Heimat tut gut: Deutsche Identität aus dem Geist der Romantik

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Unser Land, unsere Kultur, unsere Geborgenheit: Die deutsche Identitätssehnsucht speist sich aus dem Geist der Romantik. Es lohnt sich, deren Kraftfelder und Inspirationsquellen herauszuarbeiten – und auf Schnittstellen mit der aktuellen Landlust zu überprüfen. Ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018 «Heimat tut gut».

_ von Rüdiger Lenhoff

Obgleich Friedrich Nietzsche in seinen bekanntesten Werken als unsentimentaler Zertrümmerer des Gewachsenen und Vertrauten auftrat, um seinem Übermenschen den Weg zu eben, kannte der philosophische Feuerkopf auch Geborgenheitssehnsüchte. So huldigte er in der ersten Strophe seines Gedichtes «Vereinsamt» der Heimat und warnte vor dem Schicksal moderner Heimatlosigkeit: «Die Krähen schrei’n // Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: // Bald wird es schnei’n – // Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!»

Heimat hat drei Dimensionen: Sie ist ein Ort, an dem man sich in vertrauter Umgebung mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen kann. Sie ist ein Gefühl, das Wärme, Halt und Kraft gibt. Und sie steht für eine menschliche Gemeinschaft, in der man unter seinesgleichen ist und sich nicht erklären muss. All das macht Heimat zum Gegenpol globalisierungsbedingter Ort-, Gefühl- und Gemeinschaftslosigkeit. Ein Mensch ohne Heimat ist wie Flugsand oder Treibholz. Ein Heimatloser weiß nicht, woher er kommt und wer er ist. Er macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln, ohne sie je zu finden. Er wird zum Fremden, zum Ausländer vor sich selbst. Ein Mensch ohne Heimat, Herkunft und Identität ist ökonomischen und politischen Mächten schutzlos ausgeliefert.

Caspar David Friedrichs Gemälde «Kreidefelsen auf Rügen» ist vielleicht das bekannteste Werk der deutschen Romantik. Auf der größten Ostseeinsel wird man sie jedoch nicht finden, denn der Künstler ließ sich von verschiedenen Felsen inspirieren. Die tatsächlich täuschend ähnlichen Wissower Klinken existierten zur Zeit der Entstehung des Bildes 1818 noch nicht. | Foto: Public Domain, Wikimedia Commons

Der US-Soziologe Richard Sennett hat in seinem Klassiker Der flexible Mensch beschrieben, wie der One-World-Kapitalismus die Menschen zu bindungs- und heimatlosen Arbeitsnomaden macht. Wenn die neoliberal bestimmte Arbeitswelt die Menschen zwingt, jederzeit den Arbeits- und Wohnort zu wechseln, dann bauen sie keine Häuser und gründen keine Familien mehr. Sie scheuen dauerhafte Bindungen zu Land und Leuten und leben in einem ständigen Zustand der Verunsicherung und Instabilität. Dieses Schicksal ist von einer ganz eigenen Grausamkeit und menschlichen Tragik, weshalb Nietzsche in der zweiten Strophe seines Gedichtes warnte: «Weh dem, der keine Heimat hat!»

Geschichte, Mythos und Natur

Die drei Dimensionen von Ort, Gefühl und Gemeinschaft lassen sich auch auf die drei Begriffe von Natur, Geschichte und Volk bringen. Genau darum drehte sich das Sehnen der Romantiker. Diese stemmten sich zwischen 1790 und 1830 dem Gefühl des Heimat- und Identitätsverlustes entgegen, indem sie die Menschen seelisch wieder beheimaten wollten. Den dichtenden und malenden Romantikern dienten die deutsche Geschichte, Kultur und Tradition als Kraft- und Inspirationsquelle. Mit ihrer Suche nach dem Volkscharakter leisteten sie einen unschätzbaren Beitrag zu Geschichtsbewusstsein und Einheitsgefühl im politisch zerrissenen Deutschland.

Rüdiger Safranski beschrieb diese Epoche in seinem 2007 erschienenen Buch Romantik. Eine deutsche Affäre: «Sie gehört zu den seit zweihundert Jahren nicht abreißenden Suchbewegungen, die der entzauberten Welt der Säkularisierung etwas entgegensetzen wollten. Romantik ist neben vielem, was sie sonst noch ist, auch eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln. Das hat ihr die Kraft zur beispiellosen Rangerhöhung des Imaginären gegeben. Die Romantik triumphiert über das Realitätsprinzip. Gut für die Poesie, schlecht für die Politik, falls sich die Romantik ins Politische verirrt. Dort also beginnen die Probleme, die wir mit dem Romantischen haben.»

