Die Eigentore des Politbüros: Fußball in der DDR

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Die Nationalmannschaft der DDR lief der westdeutschen Konkurrenz von Beginn an hinterher. Dabei mangelte es nicht an Talenten. Doch die Politik packte zuverlässig ihre Bremsklötze aus. Ein Textauszug aus COMPACT-Spezial Nr. 17 «Nationalsport Fußball».

_ von Martin Müller-Mertens

Am Beginn stand eine Zitterpartie. In der 35. Minute durchbrach Bulgariens Stürmer Iwan Kolew am 14. Juni 1953 die deutsche Deckung. Doch der scharfe Schuss zog knapp am Pfosten vorbei. Wenig später balgte sich der bulgarische Sturm geradezu vor dem Kasten der Gastgeber, aber Torhüter Wolfgang Klank fischte das Leder aus der Luft. Erst der Schlusspfiff ließ die 55.000 Zuschauer im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion aufatmen. Mit einem torlosen Remis hatte die DDR-Nationalmannschaft ihr erstes Heimspiel wohl nicht bravourös, aber doch vorzeigbar über die Zeit gebracht. Für Klank wurde es dennoch der letzte Auftritt im Nationaldress. Einen Spielerboykott gegen die harten Trainingsmethoden seines Vereins Motor Dessau verziehen ihm die Verantwortlichen nie.

Was folgte, wurde nie erforscht. Das Neue Deutschland, als SED-Zentralorgan Leitmedium der DDR, überging die Partie mit Schweigen. Das Blatt vermeldete stattdessen die gleichzeitige 2:1-Niederlage der B-Auswahl in Sofia. «Die deutsche Mannschaft wurde von den zahlreichen Zuschauern stürmisch begrüßt und nach Spielschluss für ihre guten Leistungen gefeiert», notierten die Chronisten. War dies ein Akt journalistischer Renitenz? Immerhin galt in der B-Elf das Leistungsprinzip, während die A-Mannschaft vor allem nach politischen Kriterien zusammengesetzt war. Oder gerieten in den bereits kritischen Tagen kurz vor dem Aufstand am 17. Juni schlicht die Berichte durcheinander?

Wenn wohl auch unbeabsichtigt, so illustriert die Anekdote die Krux des DDR-Fußballs. Als populäre Massensportler waren die Kicker zwischen Ostsee und Erzgebirge unverzichtbar. Doch für politische Propaganda taugten die Mannschaften ebenso wenig wie für die später auf dem sportpolitischen Reißbrett entworfenen Medaillenerwartungen. Auch wenn es an Förderung in späteren Jahren nicht mangeln sollte – der Fußball blieb in der DDR ein Stiefkind.

Ruinöse Experimente

Dabei schien der Anfang hoffnungsvoll. Konnten sich die 1945/46 neu gegründeten Mannschaften zunächst nur regional messen, errang die SG Planitz im K.-O.-System der Landesmeister schon 1948 die erste Ostzonenmeisterschaft. Die Sachsen galten als eine der aussichtsreichsten Formationen ihrer Zeit. Ein Jahr später nahm die überregionale Liga des Deutschen Sportausschusses, die spätere Oberliga, ihren Betrieb auf – 14 Jahre bevor mit der Bundesliga ihr westdeutsches Gegenstück entstand.

Doch wo es sportlich voranging, da packten Funktionäre zuverlässig die Bremsklötze aus. Das Schicksal der SG Planitz steht dafür beispielhaft: Nach dem Titeltriumph gegen Freiimfelde Halle war sie im gesamtdeutschen Viertelfinale gegen den späteren Meister 1. FC Nürnberg gelost. Die sowjetische Besatzungsmacht verweigerte jedoch die Reiseerlaubnis. Als die Fußballvereine ein Jahr später unter die Hoheit von Trägerbetrieben gezwungen wurden, verweigerte Planitz zweimal die Selbstentmachtung. Es nützte nichts: Der informelle Nachfolger des bürgerlichen Erfolgsvereins Planitzer SC hatte sich in die BSG Horch Zwickau und Aktivist Steinkohle Zwickau einzugliedern. Die politisch korrekte Horch-Auswahl wurde 1950 im Dresdner Ostragehege gegen die SG Friedrichstadt – der umbenannte Traditionsclub Dresdner SC – zum Meister gepfiffen. Viele Friedrichstädter Spieler nebst Trainer Helmut Schön verließen daraufhin die DDR.

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Dass in diesem Chaos weder Liga noch Nationalelf gedeihen konnten, war auch den Funktionären klar. Nach einem Besuch in Duisburg warnten Vertreter des Deutschen Sportausschusses, «dass der westdeutsche Fußball außerordentlich gut entwickelt ist und es aller Anstrengungen bedarf von unserer Seite, ihm gleichwertig zu sein». Dagegen sorgte sich die SED vor allem um die Kontrolle der Vereine. «Es ist auch nicht zu verkennen, das militaristische und faschistische Kräfte sich in die Sportbewegung einschleichen», lautete bereits im Januar 1947 das Verdikt der Partei-Organisationsabteilung.

In der Nationalelf fielen derweil weniger Tore als Trainer. Nachdem Schön – der neben den Friedrichstädtern auch die Ostzonenmannschaft betreute – in Richtung Westen entschwunden war, führte Fred Schulz die Mannschaft im April 1950 zum 3:1-Sieg gegen die Landesauswahl Sachsen. Später trat er wegen Unstimmigkeiten im Trainerrat zurück und saß ab 1953 bei Werder Bremen auf der Bank. Alfred Kunze nahm 1951 nach zwei verlorenen inoffiziellen Spielen gegen Polen seinen Hut. Willi Oelgardt sollte den Spielern zunächst «patriotisches Denken und Handeln» beibringen. Weil es daran mangelte – allerdings auch wegen Alkoholeskapaden – verzichtete er auf Leistungsträger wie Heinz Satrapa, Helmut Nordhaus, Jochen Müller, Herbert Rappsilber und Fritz Ritter. Immerhin hatten die Athleten als Visitenkarte des sozialistischen deutschen Staates zu agieren – wurde die DDR doch gegen den wütenden Protest des westdeutschen DFB im Juli 1952 in die FIFA aufgenommen.

Nach ihrem ersten offiziellen Spiel am 21. September 1952 schlichen die DDR-Kicker dennoch mit einem 0:3 vom Warschauer Rasen. In Bukarest reichte es einen Monat später nur für eine 3:1-Niederlage. Auf dem Trainerstuhl folgte bald Hans Siegert, dessen drei Partien mit Niederlagen endeten. Dass in den ersten sechs offiziellen Begegnungen insgesamt 37 Spieler rotierten, die teilweise aus der 2. Liga stammten, mag zu der desaströsen Bilanz beigetragen haben. (…)

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