Experte: Gutachten widerlegt nicht, dass Täter von Kandel deutlich älter sein könnte

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Am Dienstag legte die Staatsanwaltschaft Landau das Gutachten zur Altersschätzung von Mias mutmaßlichen Mörder vor. Darin wird das Mindestalter des Afghanen auf 17,5 Jahre festgesetzt. Weil er das 21. Lebensjahr jedoch noch nicht vollendet habe, wird er voraussichtlich nach Jugendstrafrecht verurteilt. Ein Kieferorthopäde hat COMPACT dazu seine Expertise mitgeteilt.

_von Gastautor

Die gutachterliche Feststellung eines Mindestalters von „17,5 Jahren“ besagt zweifellos, dass die Epiphysenfugen (d.h. Wachstumszonen im Handröntgen) bereits alle komplett verschlossen waren. Demnach war der Täter – vom skelettalen Alter her betrachtet –  komplett „er-wachsen“: d.h. skelettal und in der Körperlänge „ausgewachsen“.

Die Aussage „unter 21“ wäre jedoch in Hinblick auf eine exakte Altersfestlegung allein am Skelett äußerst fragwürdig, da der Schwierigkeitsgrad einer differenzierten skelettalen Altersbestimmung im Intervall 17,5 bis 21 Jahre (also nach Epiphysenfugenschluss) wieder deutlich zunimmt .

Zweitrangige Altersmerkmale („körperliche Merkmale“: Psyche, Knochenverkalkung, Verschleiß usw) dürften dann bei der Begutachtung verstärkt zum Tragen gekommen sein, vor allem dann, wenn es um die für das Gericht wichtige Frage ging: „Ist der Täter mit absoluter Sicherheit schon 21?“ (Diese Frage dürfte so gestellt worden sein)

Hier dürfte – im Zweifelsfall – dann zugunsten des Täters entschieden worden sein, wenn nicht „alle“ körperlichen Altersmerkmale (also auch außerhalb der skelettalen Altersbestimmung Hand-Gebiss-Schulter) mit Sicherheit den Beweis erbringen konnten: „Täter sicher über 21 alt“. (Leider teilt man uns nicht mit, welche „körperlichen Merkmale“ neben dem Skelett sonst noch untersucht wurden: diese Frage ist aber interessant!)

Eine ergänzende DNA-Untersuchung kam offenbar trotz Schwere der Straftat nicht zur Anwendung.

Wie alt der zweifellos erwachsene Täter genau ist, wissen wir demnach nicht, sondern nehmen nur an , dass er anhand von „allen“ untersuchten Altersmerkmalen „sehr wahrscheinlich noch nicht 21“ ist.

Die Schätzung des Gutachters „wahrscheinlich 20“ ist also nach unten hin radiologisch komplett abgesichert, nach oben hin aber gemäß klinischer Untersuchung offen.

(Ich würde als Ergänzung zu der vorliegenden skelettalen Altersbestimmung eine weiterführende DNA-Untersuchung empfehlen, da diese bei fortgeschrittenem Alter – also nach Epiphysenfugenschluss – eine höhere Sicherheit erbringen könnte. Die Treffsicherheit einer neuen US-Methode liegt nach mir vorliegenden Daten bei 95 bis 99%. In einigen Bundesländern kommt der DNA-Test bereits zum Einsatz. (Bei Mia wohl leider nicht mehr.)

Aber will man überhaupt noch näher wissen, wie alt der Täter genau ist? Oder soll uns die allgemeine Angabe „wahrscheinlich 20“ angesichts der politischen Bedeutung des Falles reichen?

Die bei uns praktizierte Altersbestimmung lässt zum Teil eine erhebliche Abweichung zwischen skelettalem Alter und chronologischem Alter zu (18 Monate +/-). Erschwerend kommt hinzu, dass sich die erfassten Parameter zur Auswertung auf Europäer und deren Nachkommen in den USA beziehen.

Zusammenfassung:

„Wahrscheinlich 20“ heißt somit im Klartext, dass der Täter von Kandel definitiv mindestens 20 Jahre alt ist, wobei keinesfalls widerlegt werden kann, dass er zum Tatzeitpunkt nicht auch deutlich älter war. (Der Gutachter kann dem Täter sozusagen definitiv nachweisen, dass dieser mindestens 20 Jahre gelebt hat.)

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