Die deutsche Identitätssehnsucht speist sich aus dem Geist der Romantik. Es lohnt sich, deren Kraftfelder und Inspirationsquellen herauszuarbeiten – und auf Schnittstellen mit der aktuellen Landlust zu überprüfen. Ein Textauszug aus COMPACT 6/2018.

    _ von Rüdiger Lenhoff

    Obgleich Friedrich Nietzsche in seinen bekanntesten Werken als unsentimentaler Zertrümmerer des Gewachsenen und Vertrauten auftrat, um seinem Übermenschen den Weg zu eben, kannte der philosophische Feuerkopf auch Geborgenheitssehnsüchte. So huldigte er in der ersten Strophe seines Gedichtes «Vereinsamt» der Heimat und warnte vor dem Schicksal moderner Heimatlosigkeit:

    Die Krähen schrei’n
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnei’n –
    Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!

    Heimat hat drei Dimensionen: Sie ist ein Ort, an dem man sich in vertrauter Umgebung mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen kann. Sie ist ein Gefühl, das Wärme, Halt und Kraft gibt. Und sie steht für eine menschliche Gemeinschaft, in der man unter seinesgleichen ist und sich nicht erklären muss. All das macht Heimat zum Gegenpol globalisierungsbedingter Ort-, Gefühl- und Gemeinschaftslosigkeit. Ein Mensch ohne Heimat ist wie Flugsand oder Treibholz. Ein Heimatloser weiß nicht, woher er kommt und wer er ist. Er macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, ohne sie je zu finden. Er wird zum Fremden, zum Ausländer vor sich selbst. Ein Mensch ohne Heimat, Herkunft und Identität ist ökonomischen und politischen Mächten schutzlos ausgeliefert.

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    Unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft

    Der US-Soziologe Richard Sennett hat in seinem Klassiker Der flexible Mensch beschrieben, wie der One-World-Kapitalismus die Menschen zu bindungs- und heimatlosen Arbeitsnomaden macht. Wenn die neoliberal bestimmte Arbeitswelt die Menschen zwingt, jederzeit den Arbeits- und Wohnort zu wechseln, dann bauen sie keine Häuser und gründen keine Familien mehr. Sie scheuen dauerhafte Bindungen zu Land und Leuten und leben in einem ständigen Zustand der Verunsicherung und Instabilität. Dieses Schicksal ist von einer ganz eigenen Grausamkeit und menschlichen Tragik, weshalb Nietzsche in der zweiten Strophe seines Gedichtes warnte: «Weh dem, der keine Heimat hat!»

    Geschichte, Mythos und Natur

    Die drei Dimensionen von Ort, Gefühl und Gemeinschaft lassen sich auch auf die drei Begriffe von Natur, Geschichte und Volk bringen. Genau darum drehte sich das Sehnen der Romantiker. Diese stemmten sich zwischen 1790 und 1830 dem Gefühl des Heimat- und Identitätsverlustes entgegen, indem sie die Menschen seelisch wieder beheimaten wollten. Den dichtenden und malenden Romantikern dienten die deutsche Geschichte, Kultur und Tradition als Kraft- und Inspirationsquelle. Mit ihrer Suche nach dem Volkscharakter leisteten sie einen unschätzbaren Beitrag zu Geschichtsbewusstsein und Einheitsgefühl im politisch zerrissenen Deutschland.

    Rüdiger Safranski beschrieb diese Epoche in seinem 2007 erschienenen Buch Romantik. Eine deutsche Affäre:

    Sie gehört zu den seit zweihundert Jahren nicht abreißenden Suchbewegungen, die der entzauberten Welt der Säkularisierung etwas entgegensetzen wollten. Romantik ist neben vielem, was sie sonst noch ist, auch eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln. Das hat ihr die Kraft zur beispiellosen Rangerhöhung des Imaginären gegeben. Die Romantik triumphiert über das Realitätsprinzip. Gut für die Poesie, schlecht für die Politik, falls sich die Romantik ins Politische verirrt. Dort also beginnen die Probleme, die wir mit dem Romantischen haben.

    Um seine These zu untermauern, ging der Literaturwissenschaftler auf Spurensuche. Er entdeckte die mittelalterliche Reichsidee der Romantiker und Novalis’ Verständnis der Kulturnation, Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation, die Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft und ihre «Romantik in Waffen». Er widmete sich dem Revolutionär Richard Wagner und dessen – freilich judenfeindlich eingefärbtem – Antikapitalismus, spannte den Bogen weiter zu Nietzsches Verachtung des seelenlosen Materialismus und seinem kulturerneuernden Lebenskult, der auf die Jugendbewegung, den Jugendstil, die Neuromantik und die Reformpädagogik ausstrahlte. Ihm wurde bewusst, dass Nietzsches Mahnung «Bleibet der Erde treu» Künstler wie den völkischen Maler Fidus und Stefan George mit seiner Statthalterschaft für das «Geheime Deutschland» befeuerte. (…)

    Ende des Textauszugs. Vollständiger Text in COMPACT 6/2018.

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