Drohkulissen sind mehr als Potjomkinsche Dörfer

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Man muß sich schon wundern: In einer Medienwelt, von der man bisher annehmen mußte, ihr Auftrag läge in der Auslobung von Brot in allen möglichen Weißmehlformen und dem Berichten von Spielen, bzw. deren eigener Austragung – in einer solchen Medienwelt würden grundsätzliche Fragen nicht mehr gestellt. Nach Leuten, die Antworten geben können, schon gar nicht.
Und nun erleben wir seit mehreren Monaten, daß die Medienleute einfach nicht locker lassen wollen in der erregten Berichterstattung über die Aufdeckungen des Verbrechenverräters Snowden. Der Verdacht, sie täten dies für die Auflage, liegt fern: Denn weiten Teilen der Bevölkerung ist das ziemlich egal. Eine zunehmende Zahl wird es sogar nerven: Denn Brot und Spielen wird so der daseinserfüllende Sendeplatz genommen.

Warum also lassen die Mohns, Springers, Burdas und die machtvollen Parteipro(por)tze in den Öffenlich-Rechtlichen solches zu? Denn Aufklärung zuzulassen heißt heute, sie zu fördern.
Dem Verfasser fällt keine Antwort ein, ohne daß es ihn ratlos zurückließe. Aber zur Zeit hilft nur raten: Zu verworren, widersprüchlich, ja, zu neu sind die Konstellationen, um sie in altbewährte Schablonen drücken zu können (hierzu fehlt allerdings auch der Wille).

Eine Deutung – leerer, schmeichelnder Wahn Hoffnung? – könnte sein, daß die Medienleute die schwelende Glut, das Fünkchen Ehre bewahrt haben und nun, da der strauchelnde Riese USA beginnt, empathiefrei um sich zu schlagen, die Gelegenheit zur Selbstbefreiung aus der fremdverschuldeten Kontrollrat-Unmündigkeit ergreifen und seine Schandtaten, als (Selbst)Rechtfertigung zum Über-/Weglaufen, schonungslos benennen.
Man sagt ja Medienleuten schon lange nach, daß sie frühzeitig erschnüffeln, wenn der Wind sich zu drehen beginnt und schnell das Mäntelchen in den Wind wenden. Den zermürbenden Befehlsnotstand eines Rüdiger von Bechlaren sollte man indessen selten erwarten.

See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

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Diesem idealisierenden Versuch, den kollektiven Aufklärungsdrang zu erklären, könnte man aber auch eine ganz andere Theorie gegenüberstellen: Verschwörer sind Verschwörer – und bleiben es auch. Etwas anderes kann man sich solange nicht vorstellen, wenn man sieht, wie sie sich die Frechheit herausnehmen, in einer aufgeklärten Demokratie auf Treffen der globalen Machteliten zu schleichen und hinter geschlossenen Türen ihre Young Leader – oder Learned Elder – Rollen zu erhalten und auserwähle Projekte zu besprechen.

Wenn diese glorreiche, mediale Erhebung nun keinen Palaststurm ankündigt, sondern lediglich ein Sturm im Wasserglas ist, dann lohnt sich der Gedanke: Wofür das Ganze? Geht es vielleicht um Drohung? Um Angst?

