Gestern lief die ARD-Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman “Unterwerfung”: Leider verkürzte man den Diskurs der Vorlage zum Privatproblem der Hauptfigur. Eine zusätzlich erfundene Rahmenhandlung sorgte für weitere Abschwächung. Wenn man solche Angst vor Houellebecq hat, warum verfilmt man dann keine Jakob Augstein-Kolumnen?

    Immer dasselbe: Mittelmäßige Filmemacher greifen nach radikalen Vorlagen, um sie dann zu trivialisieren, ihnen die Reisszähne zu ziehen. In den 60ern und 70ern, auf dem Höepunkt der Erotikfilmwelle, adaptierten Filmemacher gern die Romane des Marquis de Sade und heraus kamen spießige Softsexstreifen. Gleiches gilt für die Bücher von Michel Houellebecq, von denen man hierzulande bislang zwei verfilmt hat: „Elementarteilchen“ (von Oskar Roehler) und „Unterwerfung“ (von Titus Selge), der gestern in der ARD zur TV-Premiere kam.

    Roehler versiebte bereits die „Elementarteilchen“, weil ihm vor dessen apokalyptische Ende grauste, es gegen ein sentimentales Happy End austauschte. In Houellebecqs Romanen aber dient die Handlung primär der Verdeutlichung von Theorie und seine Charaktere sind Exempel seiner Gesellschafts- und Zeitgeistdiagnosen. Die aber waren in Roehlers Version ihrer Konsequenz beraubt.

    Jetzt also „Unterwerfung“ (2015) im TV. Houellebecqs Dystopie, pünktlich zum Anschlag auf das Redaktionsgebäude von „Charlie Hebdo“ publiziert, spielt im Frankreich des Wahljahres 2022, in dem der linksliberale Polit-Mainstream endgültig ausgedient hat. Beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Front National und dem muslimischen Charismatiker Mohamed Ben Abbes aber unterstützen Altparteien letzteren als das kleinere Übel.

    Als neuer Präsident hebt Ben Abbes den Laizismus, die Trennung von Staat und Religion auf. Frauen sollen Kopftücher tragen. Für den Bildungsbereich gilt: Konfessionslose Professoren dürfen nur an privaten Hochschulen dozieren. An staatlichen Universitäten wird von den Lehrkräften eine Konvertierung zum Islam verlangt.

    Aber vorsicht! Houellebecq betreibt keine Hasspropaganda, dämonisiert den Islam nicht zum „Eroberer“. Dessen Ausbreitung im Westen folgt vielmehr der Logik, wonach jedes Vakuum sofortige Neuaufüllung erfährt: Der nihilistische Westen, der seine gesamte spirituelle Verwurzelung verloren, sich stattdessen dem materialistischen Wissenschaftsglauben, dem Konsumismus und billigstem Amusement verschrieben hat, der nur noch „geistiges Aids“ (Jean Baudrillard) hervorbringt, ist das Vakuum. In ihm nimmt eine spirituell stärkere Kultur jetzt ihren Platz ein.

    Hauptfigur des Romans, der Universitätsprofessor und Literaturwissenschaftler François, ist ein Prototyp des westlichen Nihilismus: Im mittlerem Alter angelangt, desillusioniert, plagt ihn keinerlei Engagement oder weitreichendes Interesse mehr. Sein Hauptamüsement: Die eine oder andere Studentin ins Bett zu kriegen.

    Der Wahlsieg von Ben Abbes aber konfrontiert Francois mit Europas kultureller Endzeit. Vor allem bemerkt er, dass viele Forderungen der neuen Regierung vor gut anderthalb Jahrhunderten noch von der katholischen Kirche diktiert wurden: Der Islam bedeutet also Konfrontation mit dem eigenen vergessenen Erbe…

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    Nach einer Krise konvertiert Francois schließlich zum Islam. Nicht nur, um seine Rückkehr an die Sorbonne zu sichern und ein wenig spirituelle Morgenluft zu wittern, sondern auch in der Hoffnung, seine polyerotischen Lüste mithilfe des “Unterwerfungswillens” muslismischer Studentinnen weiterführen zu können. Ein Experiment halt. Er hätte ja „nichts zu bereuen“.

    Die TV-Verfilmung hat die Story zusätzlich mit einer Rahmenhandlung versehen: Die erzählt von dem Schauspieler Edgar Selge, der den Roman als Monolog-Adaption im Hamburger Theater spielt. (Diese Inszenierung von Karin Beier steht tatsächlich auf dem Hamburger Spielplan.) TV-Regisseur Titus Selge, Neffe des Hauptdarstellers, hat diese Inszenierung mitgeschnitten, aber den Monolog durch – als „Rückblende“ eingesetzte – Spielszenen unterbrochen.

    Aber François emotionale Abgestumpftheit, im Roman symbolisch für kaputte Gegenwartskultur, ist in der TV-Version sein Privatproblem: Ein gelangweilter Professor in der Midlife-Crisis ist ermüded von frustrierten Girls und weiblichen Singles. Als ihm die politischen Veränderungen Sorge bereiten, er gar einen Bürgerkrieg befürchtet, wirkt der Professor wie ein Clown inmitten einer Kafka-Welt,der nicht weiß, ob er bloß Paranoia schiebt.

    Auch das Problem des kulturellen Vakuums quält  François in Selges TV-Version nicht wirklich. Der Zusammenhang zwischen spiritueller Leere und erotischer Libertinage bleibt weitgehend unerwähnt. Sogar François Selbstexperiment, sich wie sein geschätzter Autor Joris K. Huysmans vor über 100 Jahren, auf die Suche nach dem verlorenen Katholizismus zu begeben, verkommt zum schlechten Sketch:

    Der Professor besucht zwar Huysmans Konvertierungskloster, aber verlässt es wieder, weil man darin nicht rauchen darf. Kein inneres Ringen, kein Moment einer kurzen Ahnung des Verlorenen. Die christliche Spiritualität ist erloschen. Aber bei Selge fehlt das wirkliche Bedauern darüber. Das unterscheidet ihn von Houellebecq.

    Erst als Sorbonne-Direktor Rediger ihm den Realismus des Islam durch den pornographischen Roman „Die Geschichte der O“ erklärt, der die Unterwerfung als höchstes Glück preist, und François im Islam zunehmend eine Chance zur Realisation seiner Macho-Phantasien wittert, treffen Regie und Darsteller den bitter-satirischen Ton des Romans – wenn auch nur auf einer Ebene.

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    Am Ende verlässt Edgar Selge das Theater. Auf dem Heimweg begegnen ihm drei südländische Jungen, die er zu Beginn des Portemonnaie-Diebstahl verdächtigt hatte. Jetzt aber stellt sich raus. Es war ein Irrtum. Alles okay.

    Die Message der Rahmenhandlung wird deutlich: Houellebcqs Dystopie war nur ein Theater-Alptraum, hat aber wenig oder gar nichts mit der Realität zu tun. In der gibt es keine kulturellen Clashs oder Crashs. Bleibt nur die Frage: Wenn die Regie meint, der Roman habe über die heutige Realität nichts zu sagen, warum hat er ihn dann verfilmt? Warum stattdessen keine Jakob Augstein-Kolumne als Vorlage genommen?

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