„Hohes Risiko langfristiger Inhaftierung“ – US-Reisewarnung für Nordkorea wirft Fragen auf

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Stehen die USA und Nordkorea nun möglicherweise doch kurz vor einem Krieg? Manches deutet auf eine militärische Vorbereitung hin. Eine gerade herausgegebene Reisewarnung für US-Bürger ist ein weiteres Indiz dafür, dass hier irgendetwas im Busch ist…

Seit neuestem rangiert der „Schurkenstaat“ Nordkorea auf Level 4 der Gefährdungsstufe des US-Außenministeriums. Nur eine Stufe höher geht die Skala. Von Reisen rät man grundsätzlich ab, da es ein „ernsthaftes Risiko“ von Verhaftung und langfristigem Gefängnisaufenthalt gebe. Wer aber dennoch reisen wolle, müsse sich nun eine „spezielle Erlaubnis“ einholen. Dazu gesagt wird gleich, dass solche Genehmigungen nur in sehr seltenen Fällen ausgegeben werden. Heißt im Klartext: Bis auf weiteres kein Nordkorea für die Amis! Wer doch eine der limitierten Sonderlizenzen erhält, wird dazu angehalten, vor Abreise sein Testament zu machen und mit der Familie schon mal die Begräbnisdetails und Erbschaftsfragen durchzugehen – für den Fall der Fälle.

Man fragt sich dabei aber natürlich: Gibt es denn tatsächlich Grund zur Beunruhigung? Schließlich war auch unser Autor Peter Wiegrefe bereits zu ausgedehnten Reisen in Nordkorea unterwegs und musste dort, trotz seiner Tätigkeit als Journalist, keinerlei Repressionen fürchten. (Seine ausgezeichneten Reiseberichte sind übrigens extrem spannend und authentisch und können vollständig in unserem neuesten COMPACT-Spezial Nr. 16 USA gegen China – Endkampf um die Neue Weltordnung gelesen werden – hier gehts zum Heft!

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Zurück zum Thema: Ist so eine Reisewarnung der US-Behörden berechtigt? Oder will man hier mal wieder nur rhetorisch eskalieren? Etwas merkwürdig kommt sie einem schon deshalb vor, da in amerikanischen Geheimgefängnissen sicherlich weltweit mehr Menschen „langfristig“ interniert werden  – und zwar ganz ohne Anklage. Man denke nur an den Fall Kurnaz und an Abu Ghraib. Aber solche Fakten spielen natürlich keine Rolle, wenn es darum geht, den aktuellen politischen Gegner anzuschwärzen. Also: Wie viele US-Amerikaner sind denn eigentlich derzeit in Nordkorea in Haft? Mitte Juni 2017 berichtete die New York Times von insgesamt drei Personen US-amerikanischer Nationalität, die in Nordkorea festgehallten würden. Eine Auflistung bei Wikipedia zählt ebenfalls drei Personen auf. Alle wurden verhaftet, weil ihnen Spionage oder gar die Vorbereitung von Umsturzversuchen vorgeworfen wird. So jedenfalls äußerten sich die Nordkoreanischen Behörden zum Sachverhalt. Andere US-Gefangene der Vergangenheit waren in vielen Fällen illegal ins Land eingereist oder hatten sich aus Sicht der kommunistischen Führung anderer Verbrechen zumindest verdächtig gemacht. Fast alle diese Häftlinge wurden innerhalb weniger Monate entlassen und an die USA überstellt, keinem wurde je ein Haar gekrümmt. 

Man sollte also annehmen: Wer lediglich in Nordkorea Urlaub machen will, tatsächlich Interesse an Land und Leuten hat und dabei die Gepflogenheiten der Eingeborenen respektiert, dürfte nichts zu befürchten haben. Im Gegenteil werden sich die Nordkoreaner wohl über die Devisen-Einnahmen freuen. Warum also diese eindringliche Warnung? Noch Anfang Januar waren aufmerksame Leser der internationalen Presse erleichtert zu erfahren, dass sich Nord- und Südkorea zum ersten Mal seit Jahren wieder gemeinsam an den Verhandlungstisch gesetzt haben, um die sich aufschaukelnden Aggressionen der letzten Monate zu entschärfen. Dazu schrieb etwa Die Zeit am 9.Januar:

„Die Gespräche zwischen Süd- und Nordkorea haben eine erste Annäherung gebracht: Delegationen beider Länder vereinbarten bei ihrem ersten Treffen seit mehr als zwei Jahren, wieder Militärgespräche aufnehmen zu wollen. In einer gemeinsamen Drei-Punkte-Abschlusserklärung teilten die Nachbarländer mit, sie wollten dadurch die „aktuellen militärischen Spannungen entschärfen“.

