Vanessa Beeley gehörte zu den ersten Journalisten, die Aleppo nach der Befreiung besuchten. Ihre Eindrücke strafen die westliche Berichterstattung Lügen und zeugen vom ungebrochenen Zusammenhalt des syrischen Volkes – sowie von unvorstellbaren Grausamkeiten der islamistischen Besatzer. Das Interview entstand im Januar 2017.

    COMPACT: Sie sind vor kurzem aus Aleppo zurückgekehrt. Was haben Sie dort erlebt?

    Vanessa Beeley Aleppo Syrien
    Vanessa Beeley im Dezember 2016 in Aleppo. Foto: Vanessa Beeley

    Beeley: Wir sind am 16. Dezember, 48 Stunden nach der Befreiung, im Bezirk Hanano angekommen. Man sah die Spuren des Häuserkampfes überall. Die Zerstörung entsprach jedoch nicht der von Luftangriffen, sondern der von Artillerie. Es gibt eindeutige Unterschiede zwischen den Schäden in Wohngebieten einerseits und denen in Industriegebieten wie Sheikh Najjar andererseits, das der IS im Jahr 2012 übernommen hatte. Nur dort sahen wir umfassende Zerstörung. Im Westen wurde fälschlich berichtet, die syrische und russische Luftwaffe hätten auch Wohngebiete flächenweise bombardiert.

    COMPACT: Wie haben die Einwohner auf die Befreiung reagiert?

    Beeley: Für viereinhalb Jahre lebten diese Menschen in einem Informationsloch. Viele erzählten uns, sie hätten Angst gehabt, dass die Regierungsarmee konfessionell motivierte Vergeltung an ihnen verüben würde. Diese Propaganda hatten ihnen al-Nusra und deren unterschiedlichen Gruppierungen erzählt. Man hatte die Leute einer Gehirnwäsche unterzogen, damit sie die Befreiung fürchten. Als wir sie fragten, wie es ihnen jetzt ginge, sagten sie, «Mein Gott, es ist ja überhaupt nicht so, wie man uns sagte». In der SAA gibt es sowohl eine Vielzahl islamischer und christlicher Fraktionen als auch Atheisten. Alle waren
    in ihrem Wunsch vereint, die Zivilisten zu befreien und mit äußerster Hingabe und Respekt zu behandeln.
    Ich kann das selbst bezeugen. In jedem befreiten Gebiet, das ich besucht habe, wurde mir klar, dass viele Soldaten der SAA dort Angehörige haben. Es ist einfach obszön, dass die Medien berichten, diese Soldaten würden ihr Leben bei der Befreiung von einer terroristischen Besatzung riskieren, um dann ihre eigenen Familien zu töten. Das ist auch nicht al-Assads Armee. Es ist die Nationalarmee, die ihr Land von einer Stellvertreterinvasion befreit.

    COMPACT: Die Russen sagen, sie hätten Massengräber gefunden.

    Beeley: Wir haben mit dem Leiter der Gerichtsmedizin in Aleppo gesprochen. Er bekräftigte den Fund von Massengräbern. Es hat auch Massenfolterungen gegeben. Er sagte, man fand Kinder mit ausgestochenen
    Augen und hingerichtete Frauen und Männer. Wie man am Todeszeitpunkt erkennt, können die Regierungstruppen dafür nicht verantwortlich gewesen sein. Die einzigen Berichte über getötete Zivilisten, die ich hörte, kamen von Einwohnern, die erzählten, wie Terroristen auf Menschen schossen, die über die humanitären Korridore entkommen wollten, welche Russland und die syrische Regierung eingerichtet hatten. Man sagte uns, dass sie auf Kinder und alte Menschen feuerten. Eine Frau sah, wie eine andere Frau auf Knien sitzend um etwas zu essen bat. Die Terroristen schossen ihr in den Mund. Auf ihrer Flucht hinterließen sie Sprengfallen. Als wir aus einem Krankenhaus kamen, explodierte uns gegenüber ein Haus. Das war eine dieser Sprengvorrichtungen.

    Foto: Vanessa Beeley

    COMPACT: Hatte es denn früher Unterstützung für die sogenannten Rebellen gegeben?

