den notleidenden Menschen Hilfe in der ganz ganz akuten, heutigen Situation zuteilwerden zu lassen und nicht zu überlegen, wie wir eine Situation generell auflösen können. Das sind politische Fragen, das können auch militärische Fragen sein mit denen wir nichts zu tun haben. Das muss akzeptiert werden, damit wir unsere Arbeit weiter durchführen und den Millionen Menschen, die Hilfe brauchen, auch zur Seite stehen können.

Eine Arbeit, die angesichts vermehrter Konflikte nicht leichter wird.

Es ist in vielen Bereichen schwieriger geworden. Trotzdem waren wir zum Beispiel im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik in der Lage, unsere Aktivitäten sogar weiter auszubauen. Das geht nur dank der ständigen Verhandlungen, die unsere Kollegen vor Ort mit den jeweiligen Konfliktparteien führen. Es geht über die Akzeptanz unserer Arbeit, die Qualität unserer Arbeit, wenn gesehen wird: die sind da und die helfen tatsächlich, dass es den Leuten besser geht. Und indem wir demonstrieren können, dass wir keinerlei politische Interessen im Gepäck haben.

Derzeit eskaliert die Situation im Irak durch das Vorrücken des islamistischen ISIS-Rebellen.

Die Situation ist dramatisch, vor allem durch die Fluchtbewegung. Man spricht von einer Million Menschen, die sich aus der Region Mosul wegbewegt haben. Mittlerweile sind die Kämpfe auch in Tikrit massiv geworden, auch eine der Kliniken von Ärzte ohne Grenzen ist getroffen worden, woraufhin wir unsere Aktivitäten einstellen mussten. Wir versuchen weiter, vor Ort auch medizinische Hilfe zu leisten. Die Situation war schon vorher schlecht und wurde jetzt noch einmal deutlich verschlechtert und durch die Flüchtlinge ist gerade auch der Duck auf Kurdisch-Irak noch einmal größer geworden ist.

Wurde das Krankenhaus bewusst angegriffen?

In Tikrit gehen wir nicht von einem gezielten Angriff aus, sondern von einem, wie man so euphemistisch sagt, Kollateralschaden. Aber es hat natürlich massive Auswirkungen, weil die medizinische Versorgung nicht oder nur unter sehr rudimentären Bedingungen weitergeführt werden kann.

Verhandeln Sie auch mit der ISIS?

Wir reden mit allen Seiten. Wir müssen mit allen Seiten reden, um tätig sein zu können. Aber generell ist es natürlich sehr schwierig. Je mehr Akteure in verschiedenen Regionen tätig sind, je unklarer die Strukturen sind, umso schwieriger wird es für uns auch, diese Verhandlungen zu führen.

 

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