Nordkorea werde, so wurde damals auch von beiden Seiten erklärt, mit einer Delegation an den Olympischen Winterspielen in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang teilnehmen. Ein schönes Zeichen der Deeskalation zwischen den Brüdervölkern. Leider scheint genau das besonders den Achsenmächten des Stellvertreterkonflikts wenig zu gefallen.  Wie Sputniknews berichtet, seien vor allem London und Tokio bereit, den Druck auf Pjöngjang trotz dieser Bemühungen zu erhöhen. Von der Lockerung der Sanktionen gegen das bitterarme Land spricht auch niemand. Die nordkoreanische Tageszeitung Rodong Sinmun sieht die Pläne Washingtons, „im Raum der Korea-Halbinsel eigene strategische, militärische Aktiva zu stationieren“, als einen „Schlag gegen die Atmosphäre der Aussöhnung“, so Sputniknews.

Eine weitere Komponente der Eskalation und Panikmache kommt hinzu, die wohl auch schwerlich als Betriebsunfall durchgehen kann. Am vergangenen Samstag wurde durch die US-Katatstrophenbehörde FEMA in Hawaii eine massive Panik vor einem nordkoreanischen Nuklearschlag geschürt. Der Focus schreibt dazu:

„Die Katastrophenschutzbehörde FEMA des Bundesstaats hatte am Samstagmorgen die Bevölkerung per SMS-Nachricht vor einer Rakete gewarnt, die im Anflug auf Hawaii sei. „Dies ist keine Übung“, hieß es in der Nachricht am Samstagmorgen (Ortszeit), die auch über Radio und Fernsehen verbreitet wurde. Die Bevölkerung solle unverzüglich Schutz suchen.“

Die Folge war ein zum Teil Stunden andauernder Ausnahmezustand. Menschen kletterten in Luftschutzbunker, in die Kanalisation, rannten sich panisch gegenseitig über den Haufen  – Kinder hatten richtig Angst. Dann kam die Entwarnung. Diese Szene zeigt, wie gut die Propaganda doch noch funktioniert. Manch einer fühlte sich an Orsen Wells „Krieg der Welten“ und die Massenpanik von 1938 erinnert. Mittlerweile glauben auch viele Amerikaner, dass die Nordkoreaner über Sprengköpfe verfügen, die das US-Festland erreichen können. Ob dem so ist? Wohl kaum.

Aus der internationalen Presse erfährt man noch weitere interessante Details, die die ganze Geschichte und insbesondere die Reisewarnung in ein etwas anderes Licht rücken. Könnte es sein, dass die USA in einem fortgeschrittenen Stadium der Kriegsvorbereitungen sind? Diese These hat ein Autor der britischen Tageszeitung Daily Telegraph aufgestellt, nachdem er Insider-Informationen sowohl aus britischen wie amerikanischen Regierungskreisen erhalten habe. In dem Artikel heißt es:

„Das Weiße Haus hat seine Vorbereitungen für eine militärische Lösung in den letzten Monaten ‚dramatisch‘ hochgefahren, da man befürchtet, dass die Diplomatie nicht wirken könnte, wie hochrangige Quellen sagten.“

Dass militärische Gewaltanwendung nun also ernsthaft diskutiert (und offenbar auch geplant) wird, zeigen die im Artikel genannten Vorschläge zur prophylaktischen Zerstörung einer „Raketenbasis“. Als Drahtzieher wird der US-General H.R. McMaster genannt. Als nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten gilt er als erster Fürsprecher für einen Militärschlag gegen das „Regime“. Zu der Strategie der Falken heißt es im Telegraph:

„Die Hoffnung ist, dass die militärische Macht Kim Jong-un zeigen könnte, dass es den USA ‚ernst‘ ist mit der Beendigung des Nuklearprogramms und dadurch Verhandlungen erzwungen werden.“

Uncle Sam scheint also wieder ganz der Alte: Und willst du nicht hören, so brauch‘ ich Gewalt. Ob sich der Stellvertreter-Konflikt in Nordkorea weiter zuspitzen wird oder die USA und China eine andere Lösung finden, ihre geostrategischen Interessen friedlich auszutaxieren, bleibt vorerst unklar. Die Reisewarnung könnte als Hinweis verstanden werden, dass es aus Sicht der USA jetzt Zeit ist für alle Landsleute, die Koffer zu packen und einen großen Bogen um Nordkorea zu machen, wenn man nicht in Kriegshandlungen verwickelt werden will. Alles über den dahinterstehenden Konflikt der Großmächte USA und China lesen Sie in unserem brandneuen COMPACT-Spezial Nr. 16: Endkampf um die Neue Weltordnung. Informieren Sie sich heute über den großen Wettkampf der Systeme und die Bedeutung dieses Kampfes für die Welt von morgen.

Die Reisewarnung des US-Außenministeriums liest sich drastisch:

Das US-Außenministerium sorgt sich um Nordkorea-Urlauber. Ob da noch etwas anderes dahinterstecken könnte? Foto: Screenshot travel.state.gov

Über den Autor

Marc Dassen

Marc Dassen wurde 1989 in Aachen geboren und hat Anfang 2015 sein Studium der Geschichte und Philosophie mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen. Seither arbeitet er als Journalist für COMPACT-Magazin.

 

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