Erst wenn ein Kulturerbe ausgelutscht ist, wenn kein Impuls mehr von ihm ausgeht, dann stürzen sich die Moralterroristen darauf, um nach Skandalösem zu suchen. Das qualifiziert die Empörungsprofis zu unfreiwilligen Seismographen, die den Untergang tradierter Ausdrucksformen anzeigen.

    1988, vor 30 Jahren also, löste der Germanist Victor Farias mit seiner Heidegger-Biographie einen Skandal aus: Mehr als seine Vorgänger hatte er eine Verbindung des Philosophen mit dem NS-Terror behauptet, sie sogar ins Zentrum seines Denkens verpflanzt. Die Debatte über Sinn und Unsinn von Farias Unterstellungen tobte besonders in Frankreich – schließlich waren die damaligen Gurus der Postmoderne und der Dekonstruktion weitreichend von Heidegger beeinflusst. Steckte also braune Schmuggelware in ihren Texten? Der einzige Teilnehmer, der den Streit mit Ruhe anging, war der Sci-fi-Pessimist Jean Baudrillard.

    Für den stand fest: Es sei „eine Schwäche des gegenwärtigen Denkens, das sich in Ermangelung neuer frischer Kraft geradezu besessen immer wieder mit seinen Ursprüngen, mit der Reinheit seiner Quellen beschäftigt“. Wenn eine Denkstradition am Ende sei, entstehe regelmäßig das Bedürfnis, „die Kadaver weißzuwaschen, die Konten zu bereinigen.“

    Baudrillard zog Parallelen zu Karl Marx: Nach dem Popularitätsverlust seiner Ökonomie benörgelte man plötzlich all die bürgerlichen Untugenden des Privatmenschen Marx. Oder, im Falle der Psychoanalyse: Als deren Stern verblaßte, wurde plötzlich das raktionär-patriachalische Denken ihres Gründervaters Sigmund Freud kritisiert.

    Vielleicht, so ließe sich folgern, sind Empörungsprofis eine Art Entsorgungskommando – nicht nur für Theorien, sondern für alle Ausdrucksformen, aus denen keine lebendigen Impulse mehr entsteigen? Schubsen Moralposauner bloß, was ohnehin schon fällt? Immerhin richten sich auch die aktuellen Wutanfälle der Gut- und Gendermenschen auf Areale, die seit lamgem keinen Tornado mehr ausgelöst haben. Die womöglich an eigener Harmlosigkeit still und leise verreckt sind. Rekapitulieren wir:

    Die Moralin-Knaller der Saison 2017/18 kamen aus der Lyrik, der Malerei, dem Hollywood-Kino und der Berlinale. Wann sorgte Lyrik zum letzten Mal für Schlagzeilen? Seit dem Tod von Günter Grass ist da nichts mehr gelaufen. Gedichte sind heutzutage allenfalls als „Songtexte“ populär, von Pop bis Rap: Verse müssen gesungen werden, um die Massen zu ergreifen – wie in der Antike. Weshalb auch die „Konkrete Poesie“, eine Bewegung der 1950er Jahre, außerhalb des Fachpublikums kaum Echo fand.

    Dessen Hauptvertreter, der 93jährige Eugen Gomringer, sorgte jetzt mit dem harmlosen Gedicht „avenidas“ für derartigen Furor, dass selbst Rapper Bushido vor Neid erblassen müsste. Man übertreibt nicht mit der Feststellung, dass Gomringer und die „Konkrete Poesie“ niemals so bekannt waren, niemals soviel Emotion provoziert haben, wie das Vorhaben, sein “avenidas”-Gedicht, das an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule prangt, zu übermalen – weil geistige Tiefflieger es für “strukturell” sexistisch halten.

    Malerei erreicht das größere Publikum allenfalls bis zur klassischen Moderne: Picasso, Dali, Warhol, Lichtenstein, kurzum: der gesamte MoMA-Krempel. Okay, vielleicht noch Jeff Koons. Danach ist aber wirklich Schluss. Die Skulptur „Zuerst die Füße“ (1990) von Martin Kippenberger blieb schon ein Insider-Skandälchen. Malerei und Bildhauerei sind zur puren Kapitalanlage verkommen. Lebendige Impulse? Null. Erst als im Zeitalter der Internetpornographie das präraphaelitische Harmlos-Gemälde „Hylas and the Nymphs“ (1896) von John William Waterhouse in einem englischen Museum abgehängt wured, gab es endlich wieder Aufschreie.

    Der eigentliche Witz: Es sind staubige Klassiker wie besagter Waterhouse oder Gustave Courbets „L’Origine du monde“ (1866), allenfalls noch einige Werke von Balthus, die einer Kuratorin oder einem Facebook-Zensor die gegenderte Scham- und Zornesröte ins Gesicht treiben. Aber weil Malerei dadurch wieder skandalfähig scheint, eilen sogleich erste Trittbrettfahrer herbei: Auf der Kunstmesse Art in Karlsruhe wurde kürzlich ein Bild, das Erdogan mit einer Banane im Arsch zeigt, auf Druck seines Fan-Clubs entfernt.

    Last but not least zählt auch das Hollywood-Kino zu den lebenden Leichen. Seit Jahren besteht sein Output aus Sequels, Prequels und Remakes. Endlose Wiederverwertung vergangener Erfolge. Hollywood ist derzeit das größte Recycle-Unternehmen weltweit. Ohnehin ist die Vorherrschaft des Kinos gebrochen: Serien, zum Download bei Netflix angeboten und Youtube-Videos passen deutlich besser in den Alltag der jungen Generation als traditionelle Kinobrocken. Da reisst auch die – ebenfalls recycelte – 3-D-Technik das Steuer nicht mehr rum.

    Aber seit einigen Monaten gibt es erstmals wieder Aufregung in und um Hollywood, den Oscar-Verleihzirkus und der Berlinale. Aber nicht wegen eines bahnbrechenden Films, sondern wegen dem Sexleben der Macher. Fakt ist: #metoo ist der Film, den Hollywood nicht mehr hinbekommt. Eine Inszenierung, wie sie nur mediale Netzwerke noch erstellen können.

    Die drei Beispiele zeigen: Scheinbar ist Baudrillards Diskurskritik verallgemeinerungsfähig. Moralisierer sind Aasgeier, die sich auf kulturelle Kadaver stürzen. Wenn die ihre Schnäbel aktuell in so viele Bereiche hauen, zeigt das auch, wie wenig Ausdrucksformen unserer Zeit noch beikommen. Ob ihnen irgendwann ein Neuanfang beschieden ist, kann niemand vorhersagen.

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