Im Strom der Zeit ertrinken – Zum Tod des Schauspielers Bruno Ganz

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Der Schweizer Bruno Ganz lieferte prägende Darstellungen im europäischen Kino und Theater. Jetzt erlag er 77jährig seinem Krebsleiden in Zürich.

Bei dieser Nachricht erinnert man sich an seine Interpretation des todkranken Hamburger Bilderrahmers Jonathan Zimmermann in Wim Wenders „Der amerikanische Freund“ (1976): an Leukämie erkrankt, lässt er sich auf Verbrechen ein, um wenigstens in den letzten Tage seines Lebens dem Mittelmaß zu entkommen. Einmal aufzublühen, bevor das endgültige Verwelken beginnt. Der Versuch endet in Angst, Hetzjagd, und Schuld. Darsteller Bruno Ganz spielte im internationalen Ensemble. Mit von der Partie: Kultregisseur Nicholas Ray, während des Drehs bereits an Krebs erkrankt. Jetzt erlag Ganz selber diesem Leiden. Wie waren seine letzten Tage im Angesicht des nahenden Todes, die er in der Rolle des Bilderrahmers bereits vorgelebt hatte?

Wo ist Bruno Ganz jetzt, zwei Stunden nach Bekanntgabe des Todes durch sein Management? In Werner Herzogs Remake von „Nosferatu“ (1978) spielte er den Maklerassistenten Jonathan Harker. Jedoch, anders als in üblichen Dracula-Verfilmungen, rettet der Tod des Vampirfürsten das Liebespaar Mina und Jonathan nicht. Mina (Isabelle Adjani) gibt ihr Leben, um Dracula (Klaus Kinski) ins tödliche Sonnenlicht zu treiben. Aber ihr Opfer ist vergeblich: Der Geliebte ist bereits zum Vampir geworden. Im Finale reitet er durch kahle Landschaft, um Draculas Werk fortzuführen. Bruno Ganz, das Gesicht in bläulicher Verwesungsfarbe, spricht in aller Ruhe vom künftigen Schrecken, den er verbreiten wird.

Einen solchen Schreckensbringer, den Aussäer millionenfachen Todes, verkörperte er 2004, in Oliver Hirschbiegels Film „Der Untergang“: Hitler, vom Parkinson zerfressen, seine zitternde Hand verbergend. Emotional zurückhaltend, nicht mit der Expressivität eines Anthony Hopkins (1982). In einer Szene, in der Ganz/Hitler reglos zuschaut, wie man seinen Hund einschläfert, wirkt er, wieder mit kalkweißem Gesicht, wie der personifizierte Tod: Wo er sich aufhält, erlischt das Leben wie von selber.

Der Schrecken lässt nach Sinn von Welt und Existenz fragen: Was können wir wissen? – Nichts, glaubte Heinrich von Kleist und schrieb „Die MArquse von O“. In deren Kinoadaption (1976) gab Bruno Ganz einen Grafen, der die Marquise (Edith Clever) vor einem Soldatentrupp rettet, um die Bewußtlose anschließend selber zu vergewaltigen. Keinerlei Geilheit ist auf seinem Gesicht zu erkennen, als er sich in das Zimmer der Schlafenden schleicht. Das Licht der Handlaterne zeigt einen Somnambulen, wie von höherer Schicksalsmacht getrieben.

Diese Ruhe, dieses Aussparen jeglicher Affekte, diese ständige Nähe zum Tod, prägte auch Bruno Ganz letzte Rolle, die des römischen Dichters Vergil. In Lars von Triers „The House, that Jack built“ (2018) führt er den Serienmörder Jack durch den Hades. Eine Figur aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Jetzt hat Bruno Ganz selber den Schritt in den Hades gehen müssen, wie auch ein Großteil seines Werkes: denn nur Filme und Tonaufnahmen (wie beispielsweise seine Hölderlin-Lesung) bleiben vorerst. Die Darstellungen auf dem Theater, in Peter Steins legendärer Schaubühne während der 1970er und 80er Jahren, sind – bis auf wenige Aufzeichnungen – für immer verloren, im Strom der Zeit ertrunken. Das Theater ist das Medium des Todes.

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12 Kommentare

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    Man merkt am Tod der zeitgenössischen Künstler und Medienschaffenden, die uns während der Jugend und als junge Erwachsene begleiteten, dass man selbst deutlich älter geworden ist.

    Gruss,

    HvH

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    Wir haben Bruno Ganz Filme immer sehr gerne gesehen und werden ihn sehr vermissen. Vielen Dank BG fuer die schoenen Filmstunden. Seinen letzten Film "The House that Jack built" haetten wir uns und BG aber gerne erspart auch wenn seine Rolle sehr klein war. Ueberaus sadistisch und langweilig. Das lag aber an Trier und Dillon.

    Wer aber meint seine Filme seien duester und mit Schrecken gepraegt kennt seine Filme nicht. Viele sind charmant und romantisch wie z.B. "Wings of Desire," "Bread and Tulips" oder "Vitus," um nur ein paar zu nennen.

    Fuer einen Schreckensbringer des Todes halte ich seine Hitlerinterpretation in Untergang auch nicht. Man kann auch zu viel in einzelne Szenen wie die Einschlaeferung des Hundes lesen. Wie der personifizierte Tod? Ich bitte Sie! Sie trauen Hitler der seinen Hund liebte nicht zu, dass ihm in diesem Moment das Herz bricht? Immer diese zeitgemaesse und politische Korrektheit wenn es um Hitler geht kommt mir fast schon wie eine depressive Psychose vor.

    Der Untergang ist nur ein Film, liebe Freunde. Halte ich Traudl Junge’s Erzaehlungen von Hitler und den letzten Tagen im Bunker fuer wahrscheinlich? Natuerlich nicht. Wie gesagt es ist nur ein Film der heute nach 15 Jahren wieder ganz anders ausfallen wuerde.
    BG und Der Untergang verdienten beide Oskars.

    Uebrigens Ganz/Hitler singt "Thunderstruck" auf You Tube und es ist eine Megahit. Kann ich nur empfehlen.

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    DerSchnitter_Maxx am

    "Der Tod hat immer das letzte Wort." (Filmzitat – Der schmale Grat 1999)

    "Oh Scheisse!! Ich hab mir den Arsch weggesprengt!! Ich hab mir den Arsch weggesprengt!! Was fürn beschissener Rekrutenfehler!… Ich hab den Sicherungsstift gezogen! Schreib meiner Frau, sie soll wissen, dass ich wie ein Mann gestorben bin!" (Filmzitat – Der schmale Grat 1999)

    "Alles nur eine einzige Lüge. Alles was man hört, alles was man sieht. So viel wird ausgespuckt. Sie rücken einfach immer nach, einer nach dem anderen. Man steckt in einer Kiste, einer sich bewegenden Kiste. Die wolln, dass man tot ist, oder ihreď Lügen glaubt. Da kann ein Mann nur eins tun… sich etwas suchen, was ihm gehört und sich ein Refugium schaffen." (Filmzitat – Der schmale Grat 1999)

    "Kommt unser Untergang der Erde zugute? Hilft er dem Gras beim Wachsen, der Sonne beim scheinen? Ist diese Dunkelheit auch in dir? Hast du diese Nacht durchschritten?" (Filmzitat – Der schmale Grat 1999)

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    Passtt das? Zur Rolle und zur Obrigkeit?

    Grundlegende Unterschiede zwischen kriminellen Soziopathen und … – Sott

    Zahlreiche forensische Psychologen, Psychiater und Kriminologen verwenden die Begriffe „Soziopathie“ und „Psychopathie“ synonym.

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    heidi heidegger am

    starker text. typisch J. Glaser, halt. aber auch klar, dass heidi "Sepp Bierbichler" heidigga da was ergänzen muss:

    (*winterschläfer* i s t def. Tykwers bester und sogar Heino Ferch supi darin und Bierbichler eh) und was sagte unser allerbester Sepp B. übern Ganz anno 2006 in der ZEIT:

    "ZEIT: Von dem Zeichner Walter Moers und dem Komponisten Thomas Pigor gibt es diesen Trickfilm, da sehen wir Hitler mit Blondie im "Bonker", sprich: im Führerbunker, in der Badewanne. Der Film ist ein riesiger Erfolg im Internet.

    Bierbichler: Ja, so ist es in Ordnung. Auch Brecht und Chaplin und Lubitsch haben den Hitler nicht eins zu eins zu fassen versucht. So wie im Untergang kann man das nicht machen. Mir war der Film gnadenlos peinlich. Und damit jeder, der mitgemacht hat. "

    zacknweg

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      Jeder hasst die Antifa am

      Bierbichler ist das dein Professor bei dem du Wirtschaftswissenschaften studiert hast,aukidauki

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        Deutsche Beobachtungsstelle am

        @Heidi:
        Scheinbar hast Du in JhdA einen stillen Bewunderer, der nie aus seinem Ziegenstall herauskommt ;-). Der ist Dir ja hier immer dicht auf den Fersen – das ist wirklich unheimlich jetzala!

        Solidarische Grüße aus Preußen!

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        Fischer's Fritz am

        @JEDER…
        Ich dachte, HEIDERICH hätte in der bekannten Kreuzberger Kneipe Wirtschaftswissenschaften studiert?

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