Stephen Hawking war mehr als ein Physiker. Er war Kult. Seine populärwissenschaftlichen Bücher erreichten riesige Auflagen, seine Mahnungen und Vorhersagen wurden gehört und diskutiert. Anlässlich seines Todes noch einmal die Frage: Wer war dieser Mensch? Über was forschte er? Was half ihm, sein schreckliches Leiden zu ertragen? An was glaubte er? Worin hat er den Wert seiner Existenz erkannt?

    Es ist leicht gesagt, dass der Menschen sterblich ist, dass jeder irgendwann ins Nichts fällt. Aber als junger Mensch vor dem Tod zu stehen, vom Arzt die schreckliche Diagnose „Unheilbar!“ zu erhalten, das ist etwas komplett anderes. Zumal die Krankheit zum Tode im Falle des britischen Physikstudenten Stephen Hawking den Namen ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) trug. Die beinhaltet fortschreitendes Absterben der Muskeln, Lähmung bis zur völligen Bewegungslosigkeit und anschließendem Tod. Erst kürzlich erlag der Schauspieler und Autor Sam Shepard diesem Leiden.

    Nach der Diagnose fiel der 21-jährige Hawking in schwerste Depression, setzte seine Doktorarbeit nicht mehr fort, vertiefte sich stattdessen in die Musik Richard Wagners. Vor allem „Die Todesverkündung“ aus Die Walküre berührte ihn tief: Wie ein Todesengel nähert sich Brunhilde dem Helden Siegmund, spricht zu ihm:

    Richard Wagner
    Richard Wagner / cco, axelmellin

    Siegmund! Sieh auf mich!
    Ich bin’s, der bald du folgst.
    (…)
    Nur Todgeweihten taugt mein Anblick;
    wer mich erschaut, der scheidet vom Lebenslicht.
    Auf der Walstatt allein erschein ich Edlen:
    wer mich gewahrt, zur Wal kor ich ihn mir!

    Der Identitifikationsfaktor mit dem Helden Siegmund kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Verdient nicht jeder, der seine Krankheit erduldet, erträgt, den Ehrentitel des Helden? – Sigmund fragt, ob in Walhall auch seine geliebte Sieglinde auf ihn warten würde. Als Brunhilde das verneint, lehnt Siegmund die Pracht der Götterhalle ab. Lieber ins kalte Nichts als im Paradies ohne die Geliebte. Diese Entschlossenheit und die verklärende Musik geben dem armen Menschenkind ein Teil jener Würde zurück, die Götter und Schicksal ihm nahmen.

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    Aber es kam anders. Bei Hawking trat der seltene Fall ein, dass die Krankheit kurz vor Finale stehen blieb. Der Physiker saß im Rollstuhl, fast vollständig gelähmt, aber er hatte überlebt. Als er 1985 noch die Sprache verlor, musste ein Sprachcomputer mit Roboterstimme sie ersetzen. Aber sein Verstand arbeitete auf Hochtouren, fragte im Bereich der Astrophysik über das Geschehen vor dem Urknall  oder nach der Weltformel, die Relativitätstheorie und Quantenphsik miteinander verbinden könnte.

    Weltruhm erlangt Hawking jedoch durch seine populärwissenschaftlichen Werke wie Eine kuze Geschichte der Zeit (1988). Sogar Kinderbücher sind darunter. Diese Vermittlungsarbeit war ihm kein Nebenbei-Geschäft. Im Gegenteil: Bedeutungsvoller als seine wissenschaftliche Arbeit war ihm, viele Menschen inspiriert zu haben: zum Nachdenken über den Kosmos und ihrer Stellung darin.

    In Hawkings eigenem Bild vom Universum gab es keinen Gott, musste der Mensch alles Glück aus dem eigenen Schaffen ziehen. Eine der wichtigsten Aufgaben, so postulierte der Astrophysiker, sei die Aussiedlung des Menschen ins All, denn der Planet Erde sei nicht mehr lange bewohnbar. Außerdem warnte er vor jeder Kontaktaufnahme mit Aliens. Niemand könne wissen, ob außerirdische Intellegenzen dem Menschen freundlich gesonnen seien.

    Jetzt ist Stephen Hawking im Alter von 76 Jahren gestorben. An ein Leben nach dem Tod glaubte er nicht: „Ich sehe das Gehirn als einen Computer an, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren. (…) Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer; das ist ein Märchen für Leute, die Angst im Dunkeln haben.“

    Gerne wäre er einmal durch das All geflogen. Ein Wunsch, der ihm nicht mehr erfüllt wurde. Vielleicht aber hat er eine Ahnung davon erhalten, wenn er in der Oper Tristan und Isolde seines Lieblingskomponisten Richard Wagner den Liebestod der Titelheldin hörte. Untermalt von einer orgiastischen Musik ist ihr Tod eine Aufgehen in den Kosmos:

    In dem wogenden Schwall,
    in dem tönenden Schall,
    in des Welt-Atems
    wehendem All –,
    ertrinken,
    versinken –,
    unbewußt –,
    höchste Lust!

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    Eine Aufnahme vom Liebestod hören Sie hier:

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