Die berühmtesten Lasterhöhlen der letzten zwei Jahrzehnte finden sich in Berlin. Besonders der Szene-Club Berghain ist beim Partyvolk auf der ganzen Welt bekannt. Dort wird die Nacht zum Tage – und der Himmel zur Hölle. Am nächsten Morgen liegen alle Masken im Schlamm, und die gefallenen Engel entschweben zur S-Bahn. Es folgt ein Auszug aus dem Artikel „Die Seelen-Waschmaschine“, ungekürzt in der neuen COMPACT 8/2018 (bestellbar hier) – ab morgen am guten Kiosk!

    _ von Jonas Glaser

    Samstag, im wilden Osten: Aus wild bewachsener Brachlandschaft ragt ein schwarzes Gebäude in den Nachthimmel. Riesige Menschenschlangen drängen zum Eingang. Jungvolk von überallher. Babylonisches Sprachgewirr. Handys leuchten. Man marschiert Schritt für Schritt auf den Türsteher zu. Auch der ist Legende: Sven Marquardt. Punkfotograf aus DDR-Zeiten. Ein Riese, voll mit Piercings, Ketten und Tattoos.

    Sven Marquardt, Fotograf und legendärer Türsteher vom Berghain. Foto: picture alliance/dpa

    Der letzte Barbar inmitten der Gender-Hauptstadt. Er sieht Dich an. Eine gefühlte Ewigkeit lang. Sein Kopfnicken entscheidet: rein oder weg. Immer der gleiche Ritus. Seit 2004, als das Berghain erstmals die Pforten öffnete.

    Zuvor hatten seine Betreiber, Michael Teufele und Norbert Thormann, das Ostgut geführt, einen Rammelschuppen, ein Geheimtipp – bis der Kult-Laden dem Bau der O2-World, einer hässlichen Mehrzweckhalle, weichen musste. Den geeigneten Nachfolgeort fanden die beiden nur wenige Schritte entfernt in einem ehemaligen Heizwerk: errichtet im Stalinbarock, mit zahlreichen Etagen, ausreichend Raum für Dancefloors, Bars und Darkrooms.

    Kein Trip ohne Publikum

    Läden wie das Berghain sind Paradiese für Poser und Selbstinszenierer. Kein Trip ohne Publikum. Die zum Techno-Bass zuckenden Massen, von Lichtkegeln durchwühlt, sind eine Zusammenrottung höchst individualistischer Freaks und Ego-Monster: Da zurrt und zupft eine süße Maus beim Tanz an ihrem T-Shirt – so, als ob sie es gleich herunterreißt! Tut sie zwar nicht, hält aber alle Männerblicke gebannt. Da paradiert ein femininer Araber, der sich von Kumpels «Rihanna» rufen lässt: die perfekte Diva. Da kriecht ein nackter Sub auf allen Vieren und in Eisen gekettet aus dem Darkroom: Antike Mythen konnten nichts Bizarreres erfinden.

    Längst sind Berghain-Nächte literaturfähig: Man denke etwa an den Roman Strobo (2007) des Bloggers Airen mit folgender Beschreibung: «In irgendeiner Kabine ziehe ich eine Nase Speed (…), dann chille ich mich auf das Sofa in der Mädchentoilette. Chillen ist übertrieben. Vielmehr herrschen Hektik, Kauen, Laberflash. Längst habe ich die Sonnenbrille aus der Garderobe geholt, zu groß sind meine Pupillen. Nur Chicas auf dem Sofa, und die eine lehnt sich wie nebenbei an mich, als sie mir die Optik zeigt, das rote Fenster und da draußen das Industriegelände und ich nur »saukrass…”. Als sie aufsteht, schweift mein Blick ganz natürlich ihr nacktes Bein hinauf, über ihren Minirock, über ihr Top – und trifft oben auf ein hübsches (…) Gesicht, das fragt: »Bist du alleine hier?» Aber ich bin mit mindestens einer weiteren Gehirnhälfte da, und die verlangt nach Tanz – sofort.» (…)

    Vampire im Sonnenlicht

    Um die Funktion des Berghains zu erfassen, muss man am Wochenende durchhalten bis zuletzt: Bis zum Sonntag oder gar Montagmittag, wenn die letzten Gäste ihre Techno-Kathedrale verlassen. Mancher von ihnen hat dann zwei durchtanzte Tage und Nächte, maximale Verausgabung hinter sich. Jedes Signal von Müdigkeit wurde mit Ecstasy beseitigt, jeder Durst mit einem Cocktail gelöscht. Die Augen haben sich an Dämmer mit flackrigem Strobo, Laser und Neon gewöhnt. Deshalb wirken die ausgepowerten Techno-Athleten im grellen Vorhof des Berghains wie Vampire, die ins Sonnenlicht geraten sind.

    So mag man sich das Ende der 120 Tage von Sodom vorstellen: Einem jungen Mann mit geschlossenen Augen läuft der Speichel aus dem Mundwinkel. Zwei Mädchen setzen ihn auf ein bröckeliges Mäuerchen. Eine 19-Jährige kauert auf dem Boden, den Rücken an einen Zaun gelehnt. Ihre Augen verraten Überreizung. Ein falsches Wort, und sie würde losheulen. Mehrere Jungs stehen im Kreis, flüstern, kichern, drehen sich Zigaretten. Ansonsten Stille.

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    Eine wunderschöne Japanerin, in schwarzem BH und knöchellangem Rock, schreitet seelenruhig in Richtung Bahnhof: Langsam verknüpft sich ihr neuronales Netzwerk wieder mit der Alltagsrealität. Nicht mal der Einschlag einer Atombombe könnte diese Leute aus postkoitaler Erschöpfung wecken. In den vergangenen zwei Tagen war ihr Körper eine Zentrifuge, die allen Dreck herausschleuderte, Emotionen von hoher Intensität aufwirbelte. Ein Exorzismus, eine Katharsis fanden statt. Eine Entgiftung, wie sie kein Fasten, Bio-Food, Yoga oder McFit je bewirken können. (Ende des Auszugs, der ganze Artikel steht hier)

     

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