„Ich habe den Niedergang der Sozis miterlebt“

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Guido Reil war ein SPD-Mitglied von altem Schrot und Korn: Der Essener kommt aus einer Bergbaufamilie, arbeitete viele Jahre als Steiger in der letzten Zeche des Potts und wurde vor diesem Hintergrund fast zwangsläufig SPD-Mitglied. Über zwanzig Jahre hielt er den Genossen die Stange und war einer ihrer Vertreter im Stadtrat. Im Jahr 2015 zog er die Reißleine und trat zur AfD über.

_ Guido Reil im Gespräch mit COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer

Aktueller denn je: Dieses Interview veröffentlichten wir ursprünglich in COMPACT-Spezial Nr. 14: „Verrat am Wähler – Geschichte und Gegenwart der Altparteien“. Erhältlich im COMPACT-Shop.

COMPACT: Sie waren jahrzehntelang in der SPD. Wie kam es dazu?

Reil: Mein Vater und mein Opa waren stolz darauf, dieses Land mit aufgebaut zu haben. Die hatten schon gute Gründe, in der SPD zu sein, und die SPD wurde auch lange Zeit gebraucht. Es war die älteste Partei in Deutschland, und ich glaube, die hat einen ganz wichtigen Beitrag in der Geschichte geleistet. Aber die SPD hat sich mit der Politik, die sie die letzten zehn Jahre gemacht hat, völlig überlebt. Denn für ihr Klientel, die kleinen Leute, und für die Arbeitsplätze setzen sie sich überhaupt nicht mehr ein, in keiner Weise, die haben sie verraten und verkauft, die haben sie im Stich gelassen – so empfinde ich das.

Und meine Heimat, das Ruhrgebiet, das ist ja die Herzkammer der Sozialdemokraten, das haben sie auch im Stich gelassen. Wenn man sich die Entwicklung mit offenen Augen ansieht und dabei nicht anfängt zu schreien – also ich hab mich immer gefragt, wo bleibt der Aufschrei der Sozialdemokratie. Denn das Ruhrgebiet geht vor die Hunde. Die haben da immer gesprochen vom Strukturwandel, da hat kein Strukturwandel stattgefunden – da hat Deindustrialisierung stattgefunden: Gelsenkirchen, die Stadt, in der ich geboren bin, hat heute die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland. Und in anderen Ruhrgebietsstädten sieht’s nicht viel besser aus, und wir in Gelsenkirchen haben die meisten armen Kinder in Deutschland.

COMPACT: Als Sie in die SPD eingetreten sind, gab es da noch patriotische Traditionen?

Reil: Mein Opa war bis zum Ende seines Lebens auch Preuße, der hat sich nie als Nordrhein-Westfale gefühlt, der war Preuße, das hat er mir mit auf den Weg gegeben. Also der Nationalstolz bei den alten Sozis, der war immer da, da war keiner böse auf sein Land, ganz bestimmt nicht. Und Helmut Schmidt, ein Mann, den ich unheimlich bewundere – er war für mich der größte Kanzler –, hat sich schon in den 1980ern sehr deutlich zur Asylproblematik und bis zum Ende seines Lebens sehr deutlich zum Islam geäußert. Der hat wirklich Aussagen gemacht, für die er heute als Nazi hingestellt würde.

Ich hab den extremen Niedergang der Sozis miterlebt, vor allen Dingen, seit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft an die Macht gekommen ist, mit ihrer guten Freundin, mit der [grünen Politikerin] Sylvia Löhrman – mit sozialdemokratischer Politik hatte das nichts mehr zu tun. Eigentlich würde sich [der langjährige NRW-Ministerpräsiden]Johannes Rau im Grabe umdrehen, wenn der sehen würde, was Hannelore Kraft aus seinem Land gemacht hat.

COMPACT: Was hat denn aus Ihrer Sicht den Umschwung zum Schlechten verursacht?

Reil: Der Kompass ist tatsächlich völlig umgekippt. Die Erklärung ist ganz einfach: Das Establishment der SPD – die, die was zu sagen haben –, die haben mit Arbeitern nichts mehr zu tun. Wenn man die mal fragt, was die für eine Arbeiterbiografie haben, dann sagen die: Ja, im Studium…

In der Regel sind diese Funktionäre Leute, die mal irgendwann angefangen haben zu studieren und relativ schnell Jusos geworden sind und dann angefangen haben, für die Partei zu arbeiten – da sind sie in den Geschäftsstellen, dann waren sie Mitarbeiter von Abgeordneten, dann waren sie Referenten, und dann wurden sie irgendwann selbst zum Abgeordneten. Aber die haben sich über zehn, 20 Jahre hochgedient.

Sie haben nie gearbeitet, ihr Studium haben sie in der Regel gar nicht abgeschlossen, da gibt es ganz viele Beispiele. Das beste ist ja [die SPD-Bundestagsabgeordnete]Petra Hinz, die hat ihr Studium gar nicht angefangen, die hat ihr Abitur und ihr Jurastudium total erfunden. Die sind alle rundgelutscht, sind alle austauschbar, ohne Ecken und Kanten, die sprechen keine klare Sprache.

COMPACT: Sie hatten auf Arbeit bestimmt viel Kontakt mit ausländischen Kollegen. Wie sind Sie mit denen ausgekommen?

Reil: Also ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin mein ganzes Leben mit Türken zusammengewesen, das waren auch Moslems, und die hab ich früher als positiv empfunden. Das waren meine besten Freunde. Da hat die Religion auch gar keine Rolle gespielt, die waren anders drauf. Das hat sich komplett geändert in den letzten Jahren. Die werden ständig religiöser und die werden ständig nationaler. Und dann wird denen vorgebetet, zum Beispiel von [dem islamischen Moscheenverband]DITIB, der von Erdogan gelenkt wird. Da hat sich eine Gruppendynamik entwickelt und ein unheimlicher Nationalstolz, den ich an meinen Türken, mit denen ich gearbeitet hab, gar nicht kannte. Aber viele türkische Kollegen sehen die aktuelle Lage ähnlich wie wir. Die sagen: Ich habe Angst um meine Söhne, wenn die am Wochenende rausgehen. Sie sehen zwei große Gefahren: Dass die sich islamisch radikalisieren, in irgendeiner Hinterhofmoschee, oder dass sie in die Kriminalität abrutschen. Dabei muss man sehen: Das sind Kinder mit Abitur. Und trotzdem finden sie keinen Job und geraten auf die schiefe Bahn. Und vor dem Hintergrund frage ich mich: Wie wollen wir die Leute integrieren, die jetzt als Flüchtlinge zu uns kommen und noch nicht mal Deutsch sprechen? Die, die an den Schalthebeln sitzen, die wissen das. Mir hat ein SPD-Minister schon im November 2015 gesagt, maximal zehn Prozent der Flüchtlinge sind in Arbeit vermittelbar – und zwar nicht kurzfristig, sondern langfristig. Als ich mich dann aufgeregt habe, warum wir Sozialdemokraten das trotzdem mitmachen, hat er mir gesagt: Das hat drei Gründe. Erstens, wir haben auch keine Lösung. Zweitens, wir dürfen die Bevölkerung nicht verunsichern. Und drittens: Wir dürfen die Rechten nicht stark machen. Das kann niemals klappen! Diese ganze Politik wird uns um die Ohren fliegen. Und da habe ich noch nicht über Kriminalität gesprochen. Da habe ich nur die rein wirtschaftlichen Probleme der Integration aufgezeigt.

Verrat am Wähler enthält folgende Kapitel:

  • CDU/CSU: Der Absturz: Von Adenauer über Kohl zu Merkel
  • SPD: Von der alten Arbeiterpartei zur Asyl- und Banker-Lobby
  • FDP: Das Ende des Liberalismus: Das Elend des Christian Lindner
  • Grüne: Kriege, Kapital und Kindersex: Mutation einer Friedenspartei
  • Linke: Von den Erben der SED zu den Krawallanten der Antifa

 

COMPACT: Ich habe den Einruck, dass die Gastarbeiter der ersten Generation, selbst die Türken, die Probleme der Offenen Grenzen viel deutlicher aussprechen als die Deutschen mit ihrer Ängstlichkeit. Viele dieser Gastarbeiter wählen heute AfD, oder?

Reil: Da stimme ich ganz deutlich zu. Vor allem meine osteuropäischen Kollegen drehen völlig durch bei dem, was sich hierzulande abspielt. Selbst meine Türken sind entsetzt, wen wir da alles reingelassen haben – denn diese Leute waren oft vorher ein, zwei Jahre in der Türkei und haben dort schon Sch*** gemacht. Die haben dort Arbeit und Wohnung gehabt und haben das aufgegeben, weil es in Deutschland mehr zu holen gibt.

COMPACT: Zum offenen Zerwürfnis mit der der SPD kam es erst vor zwei Jahren. Warum?

Reil: Ich habe im September 2015 [dem Monat der Grenzöffnung durch die Bundeskanzlerin]gesehen, dass – nach all den Problemen, die es schon gab – plötzlich noch einmal eine Million Männer aus dem Nahen Osten kommen, die angeblichen Flüchtlinge… Und viele ausgerechnet in meinen Stadtteil in Essen, wo wir schon eine Immigrantenquote von 40 Prozent hatten, bei den Kindern waren es schon 70 Prozent. Und da wird ein großes Flüchtlingsdorf aufgebaut, und noch mal 700 Flüchtlinge kommen dazu… Und dann hab ich gesagt: Jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt ist endgültig Schluss. Da haben sich auch andere tierisch aufgeregt bei mir in der SPD-Fraktion. Aber keiner hat was gesagt! Wenn man über die Standorte von Flüchtlingsheimen diskutiert, dann ist das immer so, dass ein Betroffener wie ich sich aufregt – und alle anderen machen drei Kreuze unterm Tisch… Hinterher ist das Interessante, da klopfen die Dir auf die Schulter: Ja, hast ja Recht gehabt, wir wissen das ja, das kann ja alles nicht funktionieren, aber wir können ja nichts ändern, wir können ja nichts machen.

In dieser Situation, Ende 2015, hab ich über Weihnachten ein Gespräch geführt mit meiner Familie, mit meiner Frau – ihnen im Prinzip meine Entscheidung mitgeteilt, dass ich es offen sagen werde, dass ich jetzt ein Interview geben werde und die Sache mal anstoßen werde. Das hab ich dann tatsächlich getan. Am 4. Januar hab ich der WAZ ein Interview gegeben mit dem Titel: «Integration arabischer Flüchtlinge scheitert». Mit dem Interview bin ich bundesweit bekannt geworden, und es hat eine Riesenwelle gegeben, vor allen Dingen eine Riesenwelle an Zustimmung. Die einzigen, die nicht zugestimmt haben, waren das Establishment meiner Partei und die Jusos. Also die Jusos waren die ersten, die mich als Faschisten bezeichnet haben… Dann hat die WAZ eine Online-Umfrage gemacht, und ich hatte eine Zustimmung von 96 Prozent.

Da wurden viele wach, viele munter! Dann haben wir zur Demo aufgerufen. Da ging’s noch nicht mal grundsätzlich um die Frage, ob wir Flüchtlinge wollten, sondern nur, wie die verteilt sind in der Stadt. Da schritt Hannelore Kraft ein und schickte den SPD-Generalsekretär vorbei, um mich da auszubremsen. Das Aufbegehren der SPD-Basis war da, aber es wurde von oben weggebürstet.

Das  Interview erschien zuerst in COMPACT Spezial Nr. 14: „Verrat am Wähler – Geschichte und Gegenwart der Altparteien“. Jetzt bestellen im COMPACT-Shop.

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