Entscheidungsschlacht um Kirkuk

31

Die Kurden sind das weltweit größte Volk ohne eigenen Staat. Mittlerweile existieren zwar zwei Autonomiegebiete im Norden Syriens und im Irak – doch eine Unabhängigkeit wollen die mächtigen Nachbarn nicht zulassen.

_von Sven Reuth

Der Dämon Sohak, ein Drache mit drei Augen und sechs Köpfen, musste täglich mit zwei Kinderhirnen gefüttert werden, um seinen Zorn zu besänftigten. Doch die gequälten Untertanen kamen auf die Idee, dem Tyrannen Schafshirne vorzusetzen. Nicht immer aber gelang die Täuschung. Als die Schergen des Ungeheuers zu dem Schmied Kaveh kamen, der schon acht seiner neun Kinder verloren hatte, band dieser seine Lederschürze ab, befestigte sie als Fahne an einer Stange und rief die Bauern seines Landes zum Kampf gegen das Ungeheuer auf. Gemeinsam stürmte man den Palast des Zwingherrn, und Kaveh erschlug Sohak mit seinem Hammer. Die geretteten Kinder wurden in die Berge gebracht, «wo sie den Anfang des kurdischen Volkes bildeten».

So lautet der Ursprungsmythos der kurdischen Nation. Laut Überlieferung soll sich der Kampf des Schmieds am 21. März 612 vor Christus zugetragen haben – und bis heute feiern die Kurden an diesem Tag ihr Neujahrsfest Newroz. Der Feiertag fällt genau auf die Tag-und-Nacht-Gleiche des Frühjahrs, die im astronomisch-solaren iranischen Kalender eine große Rolle spielt – ein Beleg für die indogermanischen Einflüsse auf die Kultur und das Brauchtum der Kurden.

In der Geschichte von Kaveh spiegelt sich viel vom Unglück und der Größe dieses Volkes wider, das bis heute einen Kampf um seine Freiheit führt. Obwohl die Aufteilung des eigenen Siedlungsgebietes zwischen Osmanen und Persern schon im 17. Jahrhundert begann, gab man die Idee der Einheit nie auf. Oft erschien die Gründung eines eigenen Staates zum Greifen nahe, doch Aufstände gegen die britischen, türkischen oder irakischen Besatzer endeten in trügerischen Pyrrhussiegen, die von kurzer Dauer waren, da sie von der Gunst launischer und mächtiger Bundesgenossen abhingen. Und so leben die Kurden noch immer als ethnische Minderheit in fünf Staaten: in der Türkei, im Irak, in Syrien, im Iran und in Aserbaidschan.

Ungleiche Zwillinge

Immer wieder stand das heute rund 30 Millionen Menschen umfassende Volk mit dem Rücken zur Wand, wurde mit Giftgas bombardiert oder aus seinen Heimatregionen deportiert. Als sich im September 2014 von drei Seiten aus die Terrormiliz Islamischer Staat der mit Flüchtlingen überfüllten nordsyrischen Kurdenstadt Kobane näherte, bahnte sich eine weitere Tragödie an. Doch wie durch ein Wunder war die Gegenoffensive der zahlenmäßig und waffentechnisch unterlegenen Verteidiger erfolgreich. Diesem Wendepunkt des Krieges folgten weitere Siege gegen die Steinzeitislamisten, die zuletzt in der Einnahme ihrer Hauptstadt Raqqa gipfelten. Die Kurden stellten dabei einen Hauptteil der Bodentruppen und ersparten ihren westlichen Verbündeten viel Blutvergießen.

kurdische siedlungsgebiete grafik
Nach der Proklamation der autonomen Föderation Rojava im Norden Syriens am 17. März 2016 durch eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten ist ein neues staatsähnliches Gebilde in der Region entstanden. Es grenzt direkt an die schon seit 1991 bestehende Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak. Das Gebiet reicht in der Ost-West-Ausdehnung von der Millionenstadt Sulaimaniyya im Zagros-Gebirge an der iranischen Grenze bis zum Tal des Flusses Afrin in Syrien, von dem aus es nicht mehr weit bis zum Mittelmeer ist. Die beiden kurdischen Autonomiekantone sind allerdings nur in geografischer Hinsicht Zwillinge, denn sie unterscheiden sich stark im Staatsaufbau wie auch der ideologischen Ausrichtung. Im Irak herrschen in einer ungebrochenen feudalen Tradition einige mächtige kurdische Familien über das Land, die Rojava-Föderation hingegen orientiert sich an einem auf Prinzipien der Selbstverwaltung beruhenden «Demokratischen Konföderalismus». Es ist ein offenes Geheimnis, dass dieser stark von den kommunistischen Ideen des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan inspiriert ist.

«Neues Israel» im Nahen Osten?

Diese Konstellation, die sich sukzessive aus den Kriegen und Bürgerkriegen der Region herauskristallisierte, ist in den letzten Monaten erneut in Bewegung geraten. Der Auslöser dafür war die einsame Entscheidung des Clanchefs Masud Barzani – der im kurdischen Autonomiegebiet des Irak seit Jahren wie ein absoluter Monarch regiert – zur Abhaltung eines Unabhängigkeitsreferendums. Zwar gab es bei der Abstimmung am 25. September dieses Jahres eine Zustimmung von 93 Prozent für die Loslösung vom Irak, dies führte aber auch zur endgültigen Mobilisierung der zahlreichen Gegner einer kurdischen Souveränität.

Im Orient können über Nacht aus Todfeinden Verbündete werden – dennoch rieb man sich die Augen, als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Anfang Oktober seinen iranischen Amtskollegen Hassan Rohani in Teheran besuchte, obwohl sich beide Länder in Syrien schon seit Jahren einen erbitterten Stellvertreterkrieg liefern. Nach dem Treffen betonte Erdogan die Entschlossenheit beider Regierungen, «verschärfte Maßnahmen» gegen das «illegitime Referendum» zu ergreifen – eine Ankündigung, die nicht folgenlos bleiben sollte. Fatal für die Kurden wirkte sich die Einschätzung des türkischen Politikwissenschaftlers Mustafa Sitki Bilgin aus, im Norden des Irak enstünde gerade ein «neues Israel» im Nahen Osten – eine Formel, die von vielen Politikern der Region aufgegriffen wurde.

Die Behauptung ist in dieser zugespitzten Form falsch, tatsächlich wurde das Ergebnis des Referendums auf internationaler Ebene aber nur vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu anerkannt. Bis zu 400.000 kurdische Juden leben mittlerweile in Israel, wo sie eine mächtige Lobby bilden, sich intensiv der Pflege ihrer jeweiligen Herkunftskultur widmen und natürlich viele Kontakte in die alte Heimat bewahrt haben. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ein offenes Geheimnis, dass der israelische Geheimdienst Mossad kurdische Milizen im Norden des Iraks ausbildete.

Das macht die irakischen Kurden allerdings nicht zu einer reinen Marionette Tel Avivs, zumal man bestrebt ist, auch zu anderen Großmächten gute Beziehungen zu knüpfen. So investiert gerade der russische Energiekonzern Rosneft eine Milliarde US-Dollar in die Erschließung der Öl- und Gasfelder, die sich rund um Kirkuk befinden. Diese Stadt, die als «kurdisches Jerusalem» gilt, stand nun im Zentrum einer Operation, die alle Unabhängigkeitsträume vorläufig zunichtegemacht hat. Ende Oktober marschierten irakische Regierungstruppen, die von pro-iranischen, schiitischen Milizen unterstützt wurden, in den Nordirak ein und übernahmen dabei die Kontrolle über die Erdölmetropole. Kurz zuvor hatte Qassem Soleimani, ein General der iranischen Revolutionsgarden, die Metropole Sulaimaniyya besucht. Diese gilt als Hochburg der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), die sich mit Barzanis Demokratischer Partei Kurdistans (PDK) um die Vorherrschaft im Land streitet.

Ewiger Bruderzwist

Kurz nach dem Treffen erfolgte die irakische Militäroffensive, bei der die PUK-nahen Einheiten den ihnen zugeteilten südlichen Frontabschnitt pikanterweise fast kampflos aufgaben. Wenig später trat Barzani von seinem Amt als Präsident der kurdischen Autonomieregion, das er zwölf Jahre lang ausgeübt hatte, zurück. Einmal mehr scheinen die Kurden an ihrer Zerstrittenheit zu scheitern, die schon der spätere preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke beschrieb, als er im Jahr 1838 als türkischer Militärberater an einem Feldzug in Syrien teilnahm. Der große deutsche Stratege stellte fest, dass «der Araber mehr vom Diebe, der Kurde mehr vom Krieger an sich» habe, und kam zu dem Schluss: «Die Kurden würden unbezwinglich sein, wären sie vereint.»

Die aktuellen Ereignisse sprechen für Moltkes damalige Einschätzung. Nun ruhen die kurdischen Hoffnungen auf der Rojava-Föderation, die man alsbdie jüngste kommunistische Staatsgründung der Geschichte ansehen kann, und deren Bild von den Frauen in Uniform geprägt wird, die in den Volksverteidigungseinheiten YPG kämpfen. Die Idee von einer Freiheit in Unabhängigkeit wird sich wohl nie
ganz unterdrücken lassen – zu sehr unterscheiden sich die Kurden mit ihrer weitgehend säkularen Kultur von ihren Nachbarn. Schon Peter Scholl-Latour stellte in seinem 1999 erschienenen Buch Allahs Schatten über Atatürk fest: «Zudem ist mir seit meiner intensiven Erkundung Zentralasiens bewusst, dass zwischen Turanern und Iranern schon seit den Tagen Zarathustras ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht, und die Kurden gehören nun einmal der iranischen, der arischen oder indoeuropäischen Völker und Sprachenfamilie an.»

Dieser Text erschien zuerst in COMPACT-Magazin 12/17. Wer jetzt COMPACT abonniert, kann Gerhard Wisnewskis brandneues Jahrbuch verheimlicht – vertuscht – vergessen: was 2017 nicht in der Zeitung stand als Abo-Wunschprämie wählen! Mehr Infos hier.

Über den Autor

COMPACT-Magazin

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln. Kommentare sind nur innerhalb von 24 h nach Veröffentlichung des Artikels möglich.

Empfehlen Sie diesen Artikel