Die Volksfront von Juttäa, das Vierte Laterankonzil – und der Aluhut

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Ursprünglich ein aschkenasisches Trachtenaccessoir, wurde im Hochmittelalter von Juden verlangt, daß diese ihn als ein sichtbares Erkennungsmerkmal trügen: den hohen, spitzen Hut.
(Es traf nicht nur Juden. Auch von Sarazenen, Muslimen, Ketzern und anderen wurde das Tragen solcher Erkennungszeichen verlangt.)
Schon bald erlangte dieser Hut die Bedeutung eines Stigmas. Wucherer mußten ihn beispielsweise ebenfalls tragen – oder Frauen, die sich mit Juden eingelassen hatten.

Seit 2014 dient wieder ein spitzer Hut dazu, Menschen zu stigmatisieren:
Von den willigen Hetzern des Systems, die ein Erkennungszeichen brauchen, wie eine Meute Kojoten den Schweiß, des – vom jagenden Eisenbahnbaron (oder seinem Banker) aus einem vorbeifahrenden Zug – angeschossenen Bison-Büffels.

Dieser Hut ist der sogenannte Aluhut.
Auch er hat eine kleine Spitze, bei der man zunächst an die Pickelhaube des Kaiserreiches denken könnte. Gut, auch sie diente letztlich der Stigmatisierung: nämlich Preußens, als Hort des Militarismus und typischen Deutschtums überhaupt.

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Jet Naftaniel-Joëls – ‚Aluminiumkeppel‘

Pikanter aber ist eben die Analogie zum Judenhut.
Im Jahre 2014 entstand die sogenannte Mahnwachenbewegung. Sie zeichnete insbesondere aus, daß Menschen völlig unterschiedlicher Sozialisation und Politisierung zusammenfanden, um „Mahnwachen für den Frieden“ abzuhalten. Es ging hierbei insbesondere um die Zuspitzung des Konfliktes zwischen dem NATO-Kriegsbündnis und Putin-Rußland – mittels eines angezettelten Stellvertreterkrieges in der Ukraine.
Organisatoren wie Teilnehmer dieser Mahnwachen waren Leute aus allen Schichten/Klassen und verschiedensten – teilweise durchaus illustren – Kreisen und Gruppierungen. Der kleinste gemeinsame Nenner war zugleich einer der denkbar großartigsten: der Einsatz für den Frieden und gegen den Krieg.

Aus imperialer Sicht natürlich ein Sakrileg:
Schichten wie Klassen, Kreise wie Gruppierungen haben sich zu bekriegen, nicht FÜR etwas zusammenzutun, FÜR etwas einzutreten.
Die Reaktion des Systems war erprobt und konsequent:
Die gesamte Mahnwachenbewegung wurde verleumdet, verunglimpft, stigmatisiert. Von der einen Front aus. Die andere Front schickte ihre Agents Provocateurs ins Lager dieser Gedankenverbrecher.
Außerdem gibt es den berechtigten Verdacht, daß Leute eingesickert wurden, um Ziele zu unterminieren oder zu verwässern, Hader und Zwietracht zu säen.
Der kleinste gemeinsame Nenner war alsbald der Zähler, Gesinnungsprüfung und Selbstzweifel ersetzten den friedlichen Nenner. Die demütige Selbstkritik als das funktionale X vor der Gleichung.

Hasskommentare aus erster Hand; z.B. bei der Friedensdemo-Watch Gemeinschaft (Bildlink)

Hasskommentare aus erster Hand; z.B. bei der Friedensdemo-Watch Gemeinschaft (Bildlink)

Glockenblume, Jessie, Zwickzwack*
Der Anwurf der systemischen Vollstrecker war hart: Die Mahnwachenbewegung sei strukturell antisemitisch und rechtsextrem. Nicht von ungefähr: Denn eine konditionierte Gesellschaft reagiert auf bestimmte Begriffe hündisch. Viele kniffen, erschrocken, mit angeblich solchen Leuten gemeinsam gegen Krieg und für Frieden auf der Straße gestanden zu haben, den Schwanz ein. Alles, nur das nicht. Was sollen denn die Leute denken?!

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Woher kommt das mit dem Aluhut eigentlich?
Eine verschwindend geringe Anzahl der Teilnehmer der Mahnwachen waren Leute, die vermuten, daß es vom Kosmos aus oder ganz irdisch unternommen wird, durch Strahlen die Gedanken der Menschen zu beeinflußen. Gegen solche Strahlen hülfe ein metallischer Schirm auf dem Kopf, möglichst aus Aluminium.

Zur Stigmatisierung ganzer Gruppen braucht es aber einheitlicher Erkennungsmale, der Schublade mit der Schere für den Kopf:
Gelbe Armbinden, rosa Winkel, geschorenes Haupthaar, Aluhüte.
Und, kaum daß man sich versah: Von Seiten der übelsten Hetzer gegen die Mahnwachenbewegung wurden alle Teilnehmer als Aluhutträger in einen Topf geworfen und so der Lächerlichkeit preisgegeben.
Selbst wenn es nur die wirklichen Aluhutträger getroffen hätte, wäre diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schon überdeutlich gewesen. Indem aber die Vielschichtigkeit der Bewegung durch die Zuordnung zu einem kleinen Teil plattgebügelt wurde, offenbarte sich die krude und bösartige Analogie zum Judenhut in voller Gänze.

Kabalen und willige Vollstrecker
Verbrecherische Regime bauen häufig auf autoritären Ideologien auf. Aber nicht jede Ideologie muß autoritär sein, um letztlich in einer Diktatur zu enden. Man könnte vielmehr den Schluß ziehen, daß bestimmte Anschauungen bestimmte Typen anziehen. Spätestens aber, wenn eine Weltanschauung zu weltlicher Macht kommt, offenbart sie, ob sie das Niedere oder das Höhere im Menschen befördert.
Autoritäre Strukturen z.B. befördern den Menschentypus, dem der schlechte bis bösartige Umgang mit den Mitmenschen kein Graus, sondern wohltuend ist.
Während der vollwertige, charakterlich und in seinem Umfeld ethisch gefestigte Mensch davon abgestoßen wäre, seine Mitmenschen einer Autorität wegen zu gängeln, er mithin also als Erfüllungsgehilfe der systemischen Machtdurchsetzung ausfiele, würde der Charakterlump rasch und willfährig zu Stelle sein.
Weder bäumte sich dessen Innerstes dagegen auf, noch hätte er das Korrektiv der Gemeinschaft. Denn aus Letzterer hat er sich selbst längst verstoßen, schon seit er als Kind die leidenschaftlichste Petze war, Tiere und schwächere Spielgefährten quälte. Er war das Kind, das bei einer umringten Keilerei am lautesten den Stärkeren anfeuerte und den am Boden liegenden Unterlegenen, wenn der Sieger sich schon abwendete, noch einmal – ohne Grund, aber aus innerster Veranlassung – trat.

Er, der Feigling und gleichzeitige Führer großer Worte, hatte nie echte Freunde, nur Zweckkumpanen. Der Begriff „verschlagen“ kommt nicht von ungefähr: Denn den richtigen Kerls war der hinterhältige Schleicher so zuwider, daß er hin und wieder verdiente Keile bekam.
So perpetuierte sich die Genese des Charakterlumpen, der, mit üblem Rüstzeug versehen, immer mehr zum ungeliebten Teil jeder Gruppe wurde, mit der er nie gemein werden konnte.
Sein Tag der Rache kommt, wenn sich ein schlechtes Gedankengebäude ein Machtgebilde gibt: Und je härter der Kampf dorthin war, desto eher sind die neuen Machthaber geneigt, es denen, von denen sie auf dem Weg zu Macht bekämpft wurden, mit – mindestens – gleicher Münze heimzuzahlen.
Dem Gegner schlägt die Stunde, wenn die Miesesten unter den Miesen die Uniform der Macht bekommen. Egal, ob Faschisten, Bolschewisten, Antifaschisten, sonderbare Sekten, Liberalisten, Globalisten und wie sie alle heißen: Ihnen fehlt das Organische. Ihnen fehlt das Volk. Und so braucht es die Ersatzbefriedigung in der gnadenlosen Bekämpfung alles Organischen, eben weil es andersARTIG ist.
Weil es den einen an Art fehlt, müssen die anderen als unartig klassifiziert werden.
Und wenn etwas Klasse hat, dann ist es jeder Herrschaft gefährlichster Feind. Todfeind.

Und nur ein toter Todfeind ist ein guter Systemgegner.
Wer kennt sie nicht, die Bilder der Politkommissare, der Tschekisten? Sahen sie in ihren langen Ledermänteln nicht genauso aus wie von der Gestapo? Und diese leicht gebeugte Haltung des Verschlagenen? Erkennen wir sie heute nicht wieder, wenn in und aus Schwarzen Blocks heraus gegen jene gehetzt wird, die anders denken als es weiß-blaue Sternchenheraldik befiehlt? Sie, die als Einpeitscher dahinter oder daneben stehen.
Apropos Block: Auch der Schreibtischtäter, der BlogWart, der nach Gesinnungen dort schnüffelt, wo kritische Geister sich wundernd fragen oder äußern, was denn in unserer Welt los ist, er ist genau von der Sorte, die jene ekeligen Systeme brauchen. Systeme, die jede Gemeinschaft bekämpft sehen wollen, außer ihre Bruderschaften, die der Erlesenheitsanspruch eint, etwas Besseres, eine Elite von Geburt, Glaube, Geld oder sonstwas Abwegigem zu sein.
Dem Charakterlumpen selbst geht es selten darum. Er macht sich nur zu gern zum Erfüllungsgehilfen, wenn es darum geht zu kränken, zu schnüffeln, zu diskreditieren, zu hetzen, zu verleumden, zu verletzen und zu töten. Die Seelen, die Freiheit und – als Kollateralfetisch – auch mal physisch.
Und, gleichsam eines genetischen Codexes, wird er alles tun, seine Art, sein Selbst zu erhalten. Und die Verwirklichung dieses Selbst in einem gedeihlichen Nährboden.
Üble Systeme halten sich so lange, weil sie von Typen verteidigt werden, die wissen, daß sie verloren sind, wenn die Grundlage ihrer Quälgeisterexistenz beendet, wenn wieder Frieden, Freiheit, allgemeine Wohlfahrt und Solidarität herrschen.

Wie geht man also mit diesen Typen um?
Vielleicht sollte man sich zuallererst vergegenwärtigen, daß nicht die Ideologie das Problem ist, sondern die ekligen Typen, die sich ihre Ideologie suchen. Was die Ideologie im Einzelnen ausmacht, ist diesen Subjekten völlig egal: Hauptsache, ihr System gibt ihnen die Plattform ekelig zu sein.
Also die Typen bekämpfen? Durchaus.
Aber vordringlicher wie nachhaltiger ist es, jedwede Weltanschauung daraufhin zu überprüfen, ob sie sich über die Negierung des Ander(sartig)en definieren muß, um nicht blutleer zu sein.
Und alles was Art, Herkunft und Zukunft hat, befördern und weiterentwickeln. Denn stabile, lebendig-quirlige Gemeinschaften hatten zu allen Zeiten die stärksten Abwehrkräfte gegen die Bösartigen.
Nicht umsonst war und ist es imperiale Herrschkunst aller Zeiten, die Leute im Unterwerfungsraum umzusiedeln, zu vertreiben, mit (Ersatz-)Religionen zu verhetzen und regelmäßig in Existenznot zu bringen. Und immer brauchte man in den unterworfenen Völkern seine Mieslinge, als Vollstrecker aller bösartigen Unterdrückung.

Hoher, spitzer Hut auf rotem Schild: für einige ein Fetisch (Quelle: Wikipedia, Wappen der Gemeinde Judenburg)

Hoher, spitzer Hut auf rotem Schild: für einige ein Fetisch
(Quelle: Wikipedia, Wappen der Gemeinde Judenburg)

Wie beliebig schäbige Typen ihre Widersacher bekämpfen zeigt das Beispiel des Aluhutes.
Die Mahnwachenbewegung wurde mit dem Vorwurf des Antisemitismus bekämpft. Ausgerechnet. Ganz konkret mit den Methoden des mittelalterlichen Antijudaismus.
Die, die den niederträchtigen Kampf führen, verteidigen damit – sicherlich nicht immer unbewußt – die NATO-Aggression. Auch der gesamten Friedensbewegung wird Antisemitismus unterstellt, weil diese mit Aluhutträgern (also der Mahnwachenbewegung von 2014) persönliche Schnittmengen und Kooperationen habe.
Die Friedensbewegung als Ganzes stellt sich gegen jedwede Lösung von Problemen durch Krieg. Und da Kriege in der Welt hauptsächlich durch die USA und Anhängsel lanciert, gefüttert oder geführt werden, ist jeder Angriff auf die Mahnwachen- und Friedensbewegung eine Art Verteidigungskrieg für die USA und Globalismus.
Alle Mittel sind recht. Zuletzt wurde sogar das urlinke 1. Mai-Bündnis mit Antisemitismus und gleichzeitig dem antijudaistischen Aluhut-Stigma belegt.

Was lernen wir daraus?
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ (B. Becht)
Sicherlich kein Schoß, es ist eher das Zentrum des Gesäßes, daß fruchtbar noch ist und aus dem jene beschriebenen Typen kriechen. Oben pfui – unten Ui**.
Wir lernen also, daß die Rhetorik der willigen Systemvollstrecker nichts mit deren Meinung zu tun hat, sondern lediglich ein verbalisierter Tritt unter die Gürtellinie ist. Sie können nicht anders. Das Mittel ist egal, Hauptsache niederträchtig und jedes wahrhaftige Andenken verhöhnend. Und weil sie so sind, ziehen menschenfeindliche Systeme deren Art magisch an. Und im Gegenzug brauchen Systeme, die ihre Macht auf Terror, Zersetzung und Verfall bauen, genau diese Typen zum Machterhalt.
So muß man beide als Gegner identifizieren: Denn sie bedingen einander.
Vergeht das eine, verfällt das andere. Und wir atmen frei.

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Über den Autor

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Arne Fischer, Jahrgang 1970, lebt in Hamburg und ist COMPACT-Online Redakteur. Er ist außerdem Ansprechpartner in allen technischen Belangen rund-um das COMPACT Internetportal. Alle Artikel des Autors

 

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