    Beeley: Nein, die gab es so gut wie nicht, und in Syrien gibt es niemanden, der sie «Rebellen» nennt. Selbst
    Syrer, die Reformen wollen, sagten uns, sie wollten das Land verbessern, nicht zerstören. Die Unterstützung
    für bewaffnete Aufstände ist praktisch gleich null. Es ist für mich herzzerreißend, dass diese Menschen in Ost-Aleppo viereinhalb Jahre lang Hinrichtungen, Inhaftierungen, Vergewaltigungen, Folter und Beschimpfungen zu erdulden hatten. Ihnen wurde immer wieder befohlen: Keinerlei Bildung außer der von extremistischen Imamen in den Moscheen! Sämtliche Schulen wurden in Waffenlager oder Schariagerichte umgewandelt. Doch trotz aller Verzweiflung und allen Leids gibt es auch eine unglaubliche Renaissance der Tatkraft und des Mutes. Der Direktor einer Schule in Hanano, die zu den weniger beschädigten gehörte, erzählte uns, die Kinder würden in 24 Stunden wieder im Unterricht sitzen. Alle Syrer glauben, dass Bildung die beste Waffe gegen die extremistische Ideologie ist, die ihr Land infiltriert hat.

    COMPACT: US-Verteidigungsminister Ashton Carter behauptete kürzlich, die Russen hätten im Kampf gegen den IS nichts beigetragen.

    Beeley: Unfassbar. Wie wäre es damit: Als Aleppo kurz vor der vollständigen Befreiung stand, wurde plötzlich wieder der IS in Palmyra aktiv. In Syrien hält das jeder für eine von der US-Koalition gewollte Ablenkung, die die SAA zerstreuen sollte. Als Regierungstruppen Deir ez-Zor verteidigten, wurden sie über
    eine Stunde lang von der US-Luftwaffe bombardiert. Später behauptete Washington, es sei ein Fehler gewesen. Einen Fehler hält man jedoch nicht eine Stunde lang aufrecht… Die Aufzeichnungen und Aussagen über das Geschehen machen klar, dass die Amerikaner damit dem IS Luftunterstützung gaben. Die Russen hingegen unterbrachen erfolgreich die Öllieferungen des IS, welche die USA nicht angetastet hatten. In Ost-Aleppo säuberten sie tausende Hektar Land von Sprengsätzen und Chemiewaffen. In Dschibrin sah ich die russischen Feldlazarette, in denen täglich 150 Menschen behandelt wurden. Die hatten seit viereinhalb Jahren keine Versorgung erhalten. Während der Besatzung gab es keine medizinische Behandlung für Zivilisten.

    COMPACT: Sie waren auch über Weihnachten in Aleppo.

    Beeley: Das war etwas ganz Besonderes. Denken Sie an religiöse Sektiererei in Ländern wie Saudi-Arabien oder nun auch der Türkei, wo es verboten ist, Weihnachten zu feiern – hier schien das keine Rolle zu spielen. In Aleppo befanden sich Menschen aus allen muslimischen Glaubensrichtungen auf den Straßen, um mit der christlichen Minderheit zu feiern. Diese Einheit ist ein Beispiel dafür, warum Syrien der Intervention seit sechs Jahren standhält. In erster Linie verstehen sich alle als Syrer. Ihre Religion ist ihrer
    Nationalität, ihrer Heimat untergeordnet.

    COMPACT: Warum sind hunderttausende junge syrische Männer nach Europa gekommen?

    Beeley: Die Mehrheit der Vertrieben ist ja in Syrien geblieben. Mehr als sechs Millionen Menschen haben
    Schutz in den von der Regierung gehaltenen Gebieten gesucht. Das ist ein wichtiger Punkt. Ebendiese
    Menschen haben das Gefühl, dass die Auswanderer nach Europa Wirtschaftsmigranten sind. Vor al-Assad
    fliehen sie nicht. Sie fliehen, weil die Wirtschaft des Landes durch die Sanktionen der USA und der EU seit sechs Jahren gelähmt wird. Allerdings gibt es auch Extremisten und Militante im Flüchtlingsstrom. Das kann man nicht ignorieren.

    Vanessa Beeley ist eine britische investigative Fotojournalistin und stellvertretende Direktorin der Internetseite «21centurywire.com». Während des israelischen Bombardements im Jahr 2012 lebte sie in Gaza. Im März 2016 repräsentierte sie Jemen bei den Vereinten Nationen. Dort bezeugte sie den Einsatz von USStreubomben gegen zivile Ziele durch die saudische Luftwaffe und deren Verbündete.

    Das von Tino Perlick geführte Interview erschien zuerst in COMPACT 02/17.

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