Die neue Seidenstraße wird durch Syrien führen

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China und Syrien haben Gespräche über Nachkriegs-Investitionen in die Infrastruktur begonnen. Eine „Projektvermittlungsmesse für den Wiederaufbau Syriens“ in Peking fand bereits statt.

Im ganzen syrischen Untergangsszenario treffen die „Pfeile und Schleudern des wütenden Geschicks“ manchmal auch ins, nun ja, Glück.

Schauen Sie sich an, was am 9. Juli in Peking geschehen ist. Die China-Arab Exchange Association und die syrische Botschaft haben eine eintägige Syrien-Expo organisiert, die mit Hunderten chinesischer Spezialisten für Infrastruktur-Investitionen vollgepackt war. Das war eine Art Mini-Zusammenkommen der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (AIIB), die man als „erste Projektvermittlungsmesse für den Wiederaufbau Syriens“ angekündigt hatte.

Und das war erst der Anfang. Weiter geht’s mit einer syrischen Wiederaufbau-Expo, der 59. Internationalen Messe Damaskus, bei der rund 30 arabische und ausländische Nationen repräsentiert sein werden, und der Expo China-Arabische-Staaten in Yinchuan im September.

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Qin Yong, stellvertretender Vorstandschef der China-Arab Exchange Association, hat verkündet, dass China zwei Milliarden US-Dollar in einen Industriepark in Syrien für 150 chinesische Firmen investieren will.

Nichts wäre sinnvoller. Vor dem tragischen syrischen Stellvertreterkrieg waren syrische Kaufleute auf der kleinen Seidenstraße zwischen Yiwu und der Levante bereits unglaublich aktiv. Die Chinesen vergessen nicht, dass Syrien vor langer Zeit Landzugänge sowohl nach Europa als auch nach Afrika kontrolliert hatte, als Waren hinter dem Wüstenübergang via Palmyra auf dem Mittelmeer nach Rom gelangten. Nach dem Niedergang Palmyras folgte eine zweite Straße den Euphrat hinauf und dann durch Aleppo und Antiochia.

Peking plant stets Jahre im Voraus. Und der Regierung in Damaskus kommt dabei eine große Rolle zu. Also war es kein Ausrutscher, als Syriens Botschafter in China, Imad Moustapha, mit einem Trumpf aufwartete: China, Russland und der Iran werden nach Kriegsende bei allen Infrastrukturinvestitionen und Wiederaufbauplänen bevorzugt behandelt.

Die neuen Seidenstraßen, oder One Belt, One Road Initiative, werden unweigerlich einen syrischen Knotenpunkt haben – mitsamt erforderlichen gesetzlichen Hilfen für chinesische Firmen via Sonderkommission, die die syrische Botschaft, die China-Arab Exchange Association und die in Peking ansässige Shijing Anwaltskanzlei schon geschaffen haben.

Lasst mich auf den Frachtzug Schanghai-Latakia!

Nur wenige erinnern sich, dass China vor dem Krieg dutzende Billionen US-Dollar in Syriens Öl- und Gasindustrie investiert hatte. Logisch, dass die Priorität für Damaskus nach dem Krieg der gewaltige Wiederaufbau seiner weithin zerstörten Infrastruktur sein wird. China könnte durch die AIIB daran teilhaben. Es werden Investitionen in die Landwirtschaft folgen, in Industrie und Vernetzung – in Transportkorridore in der Levante, die Syrien mit dem Irak und dem Iran verbinden.

Am meisten zählt, dass Peking bereits den entscheidenden Schritt, sich direkt in die finale Beilegung des Krieges zu involvieren, getan hat – und zwar geopolitisch und geoökonomisch. Seit letztem Jahr hat Peking einen Sonderbeauftragten für Syrien – und humanitäre Hilfe geleistet hat es auch.

Unnötig hinzuzufügen, dass all diese aufwändigen Pläne davon abhängen, dass es keinen Krieg mehr gibt. Und da liegt der Haken.

Mit dem Untergang des Islamischen Staats, oder zumindest seinem Verlust bedeutender Städte, weiß niemand, inwiefern ein fragmentiertes Schein-Kalifat (Sunnistan) manipuliert werden könnte, um Syrien von seiner neuen Seidenstraßen-Zukunft abzuschneiden.

Qatar hat jetzt schon das Spiel gewendet. Doha hat sich nicht nur Teheran angenähert (gemeinsame Interessen im South-Pars-Gasfeld nötigen dazu) sondern auch Damaskus – und das Hause Saud somit an den Rand der Verzweiflung getrieben. Im Gegensatz zur jungen Vergangenheit beteiligt sich Qatar also nicht mehr am Sturz des Regimes. Dennoch sind die unterschiedlichen Interessen von Saudi-Arabien, der Türkei, Israel und, natürlich, Washington zu berücksichtigen.

Ein mögliches Szenario, das aus den Verhandlungen zwischen Putin und Trump in Hamburg entstehen könnte – und so weder von Lawrow noch von Tillerson weitergegeben wurde – ist, dass der Waffenstillstand im Südwesten Syriens, vorausgesetzt er hält an, zu einer demilitarisierten Zone zwischen den syrischen Golanhöhen und dem Rest des Landes führen könnte.

Übersetzung: Das Gebiet wäre dann de facto von Israel annektiert. Das „Zuckerbrot“ für Moskau wäre, dass Washington hinnehmen würde, dass die Krim nach Lage der Dinge wieder in die Russische Föderation integriert wäre.

Das klingt weiter hergeholt, als es scheint. Die nächsten paar Monate werden zeigen, ob dieses Szenario tatsächlich plausibel ist oder nicht.

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Der andere große Knackpunkt ist Ankaras Vorgehen gehen die Kurden der YPG [Volksverteidigungseinheiten, Anm. des Übers.]. Anders als beim ominösen und sehr wahrscheinlichen Balkanisierungs-Szenario, könnten Washington und Moskau durchaus gemeinsam entscheiden, dass sich einige Sachen von allein regeln sollen. Dann würden wir zwangsläufig sehen, dass die türkische Armee al-Bab [Stadt im Gouvernement Aleppo im Nordwesten von Syrien, Anm. des Übers.] auf absehbare Zeit besetzen wird.

Unterm Strich sieht’s so aus: Saudi-Arabien bekommt gar nichts. Israel und die Türkei erringen politische/militärische „Erfolge“. Schwer vorstellbar, dass Moskau Teheran diese Abmachung als Sieg verkaufen kann. Trotzdem, Teheran mag keine frei verkehrende Route Iran-Irak-Syrien-Hisbollah zurückbekommen. Aber es wird enge Beziehungen mit Damaskus aufrechterhalten und an der Expansion der Neuen Seidenstraßen beteiligt sein.

Von nun an scheint die Schlüsselfrage zu lauten, ob Washington der „Syrak“-Politik des Tiefen Staates folgen wird – also „Assad muss gehen“ plus Bewaffnung nichtexistierender „moderater Rebellen“; oder ob Trumps Priorität, den IS endgültig auszuschalten, obsiegen wird.

Peking hat sich jedenfalls entschieden. Es wird pausenlos dafür arbeiten, dass das Triumvirat Iran-Irak-Syrien zum Schlüssel-Knotenpunkt für die Seidenstraßen wird. Möchte irgendwer gegen eine zukünftige, boomende Containerroute von Schanghai nach Latakia wetten?

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Text erschien zuerst hier: http://www.atimes.com/article/new-silk-road-will-go-syria/

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Über den Autor

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Pepe Escobar ist ein unabhängiger Journalist mit dem Schwerpunkt Geopolitik. Der gebürtige Brasilianer arbeitet seit 1985 als Auslandskorrespondent für eine Vielzahl von Medien, darunter RT, Sputnik und Asia Times Online. Escobar ist Autor der Bücher „Globalistan“ (2007), „Red Zone Blues“ (2007“, „Obama does Globalistan“ (2009) und „Empire of Chaos“ (2014).

9 Kommentare

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    brokendriver am

    Ich kann das Wort "Syrien" nicht mehr hören und lesen.

    Es hat viel Unheil, Mord und Totschlag über das deutsche Volk gebracht…

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    Andreas Walter am

    Die südliche Route der Neuen Seidenstrasse ist zwar für fast alle Beteiligten attraktiv, führt aber durch weitaus mehr instabile und muslimische Länder als die Nördliche. China hat allerdings genügend Geld und Köpfe, um an ganz vielen Baustelle rund um die Welt darum gleichzeitig zu arbeiten.

    Was mich allerdings dann wundert ist die geringe militärische Intervention Chinas in Syrien, wenn sie doch bereits so viel Geld auch dort angeblich investiert haben.

    Als Brasilianer dürften Sie aber bestimmt auch die Projekte Chinas in Lateinamerika interessieren. Damit meine ich gar nicht mal den Nicaragua-Kanal, den ein chinesischer Milliardär für 50 Milliarden bauen will, sondern die southern route der dann 10 Milliarden Dollar teuren Ostwest-Verbindung per Zug quer durch Südamerika (eine weitere Verbindung ist zwischen Kolumbien und der Karibik geplant beziehungsweise eine quer durch Honduras). Alle vier Projekte zielen damit auf eine zukünftige Umgehung des Panama-Kanals ab, die southern route bezweckt zudem die weitere Entwicklung und Erschliessung Zentral-Südamerikas.

    "China’s $10 billion railway across South America is either bold or insane", auf Bussines Insider Online

    5300 km quer durch Südamerika. Von der Pazifikküste in Peru bis hin zur Atlantikküste in Brasilien. An beiden Enden dann jeweils gigantische Umladestationen für Container, die von "Rio" dann weiter entweder die ganze Ostküste Südamerikas versorgen oder sogar bis nach Westafrika transportiert werden können, und natürlich auch wieder von dort zurück. Bei Minimum 120 km/h Streckenauslegung dann eine Sache von 2 Tagen, der Weg von Rio bis nach Arequipa. Mal sehen, welche Strecke darum als Erste fertig ist, nach der nördlichen Route der Neuen Seidenstrasse (Trans-Eurasia-Express), die bereits jetzt schon (2016) 40.000 Container im Jahr transportiert. Eine Quietscheente braucht nämlich sonst 11 bis 15 Jahre vom Pazifik bis nach Europa.

    "Friendly Floatees", Wikipedia

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      Andreas Walter am

      Kleine Fehler meinerseits und darum Korrektur:

      Arequipa liegt nicht direkt am Meer, sondern der Hafen Mollendo etwas südwestlich von Arequipa. Wahrscheinlich wird am Pazifik aber der Hafen Ilo die End- beziehungsweise Anfangsstation der "Twin Ocean Railroad", des "Bioceánico Central" werden, und auf der Atlantikseite der Hafen von São Paulo Santos. Wer darüber genaueres erfahren möchte findet es bei thedialogue(Punkt)org, dort in der Suche dann einfach "Update: Twin Ocean Railway" eingeben.

      Wahrscheinlich wird nämlich sogar die kürzere Route über Bolivien gebaut, auch aus Gründen des Umweltschutzes und zum Schutz noch unberührter indigener Gruppen des Amazonas, was mich zusätzlich dann auch für die Bolis freuen würde, gelten sie doch immer noch als das Armenhaus Südamerikas. Evo Morales hat zumindest schon deutliches Interesse an dem Projekt bekundet, auch wenn die Strecke dann durch drei anstatt nur zwei Länder führen würde. Man könnte das aber auch als den langersehnten "Zugang zum Meer" Boliviens betrachten, den es angeblich immer so schmerzlich auch für seine Entwicklung vermisst hat (so wie die Schweiz. Insider Witz). Gerade aber auch wegen des Rohstoffs Lithium sicherlich nicht die schlechteste Idee, das nämlich gerade in Bolivien in grossen Mengen vorhanden ist. Hoffen wir also mal, dass die Entwicklung dann auch langfristig beim bolivianischen Volk ankommt und sich die Eingriffe in die Umwelt in Grenzen halten lassen.

