Ami go home: Der gefeierte Autor Rolf Hochhuth analysiert die Lage der Nation und teilt nach allen Seiten kräftig aus. Angesichts der Großen Koalition fürchtet er um den Bestand der Demokratie. Besonders die Unterwürfigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten bringt ihn zur Weißglut. Es folgen Auszüge aus dem Interview mit Jürgen Elsässer, das Sie vollständig in der neuen COMPACT 5/2018 lesen können. Jetzt am Kiosk! Oder gleich hier bestellen.

    Vorbemerkung: 2018 jährt sich nicht nur die Studentrevolte zum 50 Male, sondern auch das Attentat auf Robert Kennedy.  Rolf Hochhuth hat diesen Vorfall jetzt in seinem Drama Bei Coco Chanel: Jackie, Marlene, Strawinsky – 2 Akte für 6 Spieler verarbeitet.

    COMPACT: Wenn ich richtig gelesen habe, verdächtigen Sie den US-Geheimdienst, bei dem Attentat mitgefingert zu haben.

    Hochhuth: Wie sonst wäre zu erklären, dass die USA, im Besitz der zwei bedeutendsten Geheimdienste FBI und CIA, auch nach Jahrzehnten im Ernst behaupten, zwei namenlose Spinner – keinem von ihnen ist ein Motiv zu unterstellen – seien die Mörder gewesen? Zwei junge Männer, die erst unmittelbar vor den Mordanschlägen dort platziert wurden!

    Wie könnte Robert Kennedys Mörder gewusst haben, dass der nach seiner Rede durch die Küche (!) des Hotels abgeht, und er sich deshalb dort zum Schuss hinstellte – den Abgang können doch nur Kennedys sogenannte Bodyguards gekannt haben? Und der tragische Vater – nachweislich hat er gesagt: «Sie werden Bob ebenso ermorden, wie sie John ermordet haben!»

    Dagegen wurde in den USA das Spottwort: «Verschwörungstheoretiker» in die Welt gesetzt, um jeden lächerlich zu machen, der eine andere Mordversion auszusprechen riskiert als die offizielle. Nachweislich wurden Zeugen ermordet – doch keiner dieser Morde aufgeklärt. Natürlich hat noch nie ein Staat gemordet, bevor er einen Ahnungslosen irgendwohin stellte, um ihn dann als «Täter» auszuschreien. Immer leicht zu machen, nach der Erfahrung: Diktatur – Einheitspartei; Demokratie – Einheitspresse.

    COMPACT: Warum lassen Sie das Stück bei Coco Chanel stattfinden, einer Modedesignerin?

    Coco Chanel
    Hochhuts Neuerscheinung 2017. Foto: Rowohlt

    Hochhuth: Weil die zwei Damen im Stück tatsächlich Cocos Kunden waren, und weil sie selbst eine unerhörte politische Vergangenheit hat. Sie hat die «Todsünde» begangen, sich im besetzten Frankreich mit einem SS-Bullen einzulassen. Danach wäre sie vom Mob, der sich selbst nach der Befreiung von Paris durch die Amerikaner, sehr übertrieben, als Résistance gefeiert hat, ermordet worden wie 10.000 andere unschuldige Französinnen.

    Und wie auch ihr größter Bildhauer Aristide Maillol. Genauso wäre Coco ermordet worden, hätte nicht Winston Churchill persönlich sie gerettet: Er ließ sie im Wagen seines Pariser Botschafters sogar in dessen Begleitung über die Schweizer Grenze bringen. Dort hat Chanel wie ihr SS-Lover, von Dincklage, sechzehn Jahre im Exil gelebt. Beide haben sich aus Dankbarkeit gegenüber den Schweizer Gastfreunden dort beerdigen lassen. Endlich riskierte Coco, in Paris ihr Atelier wieder zu eröffnen. Sie wurde ja 87 und arbeitete ebenso lange. Die zu ihrer Zeit namhafteste Modeschöpferin!

    COMPACT: Soll heißen: Friede den Nazi-Kollaborateuren?

