Eklat bei Pressetermin: Maulkorb für kritischen Reporter

23

Ausgerechnet bei der Präsentation des Verfassungsschutzberichts verweigerte Bayerns Innenminister einem Journalisten des Kopp-Verlags dessen Fragerecht. Doch der Mann ließ sich nicht so einfach zum Schweigen bringen.

Fördern Sie ehrlichen Journalismus in Zeiten der Lüge und unterstützen Sie das Nachrichtenmagazin COMPACT mit einem Abonnement der monatlichen Heftausgabe!

COMPACT Abo-2016-02

_von Katja Wolters

Mit saurer Miene stellte CSU-Mann Joachim Herrmann am Montag die innenpolitische Lage im Freistaat Bayern vor. Angesichts der bilanzierten Bedrohung aus der islamistischen sowie der links- und rechtsextremen Szene, appellierte Herrmann an die Gesellschaft, die Freiheit zu verteidigen. Trotz aller Meinungsunterschiede, gehöre auch die Wertschätzung Andersdenkender zu den Grundfesten der Gesellschaft. Die Bedeutung solcher Phrasen aus Politikermund machte er Augenblicke später deutlich.

Als er auch bei seiner dritten Meldung nicht berücksichtigt wird, platzt einem Journalisten des kritischen unabhängigen Kopp-Verlags der Kragen. „Warum kann ich nicht eine Frage stellen, wie jeder andere auch?“ fragt der Mann echauffiert. „Sie stellen sich hier hin und wollen großartig diese Verfassung verteidigen und sind dann nicht mal befähigt, jemanden eine Frage stellen zu lassen, der sich ganz normal gemeldet hat, nicht ausfällig wurde – bis gerade eben […].“ Denn zu dem Zeitpunkt ist der resolute Reporter verständlicherweise vor lauter Empörung hochgefahren.

Der sichtlich genervte Pressesprecher Herrmanns verweist den kritischen Journalisten auf die Möglichkeit, seine Frage nach der Veranstaltung zu stellen. Er, nicht Herrmann persönlich, würde diese dann beantworten. Wie deutlich wird, lässt man „Querulanten“ bei solchen Terminen regelmäßig erst hinterher zu Wort kommen: „Wir beantworten Ihre Frage gerne bilateral, wie wir es oft tun […]“, teilt der Pressesprecher mit. Doch der Kopp-Reporter lässt sich nicht vertrösten: „Ich will nicht irgendwann zu Wort kommen. Ich will jetzt zu Wort kommen.“ Er verweist auf sein Recht auf Gleichbehandlung, alles andere wäre „unsinnig“.

Das stimmt nur bedingt. Sinn solcher Veranstaltungen ist es, politische Entscheidungen, gleich welcher Tragweite, über konformistische, im Optimalfall handverlesene, Medienvertreter unkritisch – man nennt das „neutral“ – ans Volk weiterzureichen. Ob Kinderkram oder Kriegseintritt, am Ende der Meldung folgt so stets statt Empörung der Wetterbericht. Wie gut die anderen Journalisten das verstehen, beweist deren Körpersprache im vorliegenden Fall. Wie Schulkinder, die Angst davor haben, als nächstes vom Lehrer bestraft zu werden, sitzen sie da, während ihr Kollege um sein Recht streitet.

Am Ende des Pressetermins ließ Herrmann, der für einen zeitlich begrenzten Einsatz der Bundeswehr im Inneren „bei Notlagen“ ist, die Frage des Kopp-Reporters, ob die ausschließende Behandlung auf seine Anweisung zurückgehe, unbeantwortet. Er müsse jetzt arbeiten, verlautbarte der Minister und wandte sich den Interviewanfragen der Leitmedienvertreter zu.

Auch dieser Fall belegt, dass die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland jeden Tag stattfindet. Die bekanntesten Fälle von Autoren, Filmemachern und Journalisten, die ausgegrenzt wurden, weil sie sich nicht an Denkverbote hielten, finden Sie im aktuellen COMPACT-SPEZIAL Nr. 9: „Zensur in der BRD“.

Beispiel Frieder Wagner. Seit er mit seinem Film „Deadly Dust – Todesstaub“ die schmutzige Kriegsführung der USA mit angereicherter Uranmunition untersuchte, erhält der einst gefeierte Dokumentarfilmer keine Aufträge mehr. Wagner: „Ein Spiegel-Redakteur hat mir dazu gesagt: Wie das in Fernsehanstalten ist, weiß ich nicht, aber wenn Sie ein solches Thema heute an irgendeine große Tageszeitung schicken, dann werden Sie das trotz Ihrer großen Fachkenntnisse nicht los bekommen, denn Uranmunition und die Folgen sind heute ein Tabuthema, eine zu unbequeme Wahrheit.“ Den kompletten Artikel „Die unbequeme Wahrheit“ finden Sie in COMPACT-SPEZIAL Nr.9: „Zensur in der BRD“

Fördern Sie ehrlichen Journalismus in Zeiten der Lüge und unterstützen Sie das Nachrichtenmagazin COMPACT mit einem Abonnement der monatlichen Heftausgabe!

Über den Autor

Avatar

Katja Wolters ist bekennende Lipstick-Feministin, selbstbewusst und betont weiblich zugleich. Die zweifache Mutter und freie Journalistin lebte lange in England. Die Abwesenheit schärfte ihren Blick auf die Heimat. Denkverbote kennt sie nicht, Probleme nennt sie sofort beim Namen. Dafür lieben wir sie.

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel