Die Euro-Parabel

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Die Verflechtungen, Haftungen und Entscheidungen in der Euro-Krise sind so komplex, daß es aussichtslos ist, sie mit zufriedenstellendem Realitätsbezug der Öffentlichkeit erklären zu wollen. Daher können von den Politikern fast beliebige Aussagen zur Unterstützung ihrer Entscheidungen gemacht werden. Ausschlaggebend für die Einstellung der Bevölkerung ist daher in erster Linie die „Meinungshoheit“, die Politiker und Medien bis zur Bundestagswahl halten können.
Ich will versuchen, eine verständliche Analogie zu konstruieren.
Nehmen wir an, daß du in einer Großfamilie lebst, in der du als Oberhaupt die Entscheidungen fällst (Bundesregierung). Das Haushaltsgeld der Familie verwaltet der Haushaltsrat (Bundesbank). Deine Entscheidungen werden durch den Familienrat legitimiert (Bundestag). Die Einhaltung des Familienstatuts (die Regeln in der Familie) wird durch den Familienwart (Bundesverfassungsgericht) überwacht.
Die Bewohner der Straße, in der du wohnst hat, haben ein besonders inniges Verhältnis und entschließen sich, eine gemeinsame Straßenwährung einzurichten (Euro). In der Straße gibt es Familien, die notorisch über ihre Verhältnisse leben (z.B. Griechenland). Daher stimmt dein Familienrat der gemeinsamen Straßenkasse nur unter der streng verpflichtenden Regel zu, daß die Familien nicht gegenseitig und auch nicht gemeinsam für die Schulden haften, die Familien mit lockerer Ausgabenpraxis auflaufen lassen.
Deiner Familie werden Vorteile hinsichtlich der gemeinsamen Straßenkasse dargestellt, die sich später teils als unwesentlich, teils als ausgesprochen unvorteilhaft für deine eigene Familie erweisen.
Den wesentlichen Nutzen der gemeinsamen Straßenkasse haben die verschuldeten Familien, die wegen ihrer verschwenderischen Haushaltsführung Darlehen nur mit hohen Zinsen bekommen konnten. Nun werden diesen die Zinsen praktisch erlassen, da letztere sich nun auf demselben niedrigen Niveau bewegen wie bei deiner eigenen Familie. Die Gläubiger der Schuldnerfamilien verlassen sich jetzt auf die Bonität der gemeinsamen Straßenwährung
Für die Schuldnerfamilien bedeutet dies, daß sie drohende Konkurse abwenden können und von hohen Zinszahlungen befreit sind. Sie nutzen den neuen Geldsegen aber nicht zum Abtragen ihrer Schulden, sondern führen ihren teuren Lebenswandel weiter. Manche feiern aufwendige Feste. Andere machen luxuriöse Anbauten an ihre Häuser, die ihre finanziellen Verhältnissen übersteigen und die von ihnen später gar nicht mehr benutzt werden können (Immobilienblasen). Wieder andere führen einfach ihren aufwendigen und nicht dauerhaft finanzierbaren Lebenswandel weiter (Griechenland).
Für die Aufnahme in die gemeinsame Straßenkasse mußte ein finanzieller Grundstock nachgewiesen werden. Es stellt sich heraus, daß eine der Familien nur dadurch in die gemeinsame Kasse aufgenommen worden war, weil sie falsche Angaben zu ihrem finanziellen Status gemacht hatte (Griechenland).
Etliche nutzen nun die Gelegenheit, um noch mehr Schulden zu machen, indem sie die Bonität deiner eigenen Familie ausnutzen. Manche erschließen sich sogar eine neue Einkommensquelle, indem sie nun billige Darlehen aufnehmen und zu höheren Zinsen weiterreichen.
Einige dieser Familien stehen bald wieder vor dem Konkurs. Deine Familie pocht auf die No-Bailout-Regel. Aber deine Familie wird von den meisten der Straße unter so hohen moralischen Druck gesetzt („unsolidarisch!“), daß auch deine Familie sich bereit erklärt, diese Regel zu durchbrechen. Begleitet wird das politische Getöse von dem festen Versprechen, daß es sich garantiert nur um eine einmalige finanzielle Hilfeleistung handelt.
Mitglieder deiner Familie rufen wegen der gebrochenen No-Bailout-Regel euren Familienwart an. Dieser windet sich hin und her und erklärt schließlich finanzielle Hilfe für andere Familien dann für regelkonform (verfassungskonform), wenn deine Familie für nicht mehr als 200 Mrd. haftet. In jedem Fall entscheidet der Wart, daß deine Familie in Zukunft nur mit Zustimmung deines Familienrates für andere Familien überhaupt haften darf.
Diese Regelerweiterung in deiner Familie wird aber bald ausgehebelt, indem der Straßenrat (Europäische Zentralbank) beschließt, daß Beratungen innerhalb des Straßenrates geheim zu halten sind, so daß euer Vertreter im Rat gar nicht eurem Familienrat über Sitzungen und Entscheidungen berichten darf, fundierte Entscheidungen also unmöglich werden.
Wegen der Bonität deiner Familie hatte deine Familie ursprünglich die Hauptstimme bei der Straßenkasse (Analogie: Bundesbank), konnte also über die Ausgaben und Haftungen deiner Familie bestimmen und sogar für alle die Wertstabilität der „Straßenwährung“ garantieren. Mit dem Bruch der No-Bailout-Regel wurden auch die Abstimmungsregeln geändert, nach denen deine Großfamilie jetzt nur noch eine Stimme im Straßenrat hat, also nicht mehr Stimmgewicht als etliche Einpersonenhaushalte in der Straße.
Jetzt wird deine Familie regelmäßig überstimmt, ist also effektiv nicht mehr Herr über eure eigene Hauhaltskasse, ja nicht einmal über das Ausmaß der finanziellen Unterstützung der Schuldnerfamilien, für die deine Familie die Haupthaftung übernehmen muß.
Damit nicht genug. Ein weiterer Vorteil der Straßenwährung für alle Straßenbewohner war die Tatsache, daß nun alle, auch die notorischen Schuldner, beim Großhandel einkaufen konnten. Mehr noch, alle Straßenbewohner konnten beim Großhandel anschreiben lassen (Target-Konten bei der EZB).
Wie vorauszusehen war, ergab sich bald bei dem „Anschreibekonto“ ein gewaltiges Ungleichgewicht, für das alle gemeinsam hafteten. Damit war deine Familie mit einer zusätzlichen Haftungssumme von 500 Mrd. geschlagen, die fällig würde, wenn die Schuldnerfamilien ihr Anschreibekonto auf Dauer nicht ausgleichen könnten.
Ein Antrag deiner Familie, die Summe, die angeschrieben werden konnte, zu begrenzen, wurde überstimmt, so daß deine Familie nunmehr unbegrenzt haftete. Ein erneuter Hinweis deiner Familie auf die bedrohlich zunehmende Haftung deiner Familie wurde entrüstet abgewiesen, da es sich bei den „Anschreibekonten“ gar nicht um reguläre Schulden handele.
Diese Entwicklungen akkumulierten sich schließlich so gefährlich, daß eure Bank ins Straucheln geriet. Der Straßenrat beschloß daraufhin, daß die Bank und damit die Bankhaftung von eurer Straße übernommen wurde. Dabei fiel die Haupthaftungssumme wiederum auf deine Familie, die wiederum überstimmt wurde. Die eigene Haushaltsführung war deiner Familie damit völlig aus der Hand genommen worden.
Betroffen sind auch andere Familien mit solider Haushaltsführung (Holland, Finnland), deren Haftung aber bei weitem nicht so groß ist wie das deiner.
Es stellt sich heraus, daß die Bank in einer unübersichtlichen Haftungslandschaft mit den anderen Banken der Stadt verflochten ist. Die Gesamtschulden der Banken in der Stadt betragen 10 Billionen, also 10.000 Mrd. Mit diesen ist nun auch Deine Familie verkettet. Ihre Haftungssumme ist nach oben offen. Dies muß noch nicht schlimm sein – wenn man optimistisch ist. Wenn aber das ganze System in einen Insolvenzstrudel gerät, der sich lawinenartig ausbreitet („der Euro zerbricht“), weiß niemand, was passieren wird.
Deine Familie kann nur hoffen, daß die anderen Familien zu einer ähnlichen Solidarität bereit sind, die deine Familie gegenüber anderen gezeigt hat und daß ein Crash verträglich (für wen?) abgewickelt werden könnte, statt daß es zu einem „Catastrophic Meltdown“ kommt (Abschaffung des Euro).
In jedem Fall ist es klar geworden, daß die Notdarlehen die den Schuldnerfamilien gewährt worden sind, verloren sind. (sunk money). Jetzt steht die Entscheidung an, entweder die bereits aufgelaufenen Gelder abzuschreiben oder noch weiter im Schuldensumpf zu versinken.
Zurück zur Realität. Es scheint nicht so, als ob die gegenwärtigen Politiker einen Plan für das Auffangen der Krise haben. Es scheint eher so, daß sie versuchen, ohne große öffentliche Gegenkampagne geradeso über die Bundestagswahl hinwegzuschrammen, um dann freie Hand für alles Mögliche zu haben. Steuererhöhungen haben fast alle Parteien angekündigt. Darüber hinaus werden in einem „Austerity“-Programm wahrscheinlich Investitionen gestrichen, Renten gekürzt und Sparkonten durch die Inflation entwertet werden.
Es ist kaum zu sehen, wie eine Inflation vermieden werden kann, ein Trauma, daß die Deutschen unbedingt vermeiden wollten. Sie hatten mit der Bundesbank die politischen Voraussetzungen für die Wertstabilität ihrer Währung geschaffen. Die sichere Geldstabilitätspolitik der Bundesbank gibt es aber nicht mehr. Endlich wird Deutschland zu dem gezwungen werden, was für eine Reihe von Euro-Ländern seit langem als Wunschpolitik angestanden hat, aber am Widerstand der alten Bundesbank gescheitert war: nämlich eine „mäßige“ Inflation.
Nur wird eine solche kaum zu mäßigen sein, nachdem in die Marktmechanismen fast so radikal eingegriffen worden ist wie in der sozialistischen Planwirtschaft. Normalerweise macht ein Heer von Investoren sich intensive Gedanken darüber, wo sie ihr Geld anlegen sollen, um Zinsen zu erwirtschaften und ihre Anlage nicht zu gefährden. Damit gibt es eine Schwarmintelligenz, mit der das Gros der Geldanlagen in erfolgreiche Projekte fließt. Mit der Niedrigzinspolitik der EZB ist dieses Regulativ beschädigt, die Zwänge zu einer soliden Haushaltspolitik aufgelöst und eine Umverteilung von Arm nach Reich beschleunigt worden.

 

Über den Autor

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Dr. Hartmut Grebe hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeitet. Außerdem betreibt Dr. Grebe die Webseite www.lebensschmiede.com

 

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