„Es ist vollbracht!“ Die Unisex-Toilette kommt.

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Da dachte ich, die Stereotype von der kopftuchtragenden Klofrau habe sich endlich überlebt, da lese ich es heute morgen – nach der Morgentoilette und beim Brötchenholen: Klofrauen – und -männer – tragen wieder Kopftuch.
Denn die Piratenpartei hat einen Antrag durchgesetzt, daß es in öffentlichen Gebäuden künftig zusätzlich sogenannte Unisex-Toiletten geben wird. Endlich.

Tatsächlich fühlte ich mich zunehmend unwohl in der Vorstellung, Mitmenschen, die mit mir ein stilles Örtchen teilen, durch mein explizites Bekenntnis zu meinem Geschlecht zu unterdrücken. Nicht jeder kann oder will dazu stehen. [Die Gender-Mainstreamfurie möge mit diesen freud’schen Bonmot vergeben. Die Endgerade auf dem Weg zum Endsieg des Neusprech ist arg vermint]. Und ich unterdrücke nicht wenige: Denn sonst würden ‚unsere‘ gesellschaftlichen Vertreter wohl kaum Extrawürsten und -brötchen solcherart Refugien diesen Raum geben.

Die Toilette ist ein sozialer Raum. Es gibt ja dieses völlig haltlose Vorurteil, daß Frauen immer zu zweit die Nase pudern gehen und der Männerwelt bleibt dieses ein ewiges Faszinosum. Und so sehr einem rechten Mannsbild Neugierde wahrlich nicht zu Gesicht, Schild und Speer steht [schon wieder], so sehr möchte man(n) doch Mäuschen spielen und dieses von den letzten großen Geheimnissen der Geschlechter lüften. Zugegeben: Nicht auf einem Behördenklo, aber vielleicht zu fortgeschrittener Stunde, auf einer feucht-fröhlichen Festlichkeit.
Von Männern wird völlig haltlos behauptet, sie würden in lässig-cooler Haltung – mit verachtenden Seitenblicken – Zielübungen veranstalten.

Wie das in den Unisex-Klos abläuft interessiert mich indessen nicht allzusehr. Auf jeden Fall gehört zu deren Inventar künftig auch ein Wickeltisch, damit die Indifferenten für’s junge Lebensgemeinschaftskitt, sorry -kid auch in öffentlichen Gebäuden fürsorglich sein können.
Haben differente Örtchen eigentlich einen Wickletisch als Standard? Oder müssen bekennend-bewußte Frauen und Männer künftig in den Unisex-Raum gehen?

Oder ist das egal? Denn egal ist ja alles. Also gleich. Uni.

Eigentlich geht hier etwas Ungeheuerliches vor sich: Menschen, die ihre autogeschlechtliche Orientierung als etwas zutiefst privates, intimes empfinden und – sofern sie nicht normal sind – dieses „auch gut so“ finden, werden alltäglich gezwungen sich zu outen, oder aber – trotz der ihnen ausgebreiteten Möglichkeit, besser Aufforderung – ihre Orientierung ausdrücklich zu leugnen.
Das macht mit den Menschen etwas.

Aber das ist den Ideologen egal. Sie basteln und fuhrwerken an ihrem Spielzeug, der Gesellschaft herum und zerstören lustvoll das, was sie verbindet: Die Gemeinschaft. Denn nur eine Gemeinschaft, dieses farbenprächtige Gebilde, hat die Kraft, Sonderlichkeiten ihrer Mosaiksteinchen mitzutragen – und sie fragt nicht nach dem warum.
Die gleichgemachte, eingeebnete Gesellschaft allerdings, die sondert aus, korrigiert, grenzt aus. Sie ist bunt ob ihrer vermatschten Farben. Tuschwasser.

Der Weg zu den Sanitärräumen als Rampe.
Die Gesellschaft selektiert: Bekenne oder leugne. Im Rampenlicht.

Zur BVV Seite: http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/bvv-online/allris.net.asp

Beitragsbild: Bildquelle Christa Nöhren  / pixelio.de

 

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Arne Fischer, Jahrgang 1970, lebt in Hamburg und ist COMPACT-Online Redakteur. Er ist außerdem Ansprechpartner in allen technischen Belangen rund-um das COMPACT Internetportal. Alle Artikel des Autors

 

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