Eine Kolumne von Manfred Kleine-Hartlage.

    Zu den wenigen Ideologemen, über die während des Kalten Krieges zwischen BRD und DDR Konsens bestand, gehört die These, durch die Kapitulation der deutschen Streitkräfte am 8. beziehungsweise 9. Mai 1945 sei Deutschland «befreit» worden.

    Eine erstaunliche Behauptung, wenn man bedenkt, dass diese sogenannte Befreiung mit Massenvergewaltigungen deutscher Frauen, der Vertreibung von Millionen Deutschen aus ihrer Heimat, dem massenhaften Sterben deutscher Kriegsgefangener in alliierten Gefangenenlagern und der willkürlichen Inhaftierung, Verschleppung und Ermordung von deutschen Bürgern verbunden war, denen man in der Regel kaum mehr als ihre Gesinnung vorzuwerfen hatte – oft genug auch nicht einmal die: Die Anzahl der Menschen, die aufgrund bloßer Verwechslungen oder unbegründeter Denunziationen ohne Gerichtsverfahren in alliierte Konzentrationslager gesperrt wurden, wird nie mehr zu ermitteln sein.

    Das Wort Konzentrationslager ist in diesem Zusammenhang übrigens keineswegs eine polemische Übertreibung: Konzentrationslager werden errichtet, wenn es Machthabern darum geht, politisch missliebige Personengruppen, die man mangels Gesetzesverstößen nicht der Justiz überantworten kann und will, im Schwarzen Loch eines rechtsfreien Raumes verschwinden zu lassen. Die westlichen Demokratien haben geradezu eine Tradition daraus gemacht, solche Lager in den von ihnen besetzten Ländern zu errichten. Von den britischen Burenlagern zieht sich eine gerade Linie bis nach Bagram und Guantánamo, und die Lager, die die Alliierten in Deutschland errichteten, sind nicht etwa Ausnahmen von der Regel, sondern Glieder einer Kette.

    kleine hartlage
    Kleine-Hartlage ist Publizist und Diplom-Sozialwissenschaftler.

    Bedenkt man dann noch die umfangreichen Demontagen von Produktionsanlagen, den massenhaften Raub von Patenten und sonstigem geistigem Eigentum, den Verlust der deutschen Staatlichkeit und den Übergang der faktischen Staatsgewalt auf auswärtige Mächte, die nicht einmal beanspruchten, im Interesse der Deutschen zu handeln, die Einsetzung von Teilstaaten, die «Organisationsform(en) einer Modalität der Fremdherrschaft» (Carlo Schmid, SPD) waren, die systematische Bevorzugung labiler und gestörter Persönlichkeiten als Kern der künftigen deutschen Medieneliten (mit Auswirkungen bis heute) und die Tatsache, dass die Liste der Drangsalierungen, denen die Deutschen vom Tag der Kapitulation an ausgesetzt waren, damit alles andere als vollständig ist, dann bekommt das Wort «Befreiung» im Zusammenhang mit den Ereignissen des Mai 1945 einen geradezu orwellschen Klang.

    Das war ein Textausschnitt. Weiter lesen Sie in der neuen COMPACT 03/2018: „Patriot Putin – Partner für Europa?“ – jetzt am guten Kiosk und im COMPACT-Shop.

    Artikelbanner_Magazin-Abo_Geschichte-1

    Kommentare sind deaktiviert.