Erdogan fordert Zensur für Dresdner Sinfonie: EU unterwirft sich

37

Merkels Kniefall vor Erdogan wegen eines Gedichtes von TV-Blödel Jan Böhmermann war ein Startschuss. Der suggerierte dem Tyrannen, dass seine Willkür auch über Landesgrenzen hinaus respektiert werde. Warum sollte er dann nicht nachlegen? Er hat nicht lange gewartet…

Fördern Sie ehrlichen Journalismus in Zeiten der Lüge und unterstützen Sie das Nachrichtenmagazin COMPACT mit einem Abonnement der monatlichen Heftausgabe!

COMPACT Abo-2016-02

_von Karel Meissner

Nein, diesmal geht es nicht um Beleidigung seiner Majestät. Diesmal geht es um die Benennung eines Verbrechens, das die Türkei im Schatten des Ersten Weltkriegs an den Armeniern beging. Mindestens 1,5 Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Diesen Massenmord als „Genozid“ zu bezeichnen, will Erdogan seit Langem verhindern. Deswegen hat er sich vor Jahren mit Frankreich angelegt, als man dort ein Gesetz gegen Genozid-Leugnung diskutierte. Jetzt geht es gegen die Dresdener Sinfoniker. Die planen eine Aufführung des Konzertes „Aghet“ (dt. Katastrophe). Ein Versuch, nach 100 Jahren eine Versöhnung im deutschen Exil herzustellen: Türkische und armenische Musiker musizieren zusammen.

Das Projekt hat eine eigene Facebook-Seite, auf der es heißt: „Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern initiieren die Dresdner Sinfoniker gemeinsam mit dem Gitarristen Marc Sinan das Konzertprojekt ,Aghet‘. Gewidmet ist es Sinans Großmutter Vahide, einer Überlebenden des Genozids, bei dem 1,5 Millionen Menschen den Tod fanden. ,Aghet‘ ist für die Armenier zum Synonym für das Verbrechen geworden, für das bis heute ein gemeinsames Narrativ und ein eindeutiger Ausdruck fehlen. Die Dresdner Sinfoniker wollen mit ihrem abendfüllenden Konzertprojekt ein Zeichen der Versöhnung setzen: Die Uraufführungen zweier Werke von Zeynep Gedizlioğlu (Türkei) und Helmut Oehring (Deutschland) sowie die deutsche Erstaufführung eines Stücks von Vache Sharafyans (Armenien) bilden den Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Erinnerungsprojektes.“

Das Problem: es gibt zur Musik auch Spoken Word-Performances, gesungene und gesprochene Texte. In ihnen wie auch im Titel erscheinen Bezeichnungen wie „Genozid“, „Massaker“. Worte, die Erdogans beschränktem Bild vom glanzvollen osmanischen Großreich widersprechen. Deshalb will der Geschichtsrevisionist die Dresdner Premiere am 30. April verhindern. Oder wenigstens erschweren. Denn die türkische EU-Botschaft forderte jetzt die EU-Kommission auf, ihre 200.000 Euro Subventionen, die das Projekt erhielt, wieder zurückzufordern. Soweit ging die Kommission zwar nicht, aber sie bat das Orchester, das Wort „Genozid“ zu streichen. Außerdem entfernte die EU alle Ankündigungen der Aufführung von ihren Websites. Eine klare Distanzierung. Man werde aber in den nächsten Tage eine neue Ankündigung freischalten – mit gesäubertem Text. Nein, nicht nur Merkel kriecht vor Erdogan. Inzwischen tut es die gesamte EU.

P.S.: Ob das geplante Gastspiel in Istanbul wohl stattfinden wird?

Über den Autor

Avatar

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel