Germanische Demokratie: Volksherrschaft im Thing

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Unsere Vorfahren hausten in Wäldern und waren blutrünstige Barbaren – dieser Eindruck wird in der etablierten Geschichtsschreibung oft vermittelt. Aller Fortschritt sei dagegen aus dem antiken Athen gekommen und von dort über die Römische Republik geradewegs nach Großbritannien gewandert. Und wenn es doch ganz anders war? Ein Textauszug aus COMPACT 7/2019.

_ von Marion Schmeer

Allgemein gelten die antiken Griechen als die Erfinder der Demokratie. Doch vergleicht man die Regeln der hellenischen Volksversammlung Ekklesia mit denen des germanischen Things, so findet man überraschende Übereinstimmungen. Hier wie dort galt das Prinzip der Volkssouveränität: Alle freien Männer – unabhängig von Besitz oder Rang – waren teilnahmeberechtigt und hatten gleiches Rederecht. Nicht teilnehmen durften bei beiden Völkern Frauen, Kinder, Sklaven sowie Fremde, die nicht offiziell in den Stamm aufgenommen waren.

Eine feste Gemeinschaft

Es war eine Zeit, da die Menschen sich aus Furcht vor wilden Tieren und kriegerischen Stämmen hinter ihren Palisaden verschanzten, die sie nur bewaffnet verließen. In der Enge einer solchen Wurt (mittelniedersächsisch für den aus Erde aufgeschütteten Siedlungshügel oder die Hofstätte) konnte das Zusammenleben nur mit strengen und auf die jeweilige Sippe zugeschnittenen Regeln und Gesetzen gedeihen – immer wieder neu ausgehandelt und formuliert sowie den sich ändernden Gegebenheiten angepasst. Diese Beschlüsse wurden auf dem Thing getroffen. Dieses fand regelmäßig zu festgelegten Zeiten statt und dauerte meist drei Tage, konnte aber auch auf zwei Wochen ausgedehnt werden. Es herrschte Teilnahmepflicht – egal, wie weit der Weg dorthin war.

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Die Thingstätte lag immer in der freien Natur, häufig auf Hügeln oder in einem heiligen Hain unter einem Baum, weithin gut sichtbar. Oft war dies eine alte Eiche oder eine Linde, was sich bis heute noch in der Dorflinde erhalten hat. Bei den Sachsen war dies die Irminsul, eine heilige große Säule. Welche Bedeutung die Plätze der Volksversammlungen hatten, lässt sich daran ersehen, dass auf ihnen mit dem Einzug des Christentums vielfach Kirchen errichtet wurden. Später nannte man sie auch Malstätte oder Malstatt, was ebenso wie die Bezeichnung Thing oder auch Ding bis heute in vielen deutschen Ortsnamen erhalten blieb: Thüngen, Dingden, Denghoog, Dingstäde, Dingstätte oder Dingstede sind Beispiele hierfür, wie auch Ortsteile wie Saarbrücken-Malstatt.

Meinungsfreiheit garantiert

Die sogenannten Bannboten grenzten den Thingplatz ringsherum ab, häufig mit großen Steinen oder Stangen vom Haselstrauch. Dort berieten zwölf Geschworene über Wohl und Wehe der Dorfgemeinschaft und deren Basisangelegenheiten – und sie urteilten über Eigentumsdelikte, Frevel und Verbrechen. Dabei beriefen sie sich auf den Schutzpatron des Versammlungsortes, den germanischen Gott Tyr. Der war zudem zuständig für Kämpfe und Siege, Duelle, Schiedssprüche, für die Gerechtigkeit oder das Ablegen von Eiden. Auf ihn geht der Name unseres Wochentages Dienstag zurück (von mittelniederländisch «Dingesdach»), unter Bezug auf seine Funktion als Beschützer des Things. Noch heute zeugen mancherorts sogenannte Wächtersteine von der Bedeutung des Heiligen.

«Wahrheit geht vor Recht», lautete der Germanen Wahlspruch, und mithilfe ihres Schöpfers versuchte der Zwölferrat, dieser am nächsten zu kommen. Diese heiligen Stätten durften unter dem Begriff «Thingfrieden» nicht durch Blutvergießen entweiht werden. Es gab zwar einen Versammlungsleiter: meist ein ruhmreicher Krieger, ein heidnischer Priester, ein Gode (Ritualleiter im Sinne von Gottesdiener), ein Ewart (Kenner der Stammesrechte), ein Bauer oder Fürst (nordisch: Jarl). Dieser genoss aber keine Sonderrechte. Ebenso unerheblich war es, welchen Standpunkt er vertrat. Von dieser freien Meinungsäußerung können wir heute nur träumen…

Trotz der Gleichstellung aller Anwesenden hatte ein mächtiger Mann dank seines ihm zur Seite stehenden Gefolges einen vorteilhafteren Stand, was schon einmal zu Streit führen konnte – zumal beim Thing das Bier in Strömen floss: Alkohol sollte die Zunge lockern. Deshalb wurden die Entscheidungen über die vorgetragenen Fälle auch erst am nächsten Tag getroffen, wenn man eine Nacht darüber geschlafen hatte – frei nach dem Motto: «Streite betrunken, aber entscheide nüchtern.» Denn die Reaktionen auf die Redner konnten unterschiedlich sein: Bei Gefallen oder Zustimmung trommelte das Auditorium laut auf seine Schilde und schlug die Speere dagegen. Missfallen oder Ablehnung eines Vorschlags fanden ihren Ausdruck in lautem Knurren und Murren, wobei dennoch stets gemeinsame Lösungen für Probleme oder auch Gesetze gefunden wurden. (…) Ende des Textauszugs.

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Dies ist ein Auszug aus der aktuellen COMPACT 7/2018. Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung oder für ein Abo einfach oben klicken.

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13 Kommentare

  1. Avatar

    Der Wald war ihr Tempel … mehr brauchten die Germanen nicht !

    Der innere Entwicklungsschritt vom Heiden zum erkennen des EINEN Gottes der Liebe, als Brücke dazu Jesus Christus, ist bei entwickelter spiritueller Wahrnehmung & Bewusstheit jeder Menschenseele möglich. Den Wald, wilde Tiere, Ahnen, Natur samt Vielgötterei betreibenden Germanen, wurde nicht wie immer wieder stur behauptet lediglich gewaltsam das Christentum aufgezwungen. Viele zu tiefer spiritueller Wahrnehmung fähigen germanischen Weisen konnten den Wert dieser lebenstragenden Lehre sehr wohl begreifen und als Glaubesgewissheit auch ohne steinerne Kirchengebäude in ihrem geistigen Wert erkennen. Das christliche Abendland, das römische Reich deutscher Nation hat durch große Geister im ganzen davon in späterer Kulturentwicklung profitiert . Nur alleine Wald als Tempel ist zu wenig, ohne höchst eigene Kirche der Liebe im Herzen erkennt keiner den Wald vor lauter Bäumen mehr!

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    Danke fuer den Artikel. Es ist wohltuend zu lesen welche langen Traditionen die germanischen Staemme haben. Es gibt einige gute Quellen darueber. Hoffe Compact setzt das fort. Systemverliebt machte sich natuerlich die Axel Springer SE daran durch gefaellige Historiker an dieser, zum Zusammenhalt animierenden, Vorzeit zu ruetteln. Diese Historiker streichen dann, wie z.B. in der “Welt”heraus, dass die Staemme aus Voelkergemischen bestanden was dem heutigen, uns aufgedraengten, Geschichtsverstaendnis entsprechen soll. Das Germanische, das Nordische, die Intelligenz und Schaffenskraft der Germanen muss aus uns herausgezuechtet werden. Wir sollen nicht mehr wissen, welche gewaltige, alles ueberragende Intelligenz der nordischen Staemme dazu fuehrte die Himmelsscheibe von Nebra vor 3600 Jahren zu schaffen. Vergeblich versuchten die Systemhistoriker die Scheibe als Errungenschaft Nordafrikas zu plazieren. Peter Scholl-Latour meinte: “Wir leben in einer Zeit der Massenverbloedung!” Ich muss ihm recht geben. Uebrigens hielten die sued-und nordamerikanischen Indianer ebenfalls ihre Powwow. Bei beiden-den Indianern und den Germanen-waren starke, charaktervolle Maenner verlangt. Das jedenfalls ist schon mal weg aus dem heutigen BT. Wenn die fertig sind mit ihrer Beinrasur, dann laecheln sie milde wenn sich ihre weiblichen Thing-Mitglieder Tuetchen zustecken. Gehen wir Nachfolger der Germanen den Weg der Indianer?

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    Rumpelstielz am

    Man muss feststellen, dass Rom auf Sklaverei basierte – man kann es sich nur bequem machen, wenn man Sklaven hält – die man geraubt hat – und deren Güter.
    Erreicht man die Grenzen des Lohnenswerten – das kann auch eine Klimatische Verschlechterung sein ist Schluss damit. Inka Maya Römer Chinesen; Ägypter – immer gleiche Ausbeutungssysteme.
    Ohne die geht das nicht.
    Gibt es nichts mehr zu stehlen, dann stagniert das System und dann folgt der Zusammenbruch.

    Die VSA sind in dieser Situation – noch – der Zerfall kommt, wenn nichts mehr zu rauben da ist.

    Ich halte es für einen der größten Beweise menschlicher Klugheit, sich in seinen Worten jeder Drohung oder Beleidigung zu enthalten. Weder das eine noch das andere schwächt den Feind, vielmehr machen ihn Drohungen nur vorsichtiger, und Beleidigungen steigern seinen Haß gegen dich und beflügeln ihn, nachhaltiger auf dein Verderben zu sinnen. Niccoló Machiavelli

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    Black Beauty am

    So viel falsches in diesem Artikel. Angefangen bei den Frauen welche natürlich am Thing teilnehmen dürften wenn sie selbstständig waren. Dies waren sie zb nach einer Scheidung welche es auch schon gab. Als Besitzerin eines Hofes durften sie sich selbst dort vertreten.

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      Da stimme ich zu. Hier im Beispiel ein Auszug aus dem Text (Þrymskviða) der den Verlust von Thors Hammer beschreibt und seine Wiederbeschaffung.

      Þrymskviða

      " Senn voru æsir
      allir á þingi
      og ásynjur
      allar á máli
      og um það réðu
      ríkir tívar
      hve þeir Hlórriða
      hamar um sætti. "

      Die Asen (æsir) eilten zum Thing (þingi) und die Asinnen (ásynjur) kamen ebenfalls zum Mal (máli). Die Thingstätten werden nicht umsonst auch als Malstätten bezeichnet.
      Der Glaube war eng verbunden mit der Lebensweise und dem Sittenkodex. Schon deswegen dürften auch Frauen ein Anrecht gehabt haben, teilzunehmen, wenn es nötig war. In der Praxis bei Ehepaaren zum Beispiel ist wohl der Mann los und sich die Frau um das Weiterbewirtschaften des Gehöftes gekümmert haben.

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    Waltrun Esch am

    Das Thing ist noch besser als die inhaltliche Schweizer Abstimmungsdemokratie, wo eine Minderheit niedergestimmt wird, was schlechte, auf Dauer allseits schädigende Gefühle zurücklässt. Die Germanen diskutierten oft solange, bis Alle zufrieden waren.

    Die parlamentarische Demokratie ist im Vergleich mit der Schweiz und noch mehr mit dem germanischen Thing geradezu das Gegenteil einer Demokratie.

    Wie lässt sich eine Thing-Kultur neu errichten? Wer nimmt daran teil? Sind wenigstens Genossenschaften schon ein Thing oder braucht es dazu mehr?

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      Eine Genossenschaft ist ein halbe Partei……. sie muss wieder einen Kanzler haben,der grosse Genossenschaftsplaene schmiedet und Keile in die Genossenschaft treibt ,damit man ihn immer schoen waehlt ….

      Eine Gleichheit aller Menschen ……. ,der Traum erfuellt sich nicht mehr. Die da oben gehen nicht ohne Schaufel ins Bett um Nachts noch das Vermoegen umzuschaufeln …..

      Es wird nicht mehr so geteilt bruederlich,das alle an einem DINOKNOCHEN mitnagen , und beim Aufteilen nicht das 1 : 1 Verhaeltnis oberste Regel ist….. Mit der steigenden Intelligenz ,wuchs auch die Cleverniss…Mir mich alles das meiste…raff…raff.

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    Bravo! Ein Hoch auf unsere Ahnen! Besinnen wir uns auf die alten werte! Mehr Artikel davon bitte!

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    DerSchnitter_Maxx am

    Der Wald war ihr Tempel … mehr brauchten die Germanen nicht !

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      heidi heidegger am

      über Jesus steht auch nirgends geschrieben, dass er eine gemauerte kirche mit steuern und so was wie nen petersdom wollte. tia! die Griechen hatten halt nur steine *akropolis adieu-isch muss gähn-die weissen tauben sind värrbrannt und aufgegessen-was wird geschääähn?* und keinen wald mehr (schiffbau unn datt..).

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      Ist heute Naturschutzgebiet ,oder Trainingsgebiet der Bundeswehr ….. Wir haben doch einen Tempel,das Ding wo die runde Kuppel ist mitten in Berlin ……. wenn wir nicht bald aufwachen ,bauen sie das Ding zur Moschee um .

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        heidi heidegger am

        oder das ding hat plötzlich massiven glasschaden und die mrkl-antifa schiebt’s dann den rechten in die schuhe oder irgendwie so..

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        heidi heidegger am

        also als bewaldetes trainingsgebiet kommt ja wohl nur die vulkaneifel (nat. habitat des SPD-Nahles) in frage. ardennenoffensive unn datt. deshalb ist dort der wilde wald soo gelichtet mittlerweile, dass ein Leopard durchpasst. von wegen "waldsterben"-wieder so ein trick wie mit dem "Eisbären auf ner einsamen scholle". der badet wohl gern lau bzw. er muss!, derarme kerl. tia!

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