Fan-Art oder: Hollywood gehört uns!

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Hollywood gilt als globale Propaganda-Maschinerie der US-Politik, sein Publikum als Opfer medialer Manipulation. Dabei beweist die Fan-Art seit Jahrzehnten: Konsumenten sind durchaus in der Lage, Produkte der Unterhaltungsindustrie gegen den Strich zu bürsten, für eigene Weltsicht und Anliegen umzudeuten. Außerdem erweitert die Fan-Art seit dem Internet ihren Verbreitungs-Radius unaufhörlich. Sie erlangte einen Machtzuwachs, dem selbst die Filmindustrie Respekt zollt.

Vom Markt umworben, von Intellektuellen verachtet, gilt der „Konsument“ als historischer Tiefpunkt der Gattung Mensch: Dabei ist er keineswegs so passiv, so manipulierbar, von künstlichen Modewellen so überflutet, wie Soziologen gern behaupten. Vor fast 40 Jahren erkannte der Kulturphilosoph Michel Certeau in seiner Kunst des Handelns (1980), das Ge- und Verbrauch immer auch kreative Aneignung bedeuten: Das Produkt wird ausgewählt, in den Kreis des Nutzers integriert, in dessen Lebenskontext eingebaut, bekommt neue Bedeutungen zugeschrieben.

Dieser Prozess verläuft unterschwellig, fällt im Alltag kaum auf. Zu seiner Kenntlichmachung lohnt ein Schritt zurück in die afro-amerikanische Kolonialgeschichte, wo solche Umcodierung existenzielle Bedeutung besaß: Die Unterworfenen (afrikanische Sklaven) akzeptierten scheinbar die Kultur der Herrschenden (amerikanische Plantagenbesitzer), praktizierten deren Regeln und Riten, deuteten sie aber um, gaben ihnen geheime Subtexte.

Tatsächlich setzten sie Christus, Maria und die Heiligen mit ihren traditionellen Gottheiten gleich. Wenn also Plantagen-Sklaven beispielsweise den christlichen Drachentöter St. Georg feierten, meinten sie in Wahrheit den mit ihm identifizierten Kriegsgott Ogun aus der Yoruba. Durch diese Subtexte entstand der afro-amerikanische Synkretismus, zu dem Macumba, Santeria, Umbanda – als Mischung aus Yoruba und Christentum sowie Voodoo, als Mischung aus Vodun und Christentum – gehören. Bis heute werden all diese Synkretismen in Südamerika praktiziert.

Solches Umdeuten praktizieren auch die vom Globalkapitalismus Kolonialisierten der Gegenwart – die Konsumenten. Selbst hier finden unterschwellige Katz- und Mausspiele statt. Besondere Aneignungslust provozieren Produkte der Kulturindustrie. Allerdings spricht ihnen ein Großteil akademischer Theorie diese Eignung voreilig ab: Ob Filme, Musik, Comics, Computer-Spiele oder Literatur – seit Theodor W. Adorno gilt Populärkultur, besonders die amerikanische, als perfekter Manipulator.

In dem Punkt sind sich Linke und Konservative seltsam einig. Dabei gesteht man der klassischen Literatur beziehungsweise deren Lesern durchaus Gegenlektüren oder ein Gegen-den-Strich-Lesen zu: Niemand wunderte sich über Azar Nafisis Feststellung in Reading Lolita in Teheran (2003), dass iranische Studentinnen Vladimir Nabokovs Roman als Parabel auf die Situation der Frau in ihrem Heimatland lesen: Dessen Ich-Erzähler, Professor Humbert, lieferte in seiner Beschreibung der Kindfrau Lolita jede Menge Infos über Männerängste, unterdrückte Begierden und Abwehrstrategien. Das lässt sich mühelos mit der Frauenpolitik des Regimes vergleichen.

Aber würde man solches Aufklärungspotential auch einem Comic oder einem Hollywoodfilm zutrauen? Nein, Pop-Kultur gilt als „eindimensional“. Dabei liefern Fan-Art und Fan-Fiction schon seit Jahrzehnten ausreichend Beweise für das Gegenteil. Ältere Leser erinnern sich womöglich an Marvel-Comics der 1970er. Deren letzte Seiten blieben der Fanpost vorbehalten. Neben Leserbriefen fanden sich dort Zeichnungen der im Heft thematisierten Comic-Helden – Spiderman, Hulk, die Phantastischen Vier, Silberstürmer und so weiter – allerdings nicht in Profi-Technik, sondern mit Blei- und Buntstiften erstellt.

Angefertigt von begeisterten Lesern, bezeichnete man sie als „Fan-Art“. Wie den Amateuren der „Art Brute“ fehlte jugendlichen Anhängern meist das Handwerk, fehlten die Kenntnisse von Anatomie, Bildaufteilung und Perspektive. Fan-Art ist Anti-Kunst. Kein „Sachverständiger“ würde sie einer Galerie anbieten, kein Contemporary-Fine-Art-Spießer würde ihnen künftigen Sammlerwert prognostizieren. Verlage druckten sie lediglich im Rahmen der Fan-„Betreuung“, um deren Bindung ans Produkt zu festigen. Dabei dürften die Redaktionen streng zensiert haben: Allzu subversiv-bizarre Phantasien haben den Weg zur Druckerpresse nie gefunden. Dennoch zeigt Fan-Art oft genug Ansätze von Mythenkorrektur, neuen Kontexten oder Parodie – also kreative Adaption.

COMPACT-Magazin im Juni 2018

COMPACT-Magazin im Juni 2018, Mein BAMF- Merkels tiefer Sturz.

Prinzessin Leia endlich mal dirty

Erst das Internet ermöglichte den ungebremsten Durchbruch der Fan-Art. Nicht nur, weil Computer neue Möglichkeiten zur visuellen Manipulation des Materials anboten, die Mittel zur Bildproduktion in die Hände der Fans legten. Nein, auch der Zensor fiel endlich weg. Gleiches gilt für Street Art. Jeder kann seine Bild-. Film- oder Textproduktion online (oder auf einer Hauswand) publizieren. Ohne Rücksicht auf Geschmacks-, Image- oder Qualitätskriterien. Copyright? Was ist das?

Prinzessin Leia als Ikone des Widerstands (Screenshot Twitter).

„Der aktive Fan geht davon aus, dass Produkte, die im hohen Grade arbeitsteilig und mit der Intention geschaffen werden, die Massen zu ergreifen, schließlich auch von den Massen in Besitz genommen – oder wenigstens zu nicht-kommerziellen Zwecken geborgt werden können“ (Sabine Horst). Tatsächlich hat bislang kein Anwalt zur Copyright-Hatz auf Fan-Art-Macher geblasen.

Längst haben Firmen gerafft, dass sie von kreativen Bewunderern profitieren: Als Regisseur David Lynch vor zwei Jahren eine weitere Staffel seiner Erfolgsserie Twin Peaks (1990) drehte, gestand er, dass ausschließlich die Fan-Art das Interesse an dem Stoff ganze 27 Jahre wachgehalten habe. Ohne sie wäre das späte Sequel unmöglich gewesen. Fan-Artists sind meist keine Exzentriker: Arthaus- und Experimentalfilme inspirieren sie kaum. Vielmehr regen populäre Blockbuster wie Star Wars (seit 1977), Herr der Ringe (2001-3) oder Avatar (2009) die Aneignungs- und Adaptionslust an.

Diese Aneignungen des – mehrheitlichen jungen – Fan-Publikums erhöhen den Erotik-, Parodie- und Politgehalt der Vorlage oft um ein Vielfaches. Da die Filmindustrie für den globalen Markt produziert, ist sie bemüht, in möglichst vielen Ländern Zulassung und geringe Alterseinstufung zu erhalten. Dazu unterwirft sie sich der Political Correctness und dem westlichen Sittenkodex. Freilich verfehlt sie so das Schaubedürfnis hormongeplagter Teenager. Die fertigen in ihrer Not Hardcore-Versionen der jugendfreien Vorlagen an.

Darin zeigen sich keimfreie Heldinnen wie Prinzessin Leia (Carrie Fisher), Rey (Daisy Ridley) oder Häuptlingstochter Neyitri (Zoe Zaldana) mal so richtig dirty, tauschen mit männlichen Helden nicht nur Küsse: Prinzessin Leia beispielsweise veranstaltet auf einer Fotocollage mit der Sturmtruppe einen Gang-Bang, während Neyitri ihr Genital an futuristischen Maschinen reibt. Oder man zieht die Helden ans andere Ufer: So posteten homosexuelle Tolkien-Fans Zeichnungen von einem sehr leicht bekleideten Elbenprinzen Legolas (Orlando Bloom) und steckten ihn mit einem Krieger ins Bett.

Ebenfalls beliebt: Still Prints mit Sprechblasen zu versehen, deren Texte komplett „andere“ Inhalte transportieren als die Original-Dialoge. Oder Fan-Fiction, in der Aktiv-Zuschauer die Story als Sequel, Prequel, Spin-off oder Rip-off ausweiten. Nach dem Kino-Start von Herr der Ringe (2000-3) fluteten hunderttausende Fan-Stories das Internet, darunter The very secret Diaries of Aragorn, Son of Arathorn, das die Filmhandlung aus der Perspektive des königlichen Erben schildert: Kurze Eintragungen über das Abschlachten von Orks, Eifersüchteleien und den Ärger, immer noch kein König zu sein, verleihen der Figur neue Charakterzüge. Ein Grund, weshalb puritanische Anhänger eines Populärmythos dessen Fan-Art eher meiden.

Fan Art: Bernie Sanders als Hellraiser (Screenshot)

Bernie Sanders und der Todesstern

Weit verbreitet ist auch direktes Politisieren populärer Charaktere: So zeigt eine Fan-Grafik den linksdemokratischen Kandidaten der letzten US-Wahl, Bernie Sanders, als „Pinhead“ aus dem Horrorkracher Hellraiser (1987). Jeder Fan: ein potentieller (P)Artisan. Als besonders aufwändiges Fan-Projekt darf Odyssey: A Star Wars Story – Fan Film gelten. Ein Fundraising-Werk, initiiert von mehreren Sci-fi-Freaks.

Die Story läuft vor der Entstehung des ersten Todessterns, soll die Angst, das Leid, die Verzweiflung von Menschen zeigen, die sich gegen das Imperium erheben. Einige Computer-Entwürfe, in denen Sturmtruppen durch dschungelartige Kulisse eilen, erinnern an Bilder aus dem Vietnamkrieg (s.o.: Beitragsbild). So interpretiert Fan-Art den Mythos vor dem historischen Hintergrund seiner Entstehung. Dieses Vorgehen teilt sie mit der politischen Theorie der letzten Jahrzehnte: Michael Hardt und Antonio Negri interpretierten das globalistische Amerika als „Empire“ und wünschten heutigen Widerständlern: „Möge die Macht mit Euch sein!“, während Christoph Spehr und Jürgen Elsässer den Todesstern mit globalistischer Zerstörungswut gleichsetzten.

Ein weiteres Beispiel ist 300 (2008) über den spartanischen König Leonidas, der sein Land gegen die eindringende Übermacht der Perser verteidigte. Es war naheliegend, dass Griechenlands heutige Jugend Leonidas als ihren Vertreter und den arroganten Xerxes als EU deuten würde. So verhalf Hollywoods Antiken-Adaption den Nachfahren des Helden beim (psychologischen) Überlebenskampf:

T-Shirts mit dem Gesicht des Spartaners und dem Satz: „Gebt ihnen nichts, nehmt ihnen alles“ brauchen keine aktualisierende Interpretation, stehen selbsterklärend für den Widerstandsgeist griechischer EU-Gegner. Übrigens beruft sich auch die globalisierungskritische Identitäre Bewegung (IB) auf Leonidas, indem sie sein Zeichen, das Lamdba, übernahm. Dabei zeigt sich jedoch, dass die Grenze zwischen Fan-Art und politischer Instrumentalisierung eines Films fließend verläuft.

COMPACT-Magazin im Juni 2018

COMPACT-Magazin im Juni 2018, Mein BAMF- Merkels tiefer Sturz.

Fazit: Die Populärkultur, ihre Bild-, Zeichen- und Mythenproduktion besitzt – wie die „klassischen“ Kulturprodukte – jene Mehrschichtigkeit, die unterschiedlichste Adaption und Deutung ermöglicht, sei sie privater oder politischer Natur. Der ständig wachsende Output an Fan-Art beweist das.

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4 Kommentare

  1. Im alten Rom gab es keine Filme, kein Kino. Aber sie waren die Erfinder der Graffittis! Die prangte politisch an allen Wänden, war auch Vorläufer der Wahlplakate und die "Idole des Vokes", die Gladiatoren, kamen in ihnen auch nicht zu kurz. Naja – und auch des kleinen Mannes sieben Hobbies: Sex und saufen!
    Wie man sieht – wirklich NICHTS neues! Nur zwischenzeitlich hieß es: Nur Narrenhände beschmieren Tisch und Wände! und unterlies es jahrhundertelang.

  2. Also ich möchte nicht so mit den Hammer auf Hollywood dreschen. Ja, natürlich gibt es da auch viel rein Kommerzielles, ohne weiteren Inhalt. Ja, Hollywood wird auch immer wieder für die Verbreitung politischer Suggestion genutzt. Keine Frage. Aber nicht alles aus Hollywood ist nur Mist. Und manchmal ist ein Film nur ein Film der jemanden belustigen oder unterhalten soll.
    Beim Filme gucken ist es am Ende wie mit dem Essen oder dem Genuss von Alkohol. Alles in Maßen. Solange man noch für die wichtigen Sache Zeit hat, spricht nichts gegen den gelegentlichen Konsum von Burger mit Fritten, Cocktails oder eben den ein oder anderen Film, welcher nicht intellektuell fordert.
    Wichtig ist es, den Stellenwert dieser "Genußmittel" zu begreifen.
    Das man sich nicht hauptsächlich mit Erdnussflips ernähren kann, dass Cola kein Hauptgetränk sein darf oder das Hollywoodfilme keine Bildung ersetzen, sollte auf der Hand liegen…….

  3. DerSchnitter_Maxx am

    Zum manipulieren -wie- geschaffen … für mich ist und bleibt es Hollyschrott … nicht mehr und nicht weniger- nix besonderes … eher das Gegenteil. Genauso verhält es sich mit der Musik-Industrie … Manipulation wo man geht und steht … es wird als das Ideal gepriesen … dabei ist es nur zum steuern und beinflussen der Massen gedacht – und es funzt … leider ! So verhält es sich leider mit vielen Dingen … in diesem, verrotteten, gestörten, verlogenen, korrupten, nimmersatten, profit- und machtgierigen … System – dem "Menschlichkeit" etc. nur zur Tarnung und zum Schein als Deckmantel angezogen wurde ! Alles was hier zählt … sind die Interessen und Positionen, diese zu wahren und zu behalten !!!

    • Knölnfreser am

      Darf ich daran erinnern, dass Dalt Wisney alle deutschen Märchen gekrallt, durch den Fleischwolf gedreht und verfilmt hat. Wie gut tut’s in der Seele ein Aschenbrödel mit Musik von Karel Svoboda sehen zu dürfen, ohne diesen ganzen Agitproptamtam drumherum.
      Ha, altes Rom. Ja, sie hatten schon das Gladius, aber wie ist nun das Leitsäber im Vergleich dazu zu sehen? Ein unnötiger Prototyp? Cave canem, wie der Lateiner sogt.

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