Die Angst vor dem Vergessen. Oder wenn uns unser eigener Name entfällt

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Als vor einigen Monaten der ehemals gewaltige Manager des Gelsenkirchener Fußballklubs „Schalke 04“ Rudi Assauer verstarb, war er wieder präsent. Der Moment, als Assauer 2006 der Öffentlichkeit verkündete, dass er an Alzheimer erkrankt sei. Damals war plötzlich eine Krankheit in aller Munde, vor der die Angst an ihr zu erkranken, beständig wächst. Einerseits, weil wir Menschen immer älter werden und andererseits, weil unsere Lebensweise das Entstehen von Demenz und Alzheimer begünstigt.

Gemeinhin wird Alzheimer mit Demenz gleichgesetzt. Was jedoch nicht korrekt ist. Zum einen ist Demenz oft nur ein Symptom von Alzheimer. Andererseits ist die Alzheimer-Demenz nur eine Form von Demenz, wenn auch die wichtigste. Man spricht davon, dass etwa 60 Prozent aller Demenzerkrankungen auf Alzheimer beruhen.

Was ist Demenz?
Wenn man öfter mal etwas vergisst, muss man nicht an Demenz erkrankt sein. Umgekehrt können aber bestimmte Veränderungen, auch in der Persönlichkeitsstruktur ggf. auch eine Depression darauf hindeuten, dass der Patient eine Demenz im Frühstadium erreicht hat. Wenn wir von Demenz sprechen, handelt es sich in der Regel um eine Erkrankung eines Teils unseres zentralen Nervensystems, dem Gehirn. Wissenschaftlicher ausgedrückt bilden sich unsere kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten zurück. Man spricht daher von einer neurodegenerativen Erkrankung, von der insbesondere ältere Menschen betroffen sind.

Dass Menschen etwa ab dem 50. Lebensalter vergesslicher und langsamer werden, gehört zum Kreislauf des Lebens wie die aufgehende Sonne zum Morgenhimmel. Kein Grund zur Beunruhigung! Werden die Symptome stärker und häufen sich die Ausfallerscheinungen, könnte es sich um eine Form der frühen Demenz handeln. Ob Alzheimer oder eine andere Form der Demenz, müssen Ärzte entscheiden.
Bei Demenz kommt es aufgrund der Rückbildung unserer geistigen Fähigkeiten zur Beeinträchtigung sozialer und beruflicher Funktionen. Unser Kurzzeitgedächtnis und unser Denkvermögen werden schlechter. Es leiden Sprache und Motorik. Manchmal verändert sich auch unsere Persönlichkeitsstruktur.

Das Bittere an der Demenz ist, dass man den Verlust spürt: den Verlust von Denkfähigkeiten. Man war schon mal schlauer! Es lässt sich so einfach dahersagen, dass sich die Persönlichkeitsstruktur verändern könne. Jedoch passiert dabei etwas Grausames mit uns. Unser Innerstes verändert sich. Es beginnt langsam und allmählich, dann unaufhörlich, und wir müssen uns dabei zuschauen. Oft sind es enge Angehörige, die die Notbremse ziehen. Dabei kämpfen sie an zwei Fronten: Einerseits müssen sie den Arzt überzeugen zum Neurologen zu überweisen und dann den Betroffenen zum Arztbeuch überreden. Mit Engelsgeduld, aber mit Bestimmtheit. Es handelt sich um eine Erkrankung, die unaufhörlich stärker wird und unter ärztliche Aufsicht gehört.

Arten von Demenz

Alzheimer
Dass Alzheimer mit Demenz eng verwoben und die weit häufigste Form von Demenz ist, hatten wir schon thematisiert. Alzheimer-Demenz ist eine Folge von tatsächlichen Veränderungen unseres Gehirns. Sogenannte Plaques und Fibrillen haben sich in bestimmten Regionen des Gehirns abgelagert. Zwar ist deren Funktion noch ungeklärt. Jedoch erzeugen diese Strukturen ein charakteristisches Bild, welches unter dem Elektronenmikroskop sichtbar wird und als kennzeichnend für Alzheimer gilt. Man kennt zwar die Ursachen der Krankheit noch nicht, weiß inzwischen aber einiges über die Einflussfaktoren auf die Krankheitsentstehung. Auch Gene und Vererbung können eine Rolle spielen.

