Haus des Anstoßes

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Sie sind keine Hausbesetzer, sondern zahlen Miete. Dennoch ist ihr Projekt geradezu revolutionär. Bei Kontrakultur Halle lebt, denkt, arbeitet und feiert man zusammen.

Halle, am 24. Oktober 2017: Es ist kurz nach 23 Uhr, als sich vier vermummte Gestalten in weißen Maleranzügen zügig dem Haus in der Adam-Kuckhoff-Straße 16 nähern. Mit ihren mit Farbe gefüllten Feuerlöschern machen sie die Überwachungskameras blind – dann geht alles ganz schnell: Ein Tross von etwa 25 bis 30 Personen folgt dem Vorabkommando, mehr als einhundert Pflastersteine fliegen. Unten machen sich mehrere Leute zu schaffen, bohren ein Loch in die Haustür und spritzen stinkende Buttersäure in den Flur. In noch nicht mal einer Minute ist alles vorbei – ein offenbar generalstabsmäßig
geplanter Überfall. Die Täter können unerkannt fliehen, zurück bleiben die unübersehbaren Spuren der hinterhältigen Attacke.


Patriot Putin COMPACT-Magazin 03/2018 Patrion Putin – Partner für EuropaDas Thema finden Sie
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Es war nicht das erste Mal, dass das vierstöckige Haus in jener Nacht Ziel eines Angriffs wurde. Nur wenige Monate zuvor hatteKontrakultur Halle, ein regionaler Ableger der Identitären Bewegung (IB), das neue Zentrum eröffnet. «Von nun an wird es hier regelmäßig politische, kulturelle und soziale Veranstaltungen im Zeichen von Identität und Solidarität geben. Schon jetzt sind wir uns sicher: Dieses Haus wird ein Leuchtturmprojekt », vermeldeten die Aktivisten am 22. November 2017 auf ihrer Facebook-Seite. Und in der Tat:Das Haus ist nicht nur ein Leuchtturm, sondern eine Provokation für die in der Saalestadt relativ starke linksradikale Szene. Es befindet sich nämlich direkt gegenüber vom Steintor-Campus, wo die geistesund sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ansässig
sind. Einen Steinwurf entfernt – das kann man in diesem Fall durchaus wörtlich nehmen.

«Wir sind ein Stachel im Fleisch», sagt dazu Mario Müller, der gemeinsam mit Dorian Schubert und anderen IB-Aktivisten das Projekt hochgezogen hat. Der 29-Jährige, der an Bord der C-Star an der Mittelmeermission der Identitären gegen humanitär kostümierte Schlepperschiffe teilgenommen hat und im letzten Jahr ein Buch über den Lifestyle der jungen Rechten veröffentlichte, schiebt hinterher, dass diese Frontsituation eher dem Zufall geschuldet sei. Ein Sympathisant hatte den Leuten von Kontrakultur ein Haus zur Miete angeboten. Als man den attraktiven Altbau mit Blick auf den neuen Campus entdeckte, blieb nur wenig Zeit, sich zu entscheiden. Man wog Vor- und Nachteile ab – und sagte schließlich zu.

«Renegaten der alten Szene»

In den vier Etagen des Hauses mit seiner durch diverse Farbattacken und Schmierereien gezeichneten Fassade hat nicht nur die IB Platz gefunden. Auch die zuwanderungskritische Bewegung Ein Pro-zent, der Jungeuropa-Verlag, das neurechte Institut für Staatspolitik und der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider aus Sachsen-Anhalt unterhalten dort Büros. Eigene Räumlichkeiten hat auch der junge Designer Franz Reißner, der im Haus nicht nur seine Grafikagentur betreibt, sondern auch die Modemarke Radical Esthétique entwickelt. Zwei Etagen sind für Wohnungen reserviert, auf einer weiteren werden regelmäßig Veranstaltungen, Feiern und gesellige Abende durchgeführt. Gediegenes Bar-Interieur, ein Billardtisch und eine Sitzecke mit Bücherwand sorgen für gemütliche Kneipenatmosphäre. Finanziert wird das Projekt ausschließlich durch Spenden. Der Kreis der Unterstützer in Halle und darüber hinaus wächst kontinuierlich. Kontrakultur gilt als Vorzeigeprojekt, in anderen Regionen haben sich bereits Nachahmer gefunden.

Mario Müller, Dorian Schubert und Melanie Schmitz.

Bild rechts: Mario Müller, Dorian Schubert und Melanie Schmitz. Foto: Daniell Pföhringer

Als COMPACT vor Ort ist, packt Mario Müller, der als Sprecher der Hausgemeinschaft fungiert, gerade ein Päckchen aus, das eine Kroatin geschickt hat. Darin befinden sich ein handgeschriebener Brief, eine Ikone und mehrere Marienanhänger. Nicht nur Geldspenden, auch solche kleinen Aufmerksamkeiten sind es, die den jungen Leuten in der Adam-Kuckhoff-Straße Ansporn geben. Auch ein Priester habe schon das Haus gesegnet, erzählt uns Müller, der selbst nicht gläubig ist, aber solche Zeichen der Anerkennung zu würdigen weiß.

Der gebürtige Niedersachse, der an der Martin-Luther-Universität Geschichte und Politikwissenschaft studiert hat, kommt ursprünglich aus dem Umfeld der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) und geht mit dieser Vergangenheit ganz offen um. Gemeinsam mit einer Handvoll «Renegaten der alten Szene», wie er sagt, beschloss er 2014, neue Wege zu gehen. Sie riefen Kontrakultur Halle ins Leben, schlossen sich der Identitären Bewegung an und führten erste Aktionen durch. Zu seinen engsten Mitstreitern gehörte von Anfang an Dorian Schubert, der aus Baden-Württemberg stammt und wie Müller Mitglied der JN war.

Der 27-jährige Betriebswirtschaftsstudent erzählt von dem Sinneswandel, den er im Laufe der Jahre durchgemacht hat – weg von der NPD, nicht nur strategisch, sondern auch politisch. Früher habe man nach Aktionen auf Bildern oft die Gesichter der Beteiligten verpixelt, heute kämpfe man mit offenem Visier. «Wir wollen zeigen, dass es normal ist, rechts zu sein», so Schubert, der den lokalen Ansatz hervorhebt: «Wir wollen vor Ort ein Milieu schaffen, Gemeinschaft anbieten und leben, das Viertel kulturell prägen und, ja, wir wollen mit unserem Zentrum perspektivisch auch diese Stadt verändern.»


Das war ein Textauszug. Den Artikel finden Sie im Dossier über rechte Hausbesetzer in der neuen COMPACT 03/2018: „Patriot Putin – Partner für Europa?“ – jetzt am guten Kiosk und im COMPACT-Shop.

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Über den Autor

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Daniell Pföhringer, Jahrgang 1973, stammt aus Bayern, wuchs in Hamburg auf und studierte dort Politikwissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaften. Seit Oktober 2017 ist er Redakteur von COMPACT-Magazin und betreute federführend diverse Sonderausgaben wie COMPACT-Spezial „Finanzmächte“, „Politische Morde“ oder „Tiefer Staat“.

 

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