    Hochhuth: Moment! Ich plädiere nicht für Frieden mit Kollaborateuren, aber ermorden soll man sie auch nicht. Coco Chanel hat im besetzten Paris mit einem sehr schönen Deutschen geschlafen. Ist das Kollaboration? Sie konnte in ihrem Modegeschäft ja unmöglich Kunden ablehnen, auch wenn da deutsche Offiziere kamen. Man hätte ihren Laden geschlossen und sie in ein deutsches KZ verfrachtet. Freilich: Die heutige Enkelgeneration, die ein langer Frieden verdummt und ahnungslos gemacht hat, hat gut reden – wie alle, die nie einer politischen Krise ausgesetzt waren, durch lebenslänglichen Wohlstand geistig reduziert sind. Ich gehe so weit zu sagen: Ob Männchen oder Weibchen ist ziemlich unwesentlich für ein Leben – was die Menschen unterscheidet, ist vielmehr, ob sie in einen Krieg verwickelt wurden, also Gefahren ausgesetzt waren – oder ob sie friedlich verschont zeitlebens vor sich hin blödeln durften wie heute wir Europäer und Amerikaner allesamt!

    COMPACT: Woran arbeiten Sie derzeit?

    Hochhuth: Germany, 52. US-Bundesstaat, so wird mein nächstes Stück heißen.

    COMPACT: Um was geht es darin?

    Rolf Hochhuth (r) und COMPACT-Chefredakteur Jürgen Elsässer, 2015

    Hochhuth: Im ersten Akt muss Verteidigungsstaatssekretär Willy Wimmer dem Bundeskanzler Ende der 1980er Jahre melden, was die USA uns als ihrem charakterlosen Satelliten zumuten: die atomare Vernichtung Dresdens und Potsdams. Genau wie es, als einziger Deutscher (!), Schäuble sinngemäß gesagt hat: «Wir waren seit Kriegsende nicht eine Stunde souverän.»

    Im zweiten Akt bittet Putin Siemens-Chef Joe Kaeser in sein Büro und bietet an, dass die Deutschen den Russen ihren ICE bauen können: der größte Industrieauftrag, den es je gab! Doch der US-Präsident verbietet das, und die Deutschen gehorchen, wie seit über 70 Jahren. Vollkommen unterwürfig und ekelhaft, wie seit ihrer totalen Kapitulation 1945. Als hätten wir zum zweiten Mal Auschwitz verbrochen, zwingen uns die Amerikaner, dieses märchenhafte Riesengeschäft an China abzutreten. (…) Merkwürdig, dass hierzulande keinem aufgeht: Eine Regierung, die sich derart von den USA maßregeln lässt, kann gar nicht im Interesse Deutschlands handeln!

    Und der dritte Akt, auch angezettelt auf Geheiß Amerikas: Abriss der zwei 90 Jahre alten, höchst ruhmreichen Kudamm-Bühnen, die von den zwei großen Juden Max Reinhardt und Oskar Kaufmann aus eigener Tasche finanziert worden sind. So wie Fontane es schriftlich gab: «Die Juden finanzieren uns Deutschen die Kultur, und wir Arier finanzieren den Antisemitismus.» Eine Kulturschande, wie Berlin sie bisher allein mit der Bücherverbrennung unter den Nazis erlebt hat, und zweitens mit der Vernichtung des Schlüter-Schlosses durch die SED-Verbrecher.

    Ende des Auszugs. Weitere Themen des Interviews, das Sie in COMPACT 5/2018 vollständig lesen können:
    Kann Deutschland seine Souveränität zurückerlangen?
    Was der Philosoph Karl Jaspers zur FDP sagte.
    Warum es in der BRD keinen legalen Widerstand mehr gibt.
    Warum Hochhuth Sarah Wagenknecht gewählt hat.
    Über den Alltag eines Schriftstellers u.v.m.

    COMPACT 5 /2018 ab heute am Kiosk! Gleich hier bestellen. Oder noch besser: Starten Sie mit dieser Ausgabe Ihr Abo (auf das untere Bild klicken)

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