Erdoğans Schande

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Mit dem Terroranschlag auf den Atatürk-Flughafen in Istanbul hat die Türkei geerntet, was ihr Präsident mit seiner Unterstützung islamischer Mörderbanden in Syrien gesät hat. Das Volk kocht vor Wut.

_von Max Z. Kowalsky

Die Leichen der Opfer waren noch nicht kalt, da nahm der Atatürk-Airport schon wieder seinen Betrieb auf. Nur acht Stunden, nachdem drei mutmaßliche Allahu-Akbar-Irre des selbsternannten Islamischen Staates 39 Menschen ermordet hatten, hob die erste Maschine wieder vom Rollfeld des Istanbuler Flughafens ab. Zum Vergleich: In Brüssel dauerte es nach dem Anschlag vom 22. März zwölf Tage, bis der reguläre Verkehr wieder aufgenommen wurde.

Zum Tagesgeschäft zurückzukehren ist im Sinne des Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan. Der AKP-Vorsitzende hat sich in ein Rattenloch gegraben, aus dem es kaum mehr ein Entrinnen gibt. Während im Terminal der Islamterror tobte, lief im deutsch-französischen Fernsehen die arte-Dokumentation „Türkei – Drehkreuz des Terrors?“. Man sieht: Al-Nusra-Front und IS können sich an der türkisch-syrischen Grenze noch heute unbehelligt wie Fuchs und Hase ‚Gute Nacht‘ sagen. Seit Monaten weist COMPACT darauf hin, wie Erdoğan den Dschihadisten Unterstützung im geostrategischen Kampf gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad gewährt.

„Das sollen Muslime sein?“, fragte Erdoğan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwochabend. „Sie haben ihren Platz in der Hölle vorbereitet.“ Erdoğans Strategie ‚Der Feind meines Feindes ist mein Freund‘ ist blutig gescheitert. Die Islamistenbande ist unberechenbar. Sie kennt nur die angebliche Allianz mit Allah. Al-Kaida geht ihnen nicht weit genug, die Taliban verachten sie, weil die bärtigen Alten ‚nur‘ einen afghanischen Staat nach islamischen Gesetz errichten wollen, jedoch nicht das Kalifat für die gesamte Umma (muslimische Gemeinschaft) anstreben.

Den Atatürk-Airport mitgerechnet, hat Erdoğans Regierung den Islamischen Staat für fünf von zwölf Anschlägen innerhalb eines Jahres verantwortlich gemacht. Während  Moslembruder Erdoğan auf Anschläge der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK regelmäßig Bomben auf die eigene kurdische Bevölkerung regnen lässt, sind ihm bei den Beißattacken des tollwütigen Kettenhundes der Obama-Administration jedoch die Hände gebunden. Die jetzige Taktik „muss revidiert werden“, zitiert das US-Nachrichtenportal The Daily Beast einen türkischen Regierungsangehörigen. Falls der IS eine „ernsthafte Bedrohung darstellt, dann muss es eine Strategieänderung geben“. Damit sei vor den US-Wahlen im November aber nicht zu rechnen. (1) Donald Trump hat geschworen, den IS zu vernichten. Hillary Clinton würde dies als Vorwand benutzen, um die NATO geradewegs nach Damaskus zu schicken.

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Bis die Entscheidung gefallen sein wird, rasselt Erdoğan mit den Säbeln eines Islamoglobalisten: „Jeder soll wissen, dass die Terrororganisationen nicht unterscheiden zwischen Istanbul und London, Ankara und Berlin, Izmir und Chicago, Antalya und Rom“, sagte er in einer Erklärung. Er erwarte, dass die Weltgemeinschaft eine „entschlossene Haltung“ gegenüber Terrorgruppen einnehme. Deutsche Unterstützung ist ihm sicher. Merkel und Erdoğan seien sich in einem Telefonat am Mittwochabend einig gewesen, „dass der Bedrohung durch den fanatischen Terrorismus gemeinsam begegnet werden muss“, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag mit. (2)

Doch innenpolitisch brodelt es unter den Füßen des 62-jährigen Präsidenten. Die Gesellschaft ist stärker denn je in AKP-Anhänger und -Gegner gespalten. Die türkisch-kurdische Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates schilderte im Deutschlandfunk, wie sehr die Türken die Regierung dafür verachten, dem Terror keinen Einhalt bieten zu können. „Das einfache Volk sagt, er selbst wird sehr gut bewacht, der Staatspräsident, und überhaupt alle wichtigen Persönlichkeiten, und man empfindet sich so als nicht wichtig, nicht lebenswert“, sagte Ates. „Es heißt, Kurde gleich Terrorist, und der Kampf gegen die Kurden ist in einer Vehemenz da, die man leider Gottes gegenüber den Islamisten vermisst.“ (3) Die Meldung, dass türkische Geheimdienste seit 20 Tagen darüber informiert gewesen sein sollen, dass der Flughafen ein akutes Terrorziel sei, wird die Stimmung nicht erheitern.

Die türkische Staatspresse stellt sich vor Erdoğan, weil sie es muss. Die Welt zitiert regierungsnahe Journalisten, die unter geändertem Namen ihrem Frust über das Regime freien Lauf lassen. Einer vermisst gar die fehlende kritische Haltung der regierenden AKP zum Islam: „Da kann einer, der in seinem Alltag keine Sexualität ausleben kann, jeden Tag jesidische Frauen vergewaltigen und sich dabei auf den Koran berufen. Und keiner der politischen und religiösen Führer hat ein Wort zu den entsprechenden Koranversen zu sagen.“ Ein anderer sagt deutlich: „Diese Regierung hat Angst vor dem Volk. Kein Wunder, sie hat diese Mörder lange gehätschelt.“ (4)

Im Deutschlandradio schilderte ein in der Türkei lebender deutscher Journalist die Angst der Türken vor einer „Syrisierung“ oder „Irakisierung“ ihres Landes, vor der ständigen „Androhung von Anschlägen, egal, ob auf einem Wochenmarkt, in einem Einkaufszentrum oder jetzt am Flughafen.“ Das Vertrauen in die Staatsmacht sei schwach. „Unter dem Strich ist es so, dass viele Leute sagen: ‚Wenn ich könnte, würde ich auswandern.‘“ (5) In dem Fall sollten die Türken aber doch noch etwas länger zu ihrem Präsidenten halten. Erdoğans Plan, die Türkei zum Mitgliedsland der EU zu erheben, stößt bei Angela Merkel und Co. bekanntlich auf offene Ohren.

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(1) http://www.thedailybeast.com/articles/2016/06/29/istanbul-ataturk-airport-attack-turkey-could-knock-out-isis-but-will-it.html?utm_source=Sailthru&utm_medium=email&utm_campaign=Military%20EBB%206-30-16&utm_term=Editorial%20-%20Military%20-%20Early%20Bird%20Brief
(2) https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2016/06/2016-06-30-telefonat-bkin-erdogan.html
(3) http://www.deutschlandfunk.de/nach-istanbul-anschlag-kampf-gegen-kurden-ist-in-einer.694.de.html?dram:article_id=358732
(4) http://www.welt.de/politik/ausland/article156690242/Diese-Regierung-hat-die-Moerder-gehaetschelt.html
(5) http://www.deutschlandradiokultur.de/terroranschlag-am-istanbuler-flughafen-die-allmaehliche.1008.de.html?dram:article_id=358647

Über den Autor

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Max Z. Kowalsky, Jahrgang 1979, bestreitet sein Dasein als Privatdozent im schönen Genf. Seit 2015 schreibt der studierte Slavist für COMPACT.

 

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