Erstarrtes Fernsehen – Nur Massenverweigerung hilft

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Die Fernsehanstalten schwimmen in dem Geld, das sie von uns einsammeln. Diese zuverlässig sprudelnde Geldquelle und ihre politische Macht haben die Sender träge werden lassen. Sie sehen keine Notwendigkeit zur Weiterentwicklung, solange es keinen ernstzunehmenden Zwang gibt. Den sollten wir aufbauen.

Ich denke an die Aktion Paragraph 218 (den „Abtreibungsparagraphen“). Spontan hatte sich damals eine große Gruppe von Frauen mit dem Eingeständnis an die Öffentlichkeit gewandt: „Ich habe abgetrieben.“ Darauf stand Gefängnis. Es war die schiere Menge dieser Frauen, vor der die Justiz kapitulieren musste. Die Aktion führte schließlich zur Legalisierung von Abtreibung. Motto: „Mein Bauch gehört mir!“

Wir sollten uns mit einer Massenverweigerung von Rundfunkgebühren wehren, damit sich die Fernsehsender nicht weiterhin eine üppige Ausstattung, hohe Spesen, fantastische Gehälter zuschlagen und Kritik an sich abperlen lassen. Sie müssen ihre Verpflichtung zu Qualität und Weiterentwicklung wahrnehmen. Die Frage politischer Neutralität muss auch, aber separat betrachtet werden.

Es gibt im deutschen Fernsehen sehr gute Sendungen, besonders bei Arte und Phoenix, aber auch auf anderen Kanälen. Jedoch vieles ist untragbar geworden und macht den Eindruck einer Verachtung der Fernsehkunden. Oder ist es nur die Abwesenheit eines Leistungsdrucks?

Die Kunden sind unzufrieden. Eine Partei, die Sorgen der Bürger aufgreift, nämlich die AfD, hat die völlige Abschaffung des staatlichen Fernsehens und den Übergang zu einem reinen Bezahlfernsehen gefordert. Dies bedeutete jedoch, das Baby mit dem Bad auszuschütten. Manche Sender kommen ihrer Verpflichtung zu Qualitätssendungen schon nach. Doch hier sind einige Kritikpunkte. Ich beschränke mich auf die eher handwerklichen Aspekte. Politische Ausgewogenheit ist ein anderes Kapitel.

Wenn wir uns vorstellen, was an unseren heutigen Sendungen in zehn oder zwanzig Jahren antiquiert wirken wird, dann wird es unter anderem die Degradierung der bildlichen Information zu einer Marginalie sein. Es wird dann jedem deutlich geworden sein, dass unsere heutigen Sendungen abgelesene Vorträge sind, die mit dem obligaten, meist überstrapazierten Aphorismus enden. Wenn der Ausdruck „Forschung“ im Rahmen einer Neuentwicklung fällt, sieht man jemanden in einem weißen Kittel, wie er ein nichtssagendes Reagenzglas schüttelt.

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Das Fernsehen ist überfrachtet von Sprache. Heute bestehen Dokumentationen vorwiegend aus sprechenden Köpfen. Selbst wenn das Gerät, das ein Ingenieur oder Naturwissenschaftler entwickelt hat, neben ihm steht, wird dem Zuschauer dessen Anblick (bis auf einen Zweisekundenblick) vorenthalten, während der sprechende Kopf des Ingenieurs oder Wissenschaftlers das Gerät beschreiben soll. Dazu wird dieser immer wieder vom Journalisten mit Fragen unterbrochen, die zeigen, dass der Interviewer sich nicht auf das Thema vorbereitet hat.

In ein paar Jahren wird es undenkbar sein, dass da, wo das Äußere eines Gerätes wenig aussagt, nicht wenigstens eine Prinzipskizze eingeschoben wird. Es treibt einem jedesmal die Zornesröte ins Gesicht, wenn Journalisten auf derlei Kritik antworten, technische Einzelheiten interessierten den Zuschauer nicht. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig ich vom Inhalt einer Sendung versäume, wenn ich mir den Kopfhörer aufsetze und inzwischen in die Küche gehe.

Wo diese Art fernsehjournalistischer Arroganz auch durchschlägt, ist die entnervende Praxis des „Voice-over“, wo ein Journalist den Sprecher mitten im Satz mit einer schlechten bis falschen Übersetzung unterbricht. Da dann im Hintergrund der eigentliche Sprecher weiterredet, versteht man weder das Original noch die Übersetzung richtig. Versteht nur der Journalist genügend Englisch? Peinlich wird es dann, wenn er (oder sie) die Namen von Menschen, Städten, Regionen falsch ausspricht.

Einmal hat fast die Hälfte der Deutschen ein funktionales Verständnis des Englischen und würde gerne hören, was der Sprecher denn wirklich sagt und möchte auch nicht auf die wertvollen Informationen wie Sprachstil, Anspielungen, Zwischentöne und Gruppenzugehörigkeit verzichten. Für einen ernstzunehmenden Prozentsatz der Zuschauer gilt dies auch für andere weit verbreitete Sprachen. Wozu haben wir Mehrkanalsysteme, die nicht genutzt werden.

Zum anderen nimmt einem das Fernsehen die hervorragende Gelegenheit zur Verbesserung von Sprachkenntnissen weg. Wenn man hört, was gesagt wird und eine Übersetzung in Untertiteln lesen könnte, hätte man eine solche Gelegenheit. Für mich persönlich ist das der Unterschied, ob ich mein Französisch aufbessern kann oder nicht.

Nicht zufällig sind Vertreter aus den kleineren europäischen Ländern in Brüssel den Deutschen bei Verhandlungen durch bessere Englischkenntnisse überlegen. Sie lernen ihr flüssiges Englisch vor allem aus den nicht-synchronisierten Filmen und Dokumentationen.

In Deutschland hat es sich bei den Fernsehjournalisten und Mediengewaltigen noch nicht herumgesprochen, dass in der viel beschworenen „globalisierten Welt“ zu den unverzichtbaren Grundkenntnissen Lesen, Schreiben und Rechnen die englische Sprache hinzugekommen ist. Ich fühle mich immer ein wenig infantilisiert, wenn mir eine deutsche Übersetzug aufgezwungen wird (nur der Journalist darf das Original hören?) oder ein Zusammenhang oder eine Funktionsweise nicht erklärt wird (versteht der Zuschauer nicht?)

Ganz finster wird es bei Sendungen mit technischem Einschlag. Journalisten habe notorisch wenig Technikkenntnisse. Sie sind oft Germanisten und kokettieren mit ihrer technischen Unkenntnis. Sie verschaffen sich nicht Rat von Experten. Allerdings ist kein Kraut dagegen gewachsen, dass der Journalist die Materie auch dann nicht oder falsch versteht. Ich erinnere mich an den Versuch einer Erklärung, warum man auf sehr langen Überlandstrecken Gleichstrom und nicht Wechselstrom überträgt. Die witzige Erklärung des Berichters war: ’’weil der Wechselstrom dem Ohmschen Gesetz gehorcht.“ Der befragte Ingenieur hatte wahrscheinlich von den „Ohmschen Verlusten des Wechselstroms“ gesprochen. Auch die lassen sich einfach erklären. Die meisten Journalisten weichen aber auf die knappe Antwort aus: „Das interessiert den Zuschauer/Hörer/Leser nicht.“

Auf diese Weise bleiben deutsche Zuschauer auf einem niedrigen Wissensniveau stehen. Besonders blamabel wird es, wenn nach den unendlichen Sendungen und Artikeln zur Energiewende, immer noch Kilowatt und Kilowattstunden verwechselt werden.

Ich werde wütend, wenn Petra Gerster mir treuherzig die „richtige Interpretation“ eines politischen Geschehens vermitteln will oder Klaus Kleber mir die Welt erklärt, zusammen mit den dazugehörigen politisch-korrekten Ermahnungen. Jan Hofer, der langjährige Nachrichtensprecher der ARD ist eine Erholung. Er berichtet mit wenig bewegtem Gesicht und verzichtet auf alle Schnörkel. Politisch denken kann ich selber.

Kaum zu ertragen sind die Stimmen der Sprecher bei Tier- und Landschaftssendungen: Warum müssen diese Leute sich die Stimme und den Singsang eines Kindergartenonkels zulegen? Das nimmt einem den Genuss der Sendung weg. Das Vorbild sollte Andreas Kieling mit seinen ausgezeichneten Tiersendungen und tiergerechten Kommentaren sein.

Und dann noch die Untermalung von fast allem durch eine unendliche Musikberieselung. Es wirkt so, als ob der Berichter blind in die große Tonne der (langweiligen) Begleitmusiken gegriffen hätte. Was, um alles in der Welt, hat eigentlich die zusammenhanglos dahinplätschernde Musik für eine Funktion? Horror vacui – die Angst vor der Leere, wenn der Berichter gerade mal nicht redet?

Mein Vorbild ist die US-Serie „Breaking Bad“, die zaghaft mit passenden Geräuschen und Klängen umgeht und nur hier und da passende und mitreißende Musik einblendet. Es wäre auch eine Erholung, streckenweise einfach nichts zu hören und eindrucksvolle Bildsequenzen auf sich wirken zu lassen. Die Sendungen wirken so, als ob die Producer Angst hätten, dass der Zuschauer auf ein anderes Programm umschalten könnte, wenn nicht alle seine Sinne ständig gefangen gehalten (oder überflutet) werden. Grotesk wird es, wenn unten im Bild ein Band mit Nachrichten läuft. Soll ich der Sendung folgen oder die Nachrichten lesen? Oder beides nur oberflächlich? Und warum wird der schöne große Bildschirm durch die Nachrichtenmanie wieder verkleinert?

Wie gesagt, all dies sind nur handwerkliche Qualitäten. Auch die Forderung nach politischer Neutralität steht an. Doch sie ist ein Thema, das unseren Rahmen sprengt. Die hier betrachteten Aspekte gingen dann unter.

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Über den Autor

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Dr. Hartmut Grebe hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeitet. Außerdem betreibt Dr. Grebe die Webseite www.lebensschmiede.com

 

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