Heute landete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Berliner Flughafen Tegel und wurde dort von zahlreichen Protestlern empfangen: So forderten die Organisation Reporter ohne Grenzen und Amnesty International die Freilassung politischer Gefangener. Ähnliche Proteste gab es parteiübergreifend im Bundestag zu hören. Erdogan hatte erst vor wenigen Tagen in einem FAZ-Artikel seine Hoffnung auf einen Neuanfang der deutsch-türkische Beziehungen Ausdruck verliehen.

    Es folgt ein Auszug aus dem Artikel “Güle güle, Erdogan”, den Sie vollständig in der aktuellen COMPACT 9/2018 lesen können. Ab sofort am guten Kiosk! Oder hier bestellen.

    _ von Jürgen Elsässer

    Der türkische Imperator kommt zum Staatsbesuch nach Deutschland und wird vom Merkel-Regime mit allen diplomatischen und militärischen Ehren empfangen. Jetzt, da er zu Hause mächtig unter Druck steht, will er vor allem seine Provinz Almanya gefügig halten.

    Am 28. September wird der rote Teppich am Schloss Bellevue ausgerollt, die Bundeswehr tritt zum Appell an, mit militärischem Dschingderassabumm werden die Hymnen gespielt, danach geht’s zum großen Bankett: Wenn der türkische Präsident kommt, wird er mit höchstem protokollarischen Pomp empfangen. Sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron musste sich zuletzt mit einem schnöden Arbeitsbesuch begnügen, obwohl er und die Kanzlerin doch angeblich ziemlich beste Freunde sind.

    Berlin kuscht

    Recep Tayyip Erdogan ist offensichtlich wichtiger als der Franzose. Zum ersten Mal seit sieben Jahren ist ein türkisches Staatsoberhaupt wieder in Berlin – und der Zeitpunkt ist brisant: Im Juni hat sich Erdogan mit einer neuen Verfassung autokratische Rechte gesichert. Der Ausnahmezustand, der seit dem gescheiterten Putsch im August 2016 die Opposition im Land knebelt, wurde nur kosmetisch gelockert. Noch immer sind 49 deutsche Staatsbürger in osmanischen Gefängnissen, 34 weitere dürfen die Türkei bis auf Weiteres nicht verlassen.

    Zum Vergleich: US-Präsident Donald Trump hat wegen eines einzigen Amerikaners, dem Pastor Andrew Brunson, der in der Türkei unter Hausarrest steht, Strafzölle und andere Sanktionen verhängt. Die Kanzlerin und ihre Große Koalition aber üben sich nicht nur in diplomatischer Leisetreterei, sondern haben dem Sultan sogar schon vorab Geschenke übermittelt: Die Hermes-Bürgschaften, die deutsche Investitionen in der Türkei mit Steuergeldern absichern, wurden wieder hochgefahren und Reisewarnungen entschärft.

    Von den Altparteien trauen sich nur zwei Politiker mit Kritik aus der Deckung. FDP-Chef Christian Lindner hält nicht den Empfang an sich, sondern nur dessen Zeitpunkt für «fragwürdig». Etwas deutlicher wurde ausgerechnet der ehemalige Grünen- Chef Cem Özdemir. Der anatolische Schwabe sagte, Erdogan sei «kein normaler Präsident in einer Demokratie» und dürfe deshalb auch nicht so empfangen

    Özils Sommermärchen

    Wären nicht der Mega-Streit mit Trump und der dadurch forcierte Lira-Absturz dazwischengekommen, würde Erdogan jetzt wohl noch frecher auftreten. Tatsächlich hat er in den letzten Monaten ständig versucht, Deutschland zu demütigen. Seine scharfe Waffe bei dieser Offensive war der Fußballspieler Mesut Özil, der Erdogan ein regelrechtes «Sommermärchen» (Alexander Graf Lambsdorff, FDP) bescherte. Lässt man die Ereignisse Revue passieren, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kampagne von langer Hand geplant war.

    Am 14. Mai ließen sich Özil und sein «Mannschafts»-Kollege Ilkay Gündogan zusammen mit Erdogan fotografieren. Gündogan, der nur den deutschen Pass besitzt, dankte «seinem Präsidenten». Im Nachhinein analysierte der DFB-Integrationsbeauftragte Claudemir Jerônimo Barreto («Cacau»), dass Özil die Provokation «anscheinend bewusst» gewagt hat. Das Bild war jedenfalls wie ein Geschenk für den Amtsinhaber, der in jenen Wochen Wahlkampf führte. In der Folge weigerten sich die beiden Kicker standhaft, das Shooting selbstkritisch zu sehen.

    Militärischer Gruß für den Osmanen-Herrscher: 20.000 Anhänger feierten 2016 in Köln das Scheitern des Militärputsches in der Türkei. Foto: picture alliance / Geisler-
    Fotopress

    Nach einem Treffen zu dritt war selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein hartgesottener Multikulti-Softie, «ein bisschen ratlos». Der DFB und vor allem Trainer Jogi Löw hielten bis zuletzt an Özil fest, obwohl in der Vergangenheit schon wesentlich kleinere Verfehlungen genügt hatten, um einen Spieler aus dem Nationalkader zu entfernen. Erinnert sei an Stefan Effenberg, der im Sommer 1994 wegen Zeigens des sogenannten Stinkefingers das Trikot mit dem Adler ausziehen musste.

    Im Vorfeld und auch während der WM belastete die Affäre Mannschaft und Fans. Bei den Testspielen wurde Özil von deutschen Schlachtenbummlern ausgepfiffen. Im Unterschied zu früheren Turnieren sah man kaum schwarz-rot-goldene Fahnen an den Balkons oder Wimpel an den Autos. Der Deutsch-Türke verweigerte wie üblich das Singen der Hymne, spielte durchgehend schwach und war mitverantwortlich für das blamable Ausscheiden am 27. Juni.

    Fast einen Monat später, am 22. Juli, rechnete er in drei Twitter-Kommentaren mit seinem Gastland ab: Er werde «wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre». Er wütete gegen alles und jeden in unserer Gesellschaft: gegen seine alte Schule, die ihn angeblich ausgeladen hatte, gegen Werbekunden wie Daimler-Benz, die ihm die Zusammenarbeit aufkündigten, gegen den DFB, obwohl sich der Verband doch bis dahin geradezu masochistisch hinter ihn gestellt hatte, und – als lebte er in einem Paralleluniversum – sogar gegen die durchweg ausländerfreundliche Presse: «Die Medien kritisierten nicht meine Leistung, sondern bloß meine türkische Herkunft (… ). Zeitungen haben versucht, Deutschland gegen mich aufzubringen.»

    Die Tweets waren auf Englisch und zum Teil so geschraubt formuliert, dass manche einen Ghostwriter – zum Beispiel seinen Berater Erkut Sögüt, ein Erdogan-Spezi – vermuteten. Wie auf Knopfdruck reagierte die offizielle Türkei. Der Präsident lieferte den schwülstigen Auftakt («Ich küsse seine Augen»), die systemtreuen Medien zogen nach. «Mesuts Verhalten ist eine nationale Haltung gegen Nazis», schrieb der Star, Sabah lobte die «scharfe Reaktion auf Rassismus von Özil», Türkiye ergänzte: «Mesut, wir sind stolz auf Dich!»

    Justizminister Abdulhamit Gül twitterte: «Ich gratuliere Mesut Özil für das schönste Tor, das er mit dem Verlassen des deutschen Nationalteams gegen das Virus des Faschismus erzielt hat.» Unter dem Hashtag #WeAreWithÖzil begann eine ganze Troll-Armee von Erdogan-Fans – 1,3 Millionen sogenannte Follower – auf Twitter mit Hetze. Einer schrieb: «Seit Adolf Hitler hat sich nicht viel geändert in Deutschland. Rassismus wurde nur zeitgenössisch modernisiert.»

    Kurz darauf startete eine zweite Kampagne, #MeTwo, in der Migranten ihre angebliche Diskriminierung in der Bundesrepublik beklagen durften. Heiko Maas (SPD) gab dem Blödsinn ministerielle Weihen: «Es schadet dem Bild Deutschlands, wenn der Eindruck entsteht, dass Rassismus bei uns wieder salonfähig wird.» Auch Familienministerin Katarina Barley (SPD) und Grünen-Chef Robert Habeck unterstützten #MeTwo ganz offiziell.

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