Lewy-Körper-Demenz
Ist die zweithäufigste Form der Demenz. Kann als eigenständige Erkrankung auftreten oder als Folge bei einer Parkinson-Erkrankung. Man spricht von dieser Erkrankung, wenn mindestens zwei von drei der folgenden Symptome auftreten:
– besonders Aufmerksamkeit
– wiederholte detaillierte visuelle Halluzinationen
– unwillkürliche motorische Störungen
Grob gesagt wird durch Einschlüsse in den Nervenzellen von Großhirnrinde und Hirnstamm die Bildung des Botenstoffs Dopamin verringert, was zu den typischen Parkinson-Symptomen führt.
Auch hier ist die Therapie schwierig und behandelt nur die Symptome.

Vaskuläre Demenz
Ist eine durch Arteriosklerose hervorgerufene Erkrankung des Gehirns. Die Erkrankung ist durch viele kleine Infarkte in Verbindung mit einem Abbau der Nervenleitfähigkeit gekennzeichnet. Die Symptome sind diffus und treten oft erst nach mehreren Jahren auf wie: Gangstörung, Blasenstörung, Verhaltensstörungen wie z. B. Apathie, Paranoia. Oft kommen Bluthochdruck oder Diabetes hinzu. Auch hier ist eine kausale Therapie nicht möglich, da man die Ursache bisher nicht kennt.

Mischformen
Desweiteren gibt es Mischformen verschiedener Demenztypen, deren Zuordnung und Unterscheidung oft schwierig ist.

Ursachen? Folgen?
Die Ursachen einiger Demenzen sind geklärt, jedoch bei vielen Formen gibt es noch keine eindeutigen, unumstrittenen Erkenntnisse zur Entstehung. Während einige wenige Formen von Demenz rückgebildet werden können, sind bei einigen Formen in begrenztem Umfang Behandlungen möglich, die zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs führen können.

Demenz und Stress
Stress in Form von Dauerstress hält immer mehr Einzug in unseren Lebensalltag. Da Stress auch als lautloser Killer bezeichnet wird, ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser auch zu Demenz führen kann. Vor Jahren brachte eine aufsehenerregende Langzeit-Studie aus Göteborg den Zusammenhang von Stress und Demenz, insbesondere Alzheimer ziemlich deutlich hervor. Die Forscher unterschieden bestimmte Stressoren, also Stressfaktoren wie eigene psychische Erkrankungen oder in der Familie, Suchtprobleme, arbeitsbezogene Probleme usw.

Das Ergebnis war nahezu verheerend: Jeder Stressor erhöhte die Demenzrate um etwa ein Sechstel, die von Alzheimer sogar um mehr als ein Fünftel. Da es sich bei dieser Studie um Zeiträume ab 1968 bis 2006 handelte und sich die Stressoren, insbesondere durch die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche eher noch erhöhten, ist zukünftig mit noch größeren Ausmaßen zu rechnen. Dazu passt ein neueres Ergebnis aus Südkorea, was von einer völlig neuen Form von Demenz spricht – die digitale Demenz.

Digitale Demenz
Wie der Name schon andeutet, lagern wir mit Hilfe elektronischer Geräte viele Gedächtnisleistungen einfach aus. Ob es am Anfang das einfache Kopfrechnen ist, überlagern später Navigationsgeräte unseren Orientierungssinn. Nicht umsonst heißt es, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Unser Gehirn auch. Oder es schrumpft, wenn Aufgaben wegfallen. Erst in neuerer Zeit hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter hinein in der Lage ist neue Nervenzellen zu bilden. Dieses faszinierende hochkomplexe Gebