FCK VKL – F**k Vokale, oder: Die Sprache des Schlagstocks

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Zehn Jahre haben nicht gereicht, diesem Trend die Luft rauszulassen: Die Konsonantensprache ist omnipräsent. Auf T-Shirts, Aufklebern und als Graffiti transportiert sie meist agressive Slogans wie FCK CPS. Woher kommt sie? Wodurch wirkt sie? Welche juristischen Probleme entstehen durch sie?

Es begann vor mehr als zehn Jahren: Die Berliner Post-Rock-Band „Seidenmatt“ schrieb sich plötzlich SDNMTT: Reduktion auf die Konsonanten. Fans konnten sich die Vokale denken. Wer die Band nicht kannte, musste vor einem unlösbaren Rätsel verharren. Da aber selbst beschissenste Ideen ihre Nachahmer finden, legte die US-Indietronic-Band „The Management“ gleich nach, schrieb sich nur noch MGMT.

So richtig Karriere machte die Anti-Vokal-Bewegung aber erst im Bereich linker Sticker, T-Shirt-Aufdrucke und als Graffiti: FCK NZS (Fuck Nazis), FCK CPS (Fuck Cops), FCK AFD (Fuck AFD, wobei das Beibehaltung des Vokals „A“ eine Inkonsequenz bedeutet. Richtig wäre FCK FD). Die Gegenseite schuf bald eigene Varianten: FCK SPD und FCK GRN (Fuck Grüne).

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Geistig demolierte Hitler-Fans umgehen das Hakenkreuz-Verbot, in dem sie auf ihre T-Shirts anstelle des verfemten Zeichens das Kürzel HKN KRZ drucken. Dabei behaupten deren Versandhäuser, es handele sich um ein Soli-T-Shirt für den türkischen Blogger „Hakan Kirez“, das HKN KRZ-Kürzel beziehe sich auf seinen Namen… Wer freie Fahrt für freie Bürger wünscht, klebt an Ampeln gerne mal den FCK STP (Fuck Stop, nach neuer Rechtschreibung: Stopp)- Aufkleber. Fundamentale Skeptiker führen ihr FLS FLG (False Flag)-T-Shirt aus. Und Gegner des G20-Gipfel reihten sich mit FCK G20 in die Anti-Vokal-Bewegung ein.

fls flg

Screenshot

Natürlich gibt es keinen Trend, der nicht von Firmen aufgegriffen würde, von Motorala beispielsweise: So heißt deren Handy „Motorola Silver“ jetzt MOTOSLVR. Warum nicht? Trittbrettfahren ist zeitlos.

In der Fachsprache nennt man das „Metaplasmus“. Es beinhaltet alle Veränderungen von Worten aus stilistischen Gründen. Eine davon, die pure Konsonatensprache, trägt den Fachnamen „Abdschad“. Die war in antiken Hochkulturen – z.B. in der phönizischen oder aramäischen – als Schriftsprache gebräuchlich. Weshalb eine Rekonstruktion der Aussprache solcher Wörter schwer bis unmöglich ist.

Da die Popularität des Anti-Vokalbewegung nicht nachlässt, entstehen zunehmend Fragen wie: Ist ein Kürzel wie „FCK CPS“ als Beleidigung zu werten? Oder müsste man die zwei Wörter dazu vollständig ausschreiben? In Jugendsprachen dient der Metaplasmus als Mittel zur Abgrenzung, zur Ironisierung, Veralberung oder Hervorhebung einer doppelten Bedeutung. Was aber passiert genau, wenn man konsequent Vokale killt und lediglich Konsonanten stehenlässt? Welche Bedeutung haben Vokale für ein Wort?

Der Schriftsteller Ernst Jünger kam in seinem Essay $Lob der Vokale$ (1934) zu dem Ergebnis: Konsonanten sind das Skelett eines Wortes, das Harte, Beständige und Elementare. Vokale hingegen sind dehnbar, das Fleisch, das Individuelle, das Vergängliche.

Kommt es zu Änderungen in der Sprache, sind Vokale als erstes betroffen. Sie fallen „wie der flüchtige Lebensstoff am schnellsten aus dem Körper der Sprache heraus, während der harte Panzer der Konsonanten, oft durch Jahrhunderte hindurch, und selbst über den mannigfaltigen Wechsel der (…) Völker und Sprachen hinweg, seinen Zusammenhang bewahrt.“

Unabhängig von der Intention der Kürzelfabrikanten wird durch Wegfall der Vokale eine Verhärtung, eine Brutalisierung erzielt. Ohne sie sind Wörter comicartige Zisch-, Knack und Krachlaute. Manchmal entsteht dabei ein Rhythmus (Beatboxing). Keine persönliches Ansprechen (bw. -schreiben) ist mit damit möglich, sie eignet sich überwiegend für Kampf- und Werbeslogans. Sie suggeriert die Geräusche des Kampfes, ist die Sprache des Schlagstocks, der Ausdruck von Spaltung.

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