«Romantik ist … auch eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.» Rüdiger Safranski

Um seine These zu untermauern, ging der Literaturwissenschaftler auf Spurensuche. Er entdeckte die mittelalterliche Reichsidee der Romantiker und Novalis’ Verständnis der Kulturnation, Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation, die Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft und ihre «Romantik in Waffen». Er widmete sich dem Revolutionär Richard Wagner und dessen – freilich judenfeindlich eingefärbtem – Antikapitalismus, spannte den Bogen weiter zu Nietzsches Verachtung des seelenlosen Materialismus und seinem kulturerneuernden Lebenskult, der auf die Jugendbewegung, den Jugendstil, die Neuromantik und die Reformpädagogik ausstrahlte. Ihm wurde bewusst, dass Nietzsches Mahnung «Bleibet der Erde treu» Künstler wie den völkischen Maler Fidus und Stefan George mit seiner Statthalterschaft für das «Geheime Deutschland» befeuerte.

Doch wie passt Safranskis Kritik der Romantik als gefährliche politische Tiefenströmung zu den unschuldig-schönen Zeilen, die Novalis in seinem Gedichtzyklus Hymnen an die Nacht der Nachwelt hinterließ? Die betörenden Verse lauten: «Was sollen wir auf dieser Welt // Mit unsrer Lieb’ und Treue. // Das Alte wird hintangestellt, // Was soll uns dann das Neue. // O! einsam steht und tiefbetrübt, // Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt. – Die Vorzeit, wo die Sinne licht // In hohen Flammen brannten, // Des Vaters Hand und Angesicht // Die Menschen noch erkannten, // Und hohen Sinns, einfältiglich // Noch mancher seinem Urbild glich.»

Unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft. | Foto: COMPACT

Die Romantiker wollten der Gegenwart eine neue Einheit des Lebens entgegensetzen, die aus Geschichte, Mythos und Natur schöpft. Obwohl ihnen der Ruf des Eigenbrötlerischen anhaftet und viele ihrer literarischen Figuren rastlose Einzelgänger sind – dafür steht beispielhaft die Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff –, sind diese doch alle von einer großen Heimat- und Gemeinschaftssehnsucht getrieben.

Aufstand gegen Fremdbestimmung

Das gilt auch für Caspar David Friedrich als bekanntestem Maler dieser geistes- und kulturgeschichtlichen Epoche. Seine berührenden Landschaftsbilder zeigen oft die Verlassenheit und Verlorenheit des Menschen. Doch die Zwiesprache mit der heimischen Natur und den Zeugnissen der eigenen Geschichte gibt ihm wieder Hoffnung auf Erlösung. In seinen Bildern verherrlichte Friedrich die deutsche Heimat, egal ob er Motive aus seiner pommerschen Geburtsheimat oder seiner sächsischen Wahlheimat mit dem Pinsel schuf. Mehrfach ergriff er Partei gegen die napoleonische Fremdherrschaft und nahm in seinem düsteren Bild Der Chasseur im Walde die Niederlage der Franzosen vorweg. Er verspottete die Anhänger der künstlerischen Klassik, die die griechische und römische Antike nachzuäffen versuchten: «Denen Herren Kunstrichtern genügen unsere teutsche Sonne, Mond und Sterne, unsere Felsen, Bäume und Kräuter, unsere Ebenen, Seen und Flüsse nicht mehr. Italienisch muss alles sein, um Anspruch auf Größe und Schönheit machen zu können.»

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Den als entzaubert und fremdbestimmt empfundenen Gegenwartsverhältnissen entflohen die Romantiker durch Eintauchen in eine idealisierte Vergangenheit, die meist im Hochmittelalter mit seinen stolzen Rittern, prächtigen Burgen und einer intakten christlichen Wertewelt angesiedelt war. Aus diesem Geist schickte sich der preußische Reformer Freiherr vom und zum Stein im Jahr 1819 an, mit der Monumenta Germaniae Historica [deutsch: Geschichtliche Denkmale Deutschlands] die wichtigsten deutschen Quellen zum Mittelalter zu editieren. Das Studium von Märchen und Mythen schloss die altgermanische Dichtung in Gestalt der Edda und die später entstandene Nibelungensage ein. (…)

Dies ist ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018 «Heimat tut gut». Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung einfach hier oder auf das Bild oben klicken.


_ Rüdiger Lenhoff (*1977) ist Historiker (M.A.) und lebt im Emsland. Der Alte Herr einer Burschenschaft befasst sich insbesondere mit der deutschen Nationalgeschichte seit dem Vormärz. 


Über den Autor

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8 Kommentare

  1. Aristoteles am

    Die Leistungen der Gebrüder Grimm sind noch lange nicht ausgeschöpft. Eine Deutsche Religion wird u.a. aus diesen Leistungen erwachsen.

  2. Aristoteles am

    Belgien war von Anfang an nicht viel mehr als der Flugzeugträger des Imperium Britannicum auf dem Kontinent.

    Zu sagen, dass jemand seine Familie nur deshalb als ihm wesenhaft und nah verbunden fühlt, weil er kein Geld hat, tolle Menschen in Amerika zu besuchen, klingt zwar in BRD-Ohren heutzutage ziemlich witzig, besitzt aber wie gesagt seine Witzigkeit nur so lange, wie dem Geld und studentischen Eramus-Orgasmus-Projekten ein größerer Stellenwert eingeräumt wird als der Liebe zur Heimat.

  3. Waltrun Esch am

    Menschen eines bestimmten bodenständig gewachsenen Stammes können selten ohne Schaden an Leib und Seele "verpflanzt" werden; die Nachkommen sehnen sich nach der Herkunftsheimat ihrer Vorfahren; der Beweis ist das oft schnelle Gesunden von kränkelnden Menschen nach Rückkehr zum sippenmäßigen Ursprungsland.

  4. Gunther Becker am

    Nur leider ist festzustellen das eine Deutsche Identität immer mehr verschwindet.
    Beweis ist die Amerikanisierung der Gesellschaft.
    Im Sprachgebrauch werden immer mehr Englische Begriffe verwendet, selbst an Geschäften nimmt das Englische immer mehr zu.
    Die Medien ob Rundfunk, Fernsehen oder Zeitung tun ihr bestes damit dieses weiter verbreitert wird.
    Mit der stetigen Unterordnung unter das Diktat der Amerikaner sowie deren überproportionale Militärische Präsenz kann man diesen Prozess stetig verfolgen.
    Mit der Aufgabe der Souveränität verschwindet auch langsam die Identität.
    Mit einer Amerika hörigen Regierung wird sich dieses auch nicht ändern

    • Harald Kaufmann am

      @Gunther Becker,

      Es wird Zeit, mit dem Kaugummikauderwelch Denglisch in Deutschland aufzuhören.

      Ich bin kein Inselaffe und kein Ami und will auch niemals einer sein. Und Hollischrott mit den ewig schöne Ami-Helden mit viel Muckis aber wenig Hirn, können die sich hinschieben, dahin wo die Sonne nicht hinkpommt.

      So was primitives, benötigt kein Mensch.

  5. Bei dem Begriff wird leider völlig außer acht gelassen, daß es für jeden auch eine ZEIT gibt, in der er beheimatet ist. Einerseits wird es als großer Vorteil hingestellt, daß die Menschen immer älter werden, andererseits werden aber die Alten gezwungen, sich den Jungen anzupassen und das auch noch als Vortschritt und Vorteil verkauft. Normal ist eigendlich, daß die Jungen von den Alten lernen, nicht umgekehrt.
    Wenn dann Ältere mit der Technik nicht mehr klarkommen werden sie als Idioten hingestellt, anstatt dafür zu sorgen, daß auch jeder die Dinge seiner ZEIT weiterhin benutzen, erhalten und repariert bekommen kann. Es mag kein Wunder sein, daß einige dann mit Demenz darauf reagieren oder ihnen Demenz unterstellt wird, wenn die mit der ZEIT der Enkel nicht klarkommen.
    Früher sind die Menschen nicht sooo alt geworden und die Umwelt hat sich nicht so schnell verändert. Besser war das für die Seelen!
    Offensichtlich werden sogar Alzheimerkranke sofort viel selbständiger, wenn man ihnen die Umgebung gibt in dessen ZEIT sie sich beheimatet fühlen. Also z.B. Möbel, Kleidung und Technik der 1950er Jahre.

  6. Dacht ich mir schon. Alles nur Landschaftspornographie. Weil nach Napoleon keiner mehr Geld für Italienreisen hatte, kam bei den armen Schluckern plötzlich Deutschland in Mode. Dabei ist Belgien viel schöner:
    [ NATUURPUNT.BE: Onze mooiste gebieden ]

    Wenn ich Kreidefelsen will, fahr ich von Oostende nach Dover. Alles andere hat Belgien auch. Dank Belgien war 1815 Schluss mit Napoleon und heute, wer weiß?
    [ LONELYPLANTE.com: Field of destiny: Waterloo battlefield, Belgium ]

    En niet vergeten. Vanavond de Duivels kijken!
    [ HLN.be: Hier kan je de Rode Duivels op het grote scherm volgen ]

    • @ Gabi

      Die Krähen schrei’n.
      Noch ist’s Sommer.
      Bald wird’s schnei’n.
      Wohl dem, der noch ’ne
      warme Stube nennt sein.

      Nach Merkel wird sich der deutsche
      Landschaftspornograph eine Reise
      nach Belgien oder Engelland nicht mehr
      leisten können oder wollen, aber er kann,
      wenn er denn will, auf Rügen
      (Mecklenburg-Vorpommern)
      heimatliche, weiße Kreide schau’n.

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