Was macht eigentlich… Pegida? – 14. großer Abendspaziergang, LEGIDA Leipzig gemeinsam mit PEGIDA Dresden

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In den letzten anderthalb Jahren, seit den Montags-Mahnwachen, entstanden zahlreiche Volksbewegungen, schossen empor und versanken wieder im Dunkel. Auch die – zu Anfang des Jahres so einflussreiche – Pegida-Bewegung und ihre Ableger. Mancher fragt schon: Gibt es die überhaupt noch? Antwort: Ja. Und ein Dresdner Autor berichtet über die aktuelle Veranstaltung einer fast schon „vergessenen“ Bewegung.

_von Sebastian Hennig

6. Juli 2015, 19 Uhr. Mit dem Regionalzug kommen wir aus Dresden, wo heute kein Spaziergang stattfindet. Wir durchqueren mehrere Polizeisperren, passieren an der Richard-Wagner-Straße ein Aufstellgitter. Vor uns ist ein Mädchen, das zur „Blechbüchse“ will, jenem Kaufhaus neben dem Richard-Wagner-Platz, um das herum sich heute beiden Versammlungen positionieren. Sie hätte sich um ein Haar mit der für sie derzeit falschen Seite eingelassen. Doch die Beamten befragen vorsichtshalber jeden einzelnen noch einmal danach, ob er Pegida-Teilnehmer ist. Nach einigen hundert Metern stoßen wir, wie im Januar schon, auf eine polizeiliche Einlass-Sperre. Es erfolgt eine individuelle Taschenkontrolle. Die beschränkt sich nicht auf Stichproben. Meine Super-8 Kamera wird freundlich-ungläubig betrachtet. Meine Tochter muss sogar ihr Federtäschchen öffnen. Dann sind es nur noch wenige Schritte bis zum Versammlungsplatz auf dem zehn Minuten vor Beginn erst Wenige sich eingefunden haben. Es gibt hier keine Fahnen der Länder und Landschaften und keine Fahnen anderer europäischer Nationen wie sie in Dresden jeden Montag zu sehen sind. Ausschließlich die Deutschland- und Wirmerfahnen hängen schlaff in dem Hochsommerwetter. Später wird dann noch eine junge Frau mit einer Sudetenfahne auftauchen.

Auf dem Platz stehen drei Springbrunnen. Es sind schöne Metallkunstarbeiten. Auf einer Säule inmitten der Bassins erhebt sich je ein blütenförmiges Blechgebilde. Auf dem Bassin-Rand lässt es sich gut sitzen und abwarten. Jetzt kommt der Krawall herüber geschrillt. Hinter der Straßenbreiten Polizeiabsperrung heult, pfeift und brüllt wütend das Jungvolk ohne Unterlass. Auf einem Plakat wird unverhohlen der Ausgang des Parteitags der „Alternative für Deutschland“ gefeiert. Auf silbernen Grund ist dort zu lesen: „Jetzt deutsche Wende! Lucke und Henkel am Ende!“. Auf der anderen Seite steht: „Eher beißt der Wolf sich in den Schwanz bevor Legida weicht der Internationalisten-Penetranz!“ Die Schrifttafel mit Silbergrund macht sich ganz apart vor der Metallfassade des Kaufhauses. Ein junger Mann hält einen großen Kartondeckel ohne Stiel in die Höhe worauf er flächenfüllend mit roter Schrift geschrieben hat: „Masseneinwanderung = Verbrechen“ und verso „Mass-Immigration = Crime“. Im Publikum sind viele aus Dresden bekannte Plakate und Transparente zu erkennen. Ein Plakat, welches seit Monaten regelmäßig in Dresden immer zu sehen ist und auch zur zweiten Legida am 22. Januar dabei war, zeigt die Bundeskanzlerin zum Ferkel deformiert, mit Schweineschnauze und -ohren. Persönlich fand ich es immer eine Spur zu derb, habe das aber für Geschmackssache gehalten. Am Ende der Kundgebung erfahre ich heute von einem Teilnehmer, dass die Leipziger Polizei das neuerdings anders sieht und das Plakat vor Veranstaltungsbeginn beanstandet und eingesammelt hat.

Die Rednertribüne ist rechts von einer Deutschlandfahne flankiert und links von der Weissgrünen Sachsenfahne. Trotz der Springbrunnen ist es heißer als in Dresden, wo die Sandsteinmauern der Altstadtgebäude eine ganz andere Ausstrahlung haben. Auf das Herz erhebende Bild der flatternden Fahnen, welches die Kundgebungen den ganzen Herbst, Winter und Frühling veredelt hat, muss jetzt in der Sommerhitze verzichtet werden. Sie hängen schlaff in der flirrenden Hitze.

Markus Johnke eröffnet die Veranstaltung. Es hat sich höchstens ein Drittel dessen eingefunden, was letzten Montag in Dresden zu erleben war. Dass er dennoch vor einem gut gefüllten Platz redet zeigt, wie traurig es offenbar um die Leipziger Verhältnisse bestellt ist. Die Griechen hätten Mut bewiesen und wir würden folgen. Er erwähnt ein sächsisches Gesetz zur Mitbestimmung des Volks. Hinter ihm tobt der pausenlose Krawall. Vor ihm rufen die Menschen jetzt, er solle lauter sprechen. Markus redet etwas mährig, wie der Sachse sagt. Das es zu keiner richtigen Verständigung zwischen ihm und seinen Zuhörern kommt, das liegt allerdings nicht nur an den Störern.

Markus Johnke spricht vom vorbereiteten Volksbegehren gegen den Rundfunkstaatsvertrag. „Lügenpresse“-Rufe antworten ihm. Die Herren vom Zweiten deutschen Fernsehen hätten ihm gespannt zugehört. Dann kommt Lutz Bachmann kurz zu Wort um zu verkünden, dass Frau Stange, die Kandidatin des rot-grünen Bündnisses zum zweiten Wahlgang in Dresden „richtig abgekackt“ hätte. Auf die Presse würde er gar nicht mehr eingehen, das lohnt sich nicht. Er betont, Pegida würde keine Partei werden, sondern Bürgerbewegung bleiben. Als nächstes würde man zu den Landtagswahlen antreten (in Baden-Württemberg) und bis 2017 einen parlamentarischen Arm finden oder selbst gründen müssen.

Bachmanns wenige Worte sind klar und deutlich und kommen bei jedem auf dem Platz an. Danach spricht Friedrich Fröbel, ob eine Namensgleichheit mit dem Erfinder des Kindergartens besteht oder es sich um ein beziehungsreiches Pseudonym handelt, weiß ich nicht. Jedenfalls ist er inhaltlich der beste Legida-Redner. Sie Sachsen vergleicht er mit den rebellischen Sueven, die gegen die Römer aufgestanden wären, im Gegensatz zu den rheinischen Brüdern und wundert sich wie lange dort diese Erfahrung noch nachwirkt. Der Vergleich ist so übel nicht. Gibt es doch hierzulande tatsächlich weit weniger Grund, sich den ehemals starken US-Amerikanern gegenüber loyal zu fühlen, als im Westen der Republik. Ob man sich dort hat täuschen und bestechen lassen oder ein aufrichtiges Bündnis pflegte, dass müssen die Menschen da selber herausbekommen. Während inzwischen nicht nur hinter der Tribüne sondern auch hinter der letzten Zuschauerreihe unzählige junge Menschen lärmen und unflätige Gesten zeigen, spricht hier auf dem Platz ein Mann klar und kenntnisreich von den Bestimmungen des Grundgesetzes und dem Wesen der deutschen Kunst und Kultur.

Statt Kunst gäbe es allenfalls hohlen Kommerz und plumpe Propaganda. Er bezieht sich dafür beispielhaft auf die pseudo-künstlerisch motivierte Umwidmung des Reichstagsgebäudes an die Bevölkerung. Völkerverständigung setzt das Bestehen von Völkern voraus, die sich verständigen wollen. Die Linken dürfen gerne auswandern, flüchten, emigrieren oder sonst wie -grieren. Keine Sorge, wir würden sie bestimmt nicht zurücknehmen. Darauf entstehen Sprechchöre: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ Das Grundgesetz würde nichts anderes bedeuten, als das Volk als Staat verfasst. Es ist die Rede vom auf den Paragraphen 79 Absatz 3 gegründeten Widerstandsrecht gegen die Verräter am eigenen Volk. Die Menge ruft „Volksverräter!“ Dann spricht Fröbel die Demonstrationsmüdigkeit an. So weit seien wir noch lange nicht. Er bezeichnet die Heinrich-Böll-Stiftung als eine kriminelle Vereinigung. Alle Parteien wären so grundgesetzwidrig laut Paragraph 21, Absatz 2, Satz 1, geworden, dass sie umgehend zu verbieten wären.

Am Beispiel der freiwilligen Waffenbrüderschaft der Askari-Krieger mit den deutschen Truppen gegen die weit überlegenen Engländer unter Lettow-Vorbeck und der positiven Entwicklung der früheren Provinzen in Asien weist er jede Notwendigkeit einer Sühne für koloniale Vergehen zurück. Der Fachkräftemangel sei ein Ergebnis eines verfehlten Bildungsmanagements, wo es um Kompetenzen statt um Fähigkeiten gehe, pseudowissenschaftliche Ergüsse wichtiger seien als fachliche Einlassungen und Begabte als verdächtig gelten. Derweil gibt es hinter der Tribüne auf der Gegenseite wohl einen Durchbruch. Gegenstände fliegen durch die Luft. Und nach einer Weile kommt ein Mann mit rotbespritzten Pegida-Shirt nach hinten. Markus Johnke mahnt von der Bühne, man solle sich nicht provozieren lassen. Dann geht es los zum Spaziergang über den Goerdeler-Ring. Viele Demonstranten winken den jungen Leuten, die ihren Gegenprotest mit unflätigen Gesten unterstreichen, freundlich zu. Drei Dutzend stämmige Kerle mit Sonnenbrille und kahlen Schädeln der Legida verfallen ihrerseits in Imponiergehabe. Sie springen, gestikulieren und rufen den Gegnern zu, die ihrerseits von der Polizeikette gezähmt sind. Es geht ziemlich schnell voran. Die Grünanlage zwischen Demonstrationszug und Gegendemonstration ist das Operationsgebiet der Polizei. Ähnlich wie Anfang Dezember in Dresden wird der Ring der alten Fortifikation, wo nach der Entfestigung der Städte Parkanlagen entstanden sind, zum Niemandsland zwischen Gut und Böse oder Böse und Gut, je nach Blickrichtung. Journalisten sind auch in diesem Bezirk, oft aber auch eingebettet in die Gegenkundgebungen. Beim Vorbeilaufen an Kameras erschallen die üblichen Lügenpresse-Rufe.

Unverdächtig wirkende Personen verdecken ihr Gesicht oder wenden sich ab, wie ich es im Dezember und Januar in Dresden auch zumeist getan habe, um nicht ungewollt in der abendlichen Fernsehberichterstattung aufzutauchen. Der vorherrschende Ruf auf Seite von Legiga ist „Nazis raus!“. Was angesichts des Fanatismus auf der Gegenseite einleuchtend wirkt. Es gibt auch Applaus und zwar gelegentlich sogar gegenseitig. Anti-Legidisten dirigieren die „Nazis raus!“-Rufe der Legida-Teilnehmer mit. Höhepunkt diese Hahnenkampfkorso um die bessere Perfomance ist die Thomaskirche. Dort war heute gegen 19 Uhr ein Freiluftkonzert vor dem Bachdenkmal mit historischen Instrumenten angekündigt. Jetzt fliegen aus dieser Richtung makellose Pfirsiche durch die Luft und noch einiges Andere, was ich nicht genau erkennen kann. Die Fotografen haben hier deswegen Helme auf. Zwei junge Frauen im Legidazug beginnen Seifenblasen zu machen. Es sind sehr viele Gegendemonstranten, aber sie laufen gleichwohl mit dem Zug mit. Als die großen Steinquader des Neuen Rathauses in Sicht sind, biegt der Zug um und schlängelt seine Spitze wie ein riesiges Reptil am eigenen Schwanz vorbei. Als ein besonders junges Mädchen am Rand Unverständliches herüber schrillen lässt, antwortet ihr der Ruf „Ab ins Bett!“. Eine tatsächlich etwas furchterregend ausschauende Frau im Zug vor mir ruft zur Seite, wo ein anderes reizendes junges Blut neben einem Fotografen steht und staunend und nachdenklich auf das Geschehen blickt: „Mir tun euch nischt!“. Die hätte so erschrocken ausgesehen. Wohl hat sie wie in einer Zeitreise erblickt, wie ein totalitärer Staat entsteht, weil sich die dumpfe Volksmasse zu einem kollektiven Pogrom versammelt.

Feuerwehr und Krankenwagen biegen von links kommend vor dem Zug in den Goerdeler-Ring ein. Ein gewisser Graziano, der am vergangenen Montag bereits in Dresden sprach eröffnet die Abschlusskundgebung. Er betont ein weiteres Mal, dass es nicht die Muslime sind, die Schuld an den Katastrophen sind, sondern die da oben, Großkonzerne, die jede eigenständige Wirtschaft in diesen Ländern unmöglich machen. Ami go home! Tönt es aus der Menge, die sich allerdings bereits während dieser Rede langsam zu verlaufen beginnt. Graziano fordert, die US-Amerikaner sollen raus aus Europa gehen. Der Rest der Rede wendet sich rhetorisch an die Gegenproteste. Diese müssten eigentlich hier auf dem Platz stehen, wo alle Anliegen der Kapitalismuskritik, Friedensbewahrung und Umweltschutz zur Sprache kommen. Kommt rüber und lasst uns gemeinsam Ami-go-home rufen. Graziano beschwört des Arminius Kampf gegen die römischen Usurpatoren Nordeuropas. Raus aus Deutschland, raus aus meinem Heimatland, raus aus Japan. Die USA hätten die Taliban erzeugt, die Al Kaida gezüchtet. Jetzt müsse eine Wende herbeigeführt werden.

Dann kommt noch eine erstickend langweilig vorgetragene Trotzrede: Die beginnt mit Worten, die an den Dezember 2014 erinnern, aber heute nicht mehr so recht auf den Platz passen wollen: „Guten Tag, Ihr Ewiggestrigen!“ Es folgen holprige Verse: Auch ihr seid nicht so sehr vom Schlage getroffen, Um nicht auf ein besseres Deutschland zu hoffen.“ Der Redner, der eigentlich keiner ist, endet mit einem seitenlangen Zitat von Wieland über das Wesen der Aufklärung. Die gelichtete Menge singt recht dürftig die Hymne und wird von der Polizei in Richtung Bahnhof eskortiert. Eine kleine Gruppe kräftiger Kerle verabschiedet sich auf dem Weg in Richtung Innenstadt „zum shoppen gehen“. Uns bleiben noch anderthalb Stunden, bis 23 Uhr unser Zug nach Dresden zurückfährt. Als wir zusteigen, antwortet uns ein freundliches Nicken durch die Scheibe von anderen Pegida-Reisenden. Doch das Inkognito ist sonst fast perfekt, wenn da nicht der Stab des Schildes wäre, der aus der Tüte ragt und um dessentwillen wir doch nicht mehr in die Innenstadt gegangen sind. Dresden ist eben doch ein ganz besonderer Ort.

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