      Syrien dagegen liegt gar nicht unmittelbar an der Südroute der Neuen Seidenstrasse, und auch Peak Oil wird in Syrien bereits um das Jahr 2020 erreicht werden. Phosphat gibt es da wohl auch, doch primär ist es für China ein Absatzmarkt für Preiswertes Made in China. Wie sich auch diese Region darum dauerhaft stabilisieren will ist mir noch ein Rätsel und darum auch eine Gefahr, nicht nur für Europa oder Assad. Was ist da also in 20, 30 Jahren, im Nahen Osten, denn so weit sollte man mindestens denken.

      Ich halte darum dagegen. Wegen dem Irak dazwischen (mit Sunniten, Einflusssphäre der Saudis) aber auch wegen der Türkei. Muslime bringen es einfach nicht, und Atatürk ist auch schon lange Geschichte.

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    Michael Höntschel am

    Ich denke wir erleben hier nicht nur den Beginn einer neuen Weltwirtschaftsordnung, sondern einer neuen Weltordnung. China hat sich entschlossen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch die Grenzen zu verschieben. Mancher mag da seine Ängste haben, aber die Zeiten des militärischen Gleichgewichtes waren die friedlichsten der Geschichte. So klappt es möglicherweise doch noch, daß meine Generation die Erste ist, die keinen Krieg auf deutschem Boden erlebt. Dies wünsche ich sehnlichst all unseren Nachkommen und natürlich allen Menschen der Welt.

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    linkenklatscher am

    Wichtig ist, dass diese neue Verbindung die Kriegstreiber USA, GB und Frankreich aussen vor lässt.
    Wenn Deutschland sich nicht besinnt wird es auch dazu gehören müssen.
    Wirtschaftliche Probleme werden die am ehesten dazu zwingen, sich um ihre eigenen Eier im verdreckten Nest zu kümmern. China ist eine Hoffnung für die Welt, mit allerdings auch riesengroßen Fragzeichen und Risiken.

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    Volker Spielmann am

    Chinas neue Seidenstraße dürfte den VSA den Todesstoß versetzen

    Das Kaiserreich China hat es wie immer nicht eilig seinen bereits errungenen Sieg über die nordamerikanischen Wilden zu vollenden, sondern spielt noch ein wenig mit diesen wie die Katze mit der Maus. So verkündet China, daß es bis Anno 2050 Waffengleichheit mit den VSA hergestellt haben möchte und arbeitet derweil an seiner neuen Seidenstraße. Dem Vorgeben nach soll diese allein der Förderung des Handels mit den europäischen, morgenländischen und asiatischen Staaten dienen, aber die liebe Eisenbahn kann ebenso gut Truppen und Nachschub wie Handelswaren befördern. Wogegen die VSA weder mit ihrer Luftwaffe noch mit ihrer Flotte nennenswert etwas ausrichten können werden, da die Chinesen nicht nur über eine schlagkräftige Luftwaffe und Flugabwehr verfügen, sondern deren Pioniereinheiten etwaige Schäden im Handumdrehen beheben können, was die VSA schon mit aller Bitterkeit in Vietnam erfahren mußten. Deshalb hilft es den VSA auch nichts mehr Europa mit Afrikanern und Arabern zu fluten.

    Im Übrigen bin ich dafür, daß der Euro zerstört werden muß!

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    Warum soll man dagegen wetten? Es wird so kommen. Mag sein, dass es noch etwas dauert aber die Chinesen haben Zeit. Bitte den ganzen Artikel ins Arabische uebersetzen und in allen Migrantenunterkuenften als Flugblatt verteilen. Danach noch einige Lokaljournalisten aus Dortmund, Berlin, Muenschen etc, zum "Essen einladen", damit es auch in den Clan-Hochburgen bekannt wird. Ueberschrift: "Die Heimat wird zum goldenen Dreieck". Untertitel: Wer die syrische Staatsbuergerschaft bei den Behoerden vor Ort nachweisen kann, wird bevorzugt an den hohen Verdenstmoeglichkeiten teilhaben.

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      Das würde dann bedeuten dass Europa mit weniger syrischen Flüchtlingen zu rechnen hat da diese dann lieber in der Heimat den "Reibach" machen wollen (erspart ausserdem die Fahrtkosten in ferne Länder)

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