Wie ergeht es den bekannten Whistleblowern zur Zeit? Der eine sitzt in Schutzhaft, die andere gar in (fast) lebenslanger Haft. Und Snowden? Ihm wurde klar gemacht: Kommst Du in den „freiesten Staat der Deutschen Geschichte“, wirst Du postwendend oder posthum über die Atlantikbrücke oder den Styx weitergeleitet. Frei Haus und mit vorzüglicher Empfehlung.
Was sagt das anderen potentiellen Verrätern in verbrecherischen Systemen? Es heißt: „Das Volk liebt den Verrat, aber nicht den Verräter.“ Nun, der Mehrheit des Volkes ist der Verbrechensverräter Snowden anscheinend egal. Genauso wie das Verratene in seiner Substanz. Ganz anders die Verratenen: Denen ist der Verrat nicht egal. Und das machen sie – deutlich und in jeder Weise unverhohlen – klar.
Zwar wird der Kopf des Verräters nicht vor den Toren aufgespießt oder der Körper des Gehenkten auf dem – weithin sichtbaren – Richtberg den Krähen überlassen. Aber heimatlos und vogelfrei zu sein, verbannt ob des eigenen Mutes, ist emotional eine schwere Strafe. Und sie ist existenziell. Unmißverständlich die Worte: Wir müssen seinen Schutz garantieren können.

By Ministry of Defence (http://www.defenceimagery.mod.uk/) [see page for license], via Wikimedia Commons

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Hinter diesen Drohkulissen stehen die okkulten Tempel der eigentlichen Macht – so nun die Quintessenz dieser anderen Deutung.

Allerdings heißt das nicht, daß man Snowden die Unterstützung entziehen sollte. Im Gegenteil: Die Potjomkinschen Dörfer, die nun errichtet wurden, gilt es vielmehr, zu hinter- und zu untermauern. Die Kulissen der Macht aber, die gilt es anzugehen. Und wenn die herrschenden Lenker drohen, dann sollte man den Akt der Drohung als freche Herausforderung sehen und den Handschuh aufnehmen.
Letztlich muß, so oder so, das Ziel sein, daß sie die Geister der Beängstigung und Drohung, nun sie endlich gerufen sind, nicht mehr loswerden.

Fakt ist: Wir werden vom militärisch-industriellen Komplex, einer Symbiose von Geheimdiensten und IT-Imperien, systematisch überwacht, ausgehorcht und letztlich in unserem Tun und Unterlassen gelenkt.
Warum, wieso und weshalb das jetzt derartige mediale Präsenz findet, steht auf einem anderen Blatt.

Es wäre aber unverzeihlich dumm, den Schwung der Empörung nicht zu nutzen und mit eigener Gestaltungskraft Verbündete im Geiste und Ziel zu suchen.
Denn die gibt es, und auf die kommt es an. Nicht auf die, die klagen: „Ist doch nur alles eine gemachte Verschwörung“, und dann die Hände in den müden Schoß legen.

Empörung schafft Stoßkraft, Jammern zeugt von lauen lahmen Lenden. Zweitere mögen doch einfach ihre zappelige Zunge im Zaum halten.

Grafik: Audrey Fukuman

Grafik: Audrey Fukuman | Herkunft: Facebook intern? Siehe Video unten

P.S. Ach ja, da gibt es noch eine Dritte Deutungsmöglichkeit:
Vielleicht sind NSA und Konsorten ja doch nur jene „Flares“, die uns von den eigentlichen Datenkraken und Ego-Manipulatoren ablenken sollen… Last, but surely not least… Letztlich gilt zu bedenken, daß sich bis zu den Snowden-Enthüllungen eine zunehmende Unwilligkeit in Sachen Datensammelwut und algorhytmischer Manipulation der Onlinegemeinden und -individuen regte und vor allem assoziert artikulierte. Das Thema ist jetzt weitgehend vom Tisch. Im Gegenteil, Google, Apple, Facebook usw. stellen sich  – wohl sehenden Auges – zunehmend als Opfer der Behörden dar. Und das ist in jeder Weise dreist.
Wenn allerdings die eigentlichen Schurken sich am Ende zuerst als Opfer und später als edle Retter darstellen, dann wird es gefährlich. Für alle.

 

 

Über den Autor

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Arne Fischer, Jahrgang 1970, lebt in Hamburg und ist COMPACT-Online Redakteur. Er ist außerdem Ansprechpartner in allen technischen Belangen rund-um das COMPACT Internetportal. Alle Artikel des Autors

 

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