Hartlages BRD-Sprech: Neger

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Eine Kolumne von Manfred Kleine-Hartlage.

Bei der jüngsten Aktualisierung meiner Textverarbeitung hat Microsoft wohl stillschweigend einige meiner Einstellungen verändert.

Soeben jedenfalls habe ich diesen Artikel mit der Überschrift «Neger» begonnen und muss feststellen, dass Word diesen Titel mit einer gestrichelten Linie markiert hat. Auf einen Rechtsklick hin empfiehlt mir Microsoft: «Sie sollten den Ausdruck ersetzen.»

Sagenhaft! Die Fürsorge der IT-Giganten umfasst jetzt auch die Hilfe zur Selbstzensur, und das sogar bei Ausdrücken, die nicht den geringsten beleidigenden Gehalt haben.

Zumindest die Älteren unter den Lesern werden sich daran erinnern, dass das Wort «Neger» noch vor rund dreißig Jahren als völlig wertneutral galt. «Schwarzer» sagte man als sensibler Mensch damals nicht, um keine Vorurteile zu schüren, denn schwarz ist keine positiv besetzte Farbe – bei «Schwarz» denkt man an schwarze Kassen, Schwarzfahrer, Schwarzarbeiter, schwarze Magie, schwarze Messen, den Schwarzen Freitag, schwarze Stunden, schwarze Seelen, kurzum, an Dinge, die anrüchig oder böse sind.

Unter anderem deshalb sagte man «Neger». Das Wort geht auf das lateinische «niger» zurück, das nichts Anderes als «schwarz» bedeutet. Wer sich besonders freundlich – heute würden wir sagen: politisch korrekt – ausdrücken wollte, sprach von einem «Farbigen», und wer es nicht lassen konnte, einen solchen Menschen zu beleidigen, musste sich schon das amerikanische «Nigger» ausleihen, weil die deutsche Sprache einen rassistisch abwertenden Ausdruck für Neger schlicht nicht kannte. Wer dies nicht glauben möchte, kann bei Karl May in Old Surehand I nachlesen, wie der Ich-Erzähler seine Empörung über eine rassistische Entgleisung in die Worte fasst: «Nigger? Neger wolltet Ihr wohl sagen, Mr. Cutter!»

kleine hartlage

Kleine-Hartlage ist Publizist und Diplom-Sozialwissenschaftler.

Zu alt? Nehmen wir den antirassistischen Hollywoodfilm Rate, wer zum Essen kommt aus dem Jahr 1969 mit Sidney Poitier, in dem Schwarze ganz selbstverständlich «Neger» genannt werden. Oder man lese bei Pippi Langstrumpf nach – ach nein, das geht ja nicht mehr: Die Zensur hat Lindgrens «Negerkönig» durch einen «Südseekönig» ersetzt, und wenn man in einigen Jahren auch Karl May und Sidney Poitier durch Neuausgaben beziehungsweise neue Synchronisierungen aktualisiert haben wird und frühere Versionen nur noch im Untergrund erhältlich sind, wird niemand mehr wissen, dass eine Zensur überhaupt stattgefunden hat.


Dies war ein Textauszug. Die komplette Kolumne lesen Sie in COMPACT 2/2018: „Stasi 2.0 – Die große Säuberung“. Die erhalten Sie am gut sortierten Kiosk – oder Sie bestellen das Heft hier.

Compact-Magazin Februar 2018 Stasi 2.0

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