Am 25. Februar 1947 löste der alliierte Kontrollrat das Land Preußen formell auf. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir einen Auszug aus COMPACT-Geschichte “1.000 Jahre Deutsches Reich”. Jetzt Aboprämie für Neuabonnenten von COMPACT-Magazin.

    Kapitel 7: Nahezu unbemerkt etabliert sich im Norden ein Reich von neuem Zuschnitt. Das spätere Preußen wird allmählich zum Vorbild für Pflichtbewusstsein, Toleranz und militärischen Schneid – von keinem so exemplarisch verkörpert wie von Friedrich dem Großen.

    «Allianzen sind zwar gut, aber eigene Kräfte noch besser», erklärte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg in seinem Testament. Er wusste, wovon er sprach, war es doch gerade sein Land gewesen, das im Dreißigjährigen Krieg leidvolle Erfahrungen mit jähen Bündniswechseln machen musste. Vom Franzosenkönig Ludwig XIV. um die Früchte seines Sieges bei Fehrbellin (1675) betrogen, sah der Große Kurfürst sein politisches Heil im Aufbau einer möglichst schlagkräftigen Armee und einer weitgehend autarken Wirtschaft.

    Da aber Brandenburg-Preußen ein bekanntermaßen armes und von der Natur wenig verwöhntes Land war, holte sich Friedrich Wilhelm seine Mitstreiter aus allen Himmelsrichtungen. Im Edikt von Potsdam gewährte er den in Frankreich aus religiösen Gründen drangsalierten Hugenotten Glaubensfreiheit und eine neue Heimat an Spree und Havel. Dieses Dokument vom 8. November 1685 gilt allgemein als Anfang einer von den Hohenzollern geprägten Politik ideologischer Toleranz. Begonnen hatte das jedoch weitaus früher.

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    Bereits die Reformation verlief in Brandenburg ohne ansonsten übliche Glaubenskämpfe und Zwangsbekehrungen. Als 1613 unter Kurfürst Johann Sigismund das brandenburgische Herrscherhaus zum Calvinismus übertrat, wurde kein Untertan gezwungen, diesen Schritt nachzuvollziehen, wie es anderswo in Deutschland an der Tagesordnung war. Derartig behutsamer Umgang mit Glaubensfragen sprach sich rasch herum, und seit der Mitte des 17. Jahrhunderts suchten religiös Verfolgte in Brandenburg-Preußen Zuflucht. Zu ihnen gehörten deutsche Mennoniten, schottische Presbyterianer, französische Waldenser und Katholiken aus aller Herren Länder. Selbst die nirgendwo gern gesehenen Juden erhielten anfangs (allerdings in begrenztem Maße und zeitlich befristet) Asyl. Bald kam der populäre Spruch auf:

    «Es wird niemand Preuße, denn durch Not,
    Und ist er’s geworden, so dankt er Gott.»

    1701 erlangte Kurfürst Friedrich III. die Königswürde für Preußen. Das Land war nun gleichsam von Staats wegen verpflichtet, seine Partitur im Konzert der europäischen Mächte zu spielen. Dazu bedurfte es einer starken Armee, vor allem wegen der überdehnten Grenzen eines aus fünf getrennten Teilen bestehenden Staates. Das Preußen des als «Soldatenkönig » bekannten Friedrich Wilhelm I. (1713–1740) reichte über mehr als 1.000 Kilometer vom linksrheinischen Kleve bis in die litauische Nachbarstadt Memel. Dieses eher unorganische, zufällig zusammengewürfelte Gebilde verlangte mehr als andere nach «Arrondierung», um lebensfähig zu sein und das wiederum zwang zur äußersten Straffung aller Kräfte. Friedrich Wilhelm I. erkannte dies besser als manch anderer und opferte bewusst Glanz für Macht, für das «Reelle», wie er immer wieder sagte. Einerseits gab es kaum ein Land mit derart hohen Steuern wie Preußen (die Armee kostete viel Geld), andererseits wurde nirgends so viel vom Staat finanziert und subventioniert. Es gibt Historiker, die deshalb in Friedrich Wilhelm I. einen frühen Sozialisten sehen.

    Vor allem brauchte das Land Menschen. 1732 gewährte der König in einem Patent 25.000 Salzburger Protestanten, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, Aufnahme in Ostpreußen. Er bezahlte die Reisekosten und überließ ihnen Vieh, Saatgut und Gerätschaften. Die Österreicher aus dem Gebirge leisteten Bemerkenswertes in einem Land, das vorrangig aus Urwald und Sümpfen bestand. Man darf sich allerdings preußische Toleranzpolitik nicht so vorstellen, dass damals jedermann ohne Einschränkung Asyl im Land gewährt wurde. Der Staat benötigte ja nicht Menschen schlechthin, sondern Arbeitskräfte und Produzenten. Gesellschaftliche Randgruppen waren unerwünscht. In Preußen galten zahlreiche Verordnungen, wonach Arme, Bettler, Landstreicher «und anderes unnützes Gesinde» abzuweisen seien. Friedrich Wilhelm I. befahl 1725 sogar, dass alle an der preußischen Grenze aufgegriffenen Zigeuner «ohne Gnade mit dem Galgen bestraft» werden sollten. Und über die Juden sagte er 1721: «Ich verlange mir das Schachergesindel nicht in meinem Lande.»

    Wenn man über die Geschichte des 18. Jahrhunderts spricht, so geraten mehr als zu anderen Zeiten die Monarchen in den Mittelpunkt des Interesses. Während der Epoche des Absolutismus hing die gesamte Staats-und Wirtschaftsmaschinerie in hohem Maße von den Intentionen des Herrschers ab. Fluch oder Segen seiner Mit- und Nachwelt war auch Friedrich Wilhelm I. ausgesetzt, vom Charakter eher ein Biedermann, den der Staatsdienst häufig zum Wüterich machte. Dieser umtriebige Fürst drohte widerwilligen Beamten: «Ich lasse hängen und braten wie der Zar und traktiere Sie wie Rebellen. » Aber man muss ihm lassen, dass er auch mit sich selbst unerbittlich streng war.

    «Ich ruiniere den Junkers ihre Autorität», schrieb der König 1717 und ließ im selben Jahr eine Kadettenanstalt gründen, um über die Ausbildung des Offiziersnachwuchses den einheimischen Adel an Armee, Monarch und vor allem an den Staat zu binden. Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich dem Großen gelang es nicht zuletzt durch dauernde Beispiele von Selbstdisziplin, das ständische Freiheitsethos der Aristokratie umzuwandeln in ein gesamtstaatlich orientiertes Pflicht- und Dienstethos. Beamte waren in Preußen angehalten zu unbedingtem Gehorsam, unbestechlicher Pflichterfüllung und rückhaltloser Hingabe an den Staatsdienst. Fachliche Kompetenz ebenso wie dienstliche Disziplin der Beamtenschaft ermöglichten erst den Aufbau eines modernen Staates. Dass solchen Forderungen auch in Preußen allgemein-menschliche Schwächen entgegenstanden, liegt auf der Hand. Ein Monarch wie Friedrich der Große sah sich deswegen immer wieder in der Rolle des unbequemen, ja unerwünschten Mahners.

    Hier endet der Textauszug. Dieses und 10 weitere Kapitel über unsere Leistungen, unsere Geschichte und unseren Stolz aus 1.000 Jahren Geschichte finden Sie in Band 1 von COMPACT-Geschichte – jetzt als Wunschprämie für Neuabonnenten von COMPACT-Magazin (Aktion läuft nur bis 15.März).

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