Happy Birthday: 100 Jahre HSV – „Uns Uwe“, Kaiser Franz, ein Grantler und viel mehr

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Am 2. Juni 1919 schlossen sich an der Alster drei Vereine zum HSV zusammen, der den deutschen Vereinsfußball nachhaltig prägte, heute aber in der Zweiten Bundesliga spielt.

Am 12. Mai 2018 um 17 Uhr 15 geschah das für viele Fußballfans eigentlich Undenkbare: Der Hamburger Sport-Verein war trotz eines 2:1-Erfolgs am letzten Spieltag der Saison im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach aus der Bundesliga abgestiegen. Dabei war der Verein bis zuletzt das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Bundesliga gewesen, das ununterbrochen seit 1963 für fast 55 Jahre die Erstklassigkeit hatte halten können.

Und sogar in den Jahrzehnten davor – bis hin zum Jahr 1919 zurück – hatte der HSV immer in der jeweils höchsten deutschen Spielklasse gespielt. Das brachte den Hanseaten den Spitznamen des „Fußball-Dinos“ ein. Darüber hinaus hätte man mit Fug und Recht aber auch sagen können, dass kaum ein anderer Verein den Fußball im 20. Jahrhundert so stark geprägt hat wie der HSV, denn seine Erfolge verteilten sich über alle Epochen dieser Zeit.

Goldene Zwanziger an der Alster

Diese Ära begann direkt im unruhigen Nachkrieg des Jahres 1919. Am 2. Juni dieses Jahres schlossen sich in der Elbestadt der SC Germania von 1887, der Hamburger FC von 1888 und der FC Falke 06 zum „Hamburger Sport-Verein“ zusammen. Der HSV zählte von Beginn an zu den stärksten Vereinsmannschaften der Weimarer Republik und machte schon drei Jahre später gleich mit zwei „Jahrhundertspielen“ auf sich aufmerksam.

In der Saison 1921/22 war den Hanseaten gleich der Durchmarsch in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft geglückt, das am 18. Juni 1922 im Berliner Grunewaldstadion ausgetragen wurde. Nach der regulären Spielzeit stand es 2:2 und es ging in die Verlängerung. Hier wollte nun aber partout kein Tor mehr fallen, und nach einer mehr als dreistündigen Spielzeit (!) musste Schiedsrichter Dr. Peco Bauwens, der später Präsident des Deutschen Fußball-Bundes werden sollte, die Partie wegen Dunkelheit abbrechen.

Also traf man sich sieben Wochen später zum Wiederholungsspiel um die Deutsche Meisterschaft in Leipzig. Auch hier stand es nach der regulären Spielzeit 1:1, und die beiden Mannschaften gingen erneut in die Verlängerung. Nach Verletzungen und Platzverweisen standen schließlich nur noch sieben Nürnberger Spieler auf dem Platz, und das war regelwidrig. Das Spiel musste abgebrochen werden, da es damals noch keine Einwechselspieler gab.

Dem HSV wurde auf einem außerordentlichen Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes die Meisterschaft zugesprochen, da man hier die Franken wegen der Platzverweise als die Verursacher des Spielabbruchs ansah.

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Aber die Hanseaten waren zu stolz, auf diese Art und Weise am grünen Tisch den Titel zu gewinnen und lehnten ab – so wurde 1922 zum Jahr ohne Fußballmeister und so war damals noch der Begriff Ehre im frühen Fußballsport definiert.

Im folgenden Jahr holten sich die Norddeutschen die Meisterschaft dann auf sportlich eindeutige Weise mit einem mühelosen 3:0-Sieg gegen Union Oberschöneweide (den heutigen 1. FC Union Berlin), der seinen Heimvorteil im Berliner Grunewaldstadion nicht nutzen konnte. Im Jahr 1924 zog man wieder in das Endspiel ein, musste sich hier aber dem 1. FC Nürnberg geschlagen geben.

Das Entscheidungspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft fand am 8. Juni 1924 unter Beteiligung von 35.000 Zuschauern zwischen F.F.C. Nürnberg (2:0) und Hamburger Sportverein im Deutschen Stadion statt. Blick auf die Zuschauer während des Spieles. Bildquelle: By Bundesarchiv, Bild 102-00461 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de.

 

 

 

 

 

 

 

 

Damals waren die Hansestädter jedenfalls der einzige echte dauerhafte Rivale der beiden fränkischen Ausnahmemannschaften 1. FC Nürnberg und SpVgg Fürth. Der damalige Star des HSV war Spielmacher Asbjørn Halvorsen, ein Norweger, der später im Jahr 1936 als Nationaltrainer die Olympiamannschaft seines Landes vor den Augen Adolf Hitlers im Berliner Olympiastadion zu dem berühmten 2: 0-Erfolg gegen das Deutsche Reich führte.

Seine „Goldenen Zwanziger“ krönte der HSV dann im Jahr 1928 mit seiner zweiten Meisterschaft, die daheim im Altonaer Stadion durch ein 5:2 gegen Hertha BSC Berlin unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Auch im folgenden Jahrzehnt zählte der HSV dann zur erweiterten nationalen Spitze, in den Jahren 1937, 1938 und 1939 erreichte der Verein jeweils das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte der HSV zum Serienmeister in der Oberliga Nord, die man zwischen 1948 und 1963 sage und schreibe 15mal als Tabellenerster abschließen konnte.

„Uns Uwe“: Der Heimat treu

Aus HSV-Sicht sicherlich unvergessen bleibt die Saison 1959/60, als man im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft im Frankfurter Waldstadion mit 3:2 gegen den 1. FC Köln siegte und sich die erste Nachkriegsmeisterschaft sicherte. Schon damals sprachen an der Elbe alle von Uwe Seeler, dem kopfballstarken Mittelstürmer, der wie kaum ein anderer Spieler bis heute für Vereinstreue und Verlässlichkeit steht.

Sein Vater hatte den Zehnjährigen im Jahr 1946 bei der Fußballabteilung des HSV angemeldet, dem „Uns Uwe“ bis heute treu blieb – trotz eines Traumangebots, das Inter Mailand ihm 1961 gemacht hatte. 1954 gab er nicht nur sein Debüt in der Oberligamannschaft der Norddeutschen, sondern im Oktober dieses Jahres gleich auch noch in der Nationalmannschaft in einem Länderspiel gegen Frankreich. Seine fast unglaubliche Bilanz in der Oberligazeit summierte sich auf 267 Tore in 237 Spielen. Vier Weltmeisterschaften spielte der Mittelstürmer von der Waterkant, und bis heute ist er Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft geblieben.

Als er bei seinem offiziellen Länderspielabschied mit Ehrungen überhäuft wurde, äußerte er nur: „Was soll der ganze Klimbim, sagt lieber, auf welches Tor wir spielen“. Obwohl sich Seeler regelmäßig auf den vorderen Plätzen der Torjägerliste einreihte, langte es für den HSV im weiteren Verlauf der sechziger Jahre immer öfter nur zu Plätzen im Bundesliga-Mittelfeld.

Rasenschach mit Zebec und Happel

In den späten siebziger und frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts folgte dann die absolute Erfolgsära der „Rothosen“ aus Hamburg, Trainerlegenden wie Branko Zebec aus Kroatien und der Wiener „Grantler“ Ernst Happel führten den HSV auf nationaler und europäischer Ebene von Erfolg zu Erfolg. Ab der Saison 1978/79 sprachen die Fußballkenner zunehmend respektvoll vom „Rasenschach“, also der überlegenen und ruhigen Spielanlage der Norddeutschen, an der sich die Gegner nacheinander die Zähne ausbissen.

Trainer Branko Zebec hatte die bitter benötigte Autorität mit an die Elbe gebracht, und der neue Manager Günter Netzer sorgte für große Professionalität bei der Führung des Vereins. Im Rückblick wird man Netzer durchaus als Vater des HSV-Erfolgs in dieser Ära bezeichnen können, denn er war es, der die beiden Erfolgstrainer Zebec und Happel in die Hansestadt holte. In der Saison 1978/79 verzauberte der vom HSV verpflichtete englische Außenstürmer Kevin Keegan – Spitzname „Mighty Mouse“ – die Fußballfans so sehr, dass der Vorname „Kevin“ in Deutschland große Beliebtheit gewann.

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Schon einen Spieltag vor Schluss hatte sich der HSV rechnerisch die Meisterschaft gesichert, doch bei dem noch ausstehenden Heimspiel gegen Bayern München wäre es beinahe zur Katastrophe gekommen, weil die HSV-Fans über einen Zaun aufs Spielfeld stürmten und es dabei 62 Verletzte gab.

Drei Jahre später holte man die Meisterschale wieder an die Elbe – diesmal schon unter „Grantler“ Ernst Happel. Kein Geringerer als „Kaiser“ Franz Beckenbauer gehörte zur Meistermannschaft des Jahres 1982, hier ließ er seine aktive Fußballerkarriere in Deutschland ausklingen, bevor er zu Cosmos New York wechselte. Das „Traumduo“ dieser Mannschaft bestand aber aus dem offensiven Verteidiger Manfred Kaltz, dem Kapitän der deutschen Nationalelf im Finale der WM des Jahres 1982, der mit seinen „Bananenflanken“ das „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch bediente, der zuverlässig einnetzte. Weitere bekannte Spieler dieser Mannschaft waren der geniale Mittelfeldregisseur Felix Magath und der exzentrische Torhüter Uli Stein.

Triumph in Athen

Im Jahr 1983 krönte sich diese Ausnahmemannschaft selbst, als sie nicht nur nochmals die Meisterschaft gewann, sondern am 25. Mai vor mehr als 70.000 Zuschauern im Olympiastadion von Athen im Finale des Europacups der Landesmeister 1:0 gegen den haushohen Favoriten Juventus Turin siegte und als zweite Mannschaft nach Bayern München diesen Titel nach Deutschland holen konnte. Magath hatte schon sehr früh mit einem herrlichen Schuss in den Winkel des von Dino Nazionale Zoff gehüteten Tors die Führung der Hanseaten besorgt, die gehalten werden konnte, weil Juve-Torjäger Paolo Rossi am Abwehrrecken Ditmar Jakobs verzweifelte und Mittelfeldregisseur Michel Platini von Wolfgang Rolff kaltgestellt wurde. Das nun anstehende Finale des Weltpokals in Tokio verloren die „Rothosen“ erst in der Verlängerung mit 1:2 gegen Gremio Porto Alegre.

Der HSV auf dem Weg zu seinem größten Erfolg in der Vereinsgeschichte. Am 15. September 1982 erkämpften sich die Hansestädter im ausverkauften Berliner Jahn-Sportpark ein 1:1 beim BFC Dynamo Berlin. Auf dem Foto ist zu sehen, wie HSV-Verteidiger Holger Hieronymus den BFC-Stürmer Hans-Jürgen Riediger stoppt, der zuvor gerade das 1:0 für die Gastgeber erzielt hatte. Bildquelle:By Bundesarchiv, Bild 183-1982-0915-037 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA 3.0.

 

 

 

 

 

 

 

 

Als den Endpunkt dieser fantastischen Ära kann man vielleicht das Jahr 1987 ansehen, als sich Ernst Happel mit dem Gewinn des DFB-Pokals im Berliner Finale gegen die Stuttgarter Kickers aus Hamburg verabschiedete. Manager Günter Netzer hatte den Verein schon ein Jahr früher verlassen. In der Zeit nach diesen beiden überragenden Führungsfiguren konnte der „Fußball-Dino“ nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen und versandete zunehmend im Mittelfeld der Bundesligatabelle.

Immer wieder wurde dem Verein vorausgesagt, er werde angesichts seines großen Potentials als der Traditionsclub in der Millionenmetropole Hamburg an seine Blütezeiten anknüpfen können, stattdessen rutschte man schon in den vergangenen Jahren in eine frustrierende Dauerkrise. Zweimal sicherten sich die Hanseaten nur ganz knapp in den Play-Off-Relegationsspielen am Saisonende mit sehr viel Glück den Klassenerhalt – 2014 gegen die SpVgg Greuther Fürth und ein Jahr später gegen den Karlsruher SC.

Im vergangenen Jahr kam es dann zum Abstieg, der sich lange angekündigt hatte, auch der direkte Wiederaufstieg wollte in der vergangenen Saison nicht gelingen. Ein „Erstliga-Dino“ ist der HSV nun nicht mehr, immer noch aber ein Verein mit großartiger und einzigartiger Tradition.

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9 Kommentare

  1. Avatar
    Rechtsstaat-Radar am

    Wenn ich an "Hamborch", die selbsternannt "schöjnste STatt" der Welt, wo man den starken örtlichen Dialekt für Hochdeutsch hält, zu einem Brötchen "RrrrundtSTückkk" sacht und man einen linksextremen Fußballverein toll findet, wo man Liberalität mit Gleichgültigkeit verwechselt, man deshalb Chaostage mit brennenden Autos beim G20-Gipfel zuließ, wo man einen HSV mit der Vereinshymne von "Lotto-King-Karl" ausstattet und und und, dann sach ich mal einfach, ganz neben bei, sach ich mal, ich sing mal die HSV-Hymne und die geht so:

    Wenn Du aus Dottmund kommst, dann schieß‘ Geldd Dir keine Torre,
    wenn U aus Bremen…
    wenn Du aus der Hauptstadt kommst knien wir vor Dir, lutschen Dein Glied,
    und, wenn ich weit, weit wech bin, in Paris ojhder auf’m Doam, da sing ich,
    Hamborch’s keine Päerlee, s# nicht Berlin, s‘ nicht Roam, oh Hamborch ’s kaijnee Päerlee,
    s‘ kaijnee schöjne STatt, hier s‘ kaijn Zuhaus, hier kann’s nich woahneen, Du biss‘ ’ne STatt, auf die ich kack!

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    heidi heidegger am

    Gabi scheint sich zu drücken, aber mir ist nix peinlich, also dampfe ich mal den HSV ein auf:

    Flanke Kaltz und in der Mitte steht irgendwie Hrubesch rum und bekommt den Ball ohne eigenes Zutun höchst unelegant auf die Gloggé und TOOOOOOOOOOR ! Die mächtige Maus-KevinKeegan war aber aukidauki und Branko Zebec purer Kult.

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    Fisher's Fritz am

    Meinem Jugend-Idol Uwe Seeler hätte ich ein fröhlicheres HSV-Jubiläum gewünscht!

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    Irgendwehr am

    Das waren noch Zeiten, HSV 1919. Wo damals Schneider (Stürmer) draufstand, da war auch Schneider drin und der war anstössiger Weise auch noch weiss. Musste man mit leben, Grüne gab’s noch nicht. Alles Hamburger Jungs, 11 Mann. Wenn einer krank war, wurde mit 10 gespielt. Das waren noch Größen der ersten Stunde, ich erinnere an den seligen Hugo Fick, echter deutscher Name, und dazu noch Stürmer. Heute kraxeln die Millionäre in der 2. Liga herum.

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    Jeder hasst die Antifa am

    Der HSV ist ein Spiegelbild wie es Deutschland ergehen wird nämlich Abstieg,

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      HERBERT WEISS am

      Ein weiteres Beispiel konnten wir ebenfalls im vorigen Jahr erleben, als der amtierende Weltmeister im letzten Vorrundenspiel abdankte. "Was Sie da sehen, ist keine Zeitlupe – das ist Echtzeit!" – so ließ der Reporter seinen Frust über unsere Rumpelfüßler heraus.

      Bei der Buntenliga gibt es für jeden Absteiger einen Aufsteiger. In der Weltpolitik ebenfalls. Irgendwann wird es dann wieder heißen: "Von xxx lernen, heißt siegen lernen!"

      Gute Nacht, Deutschland!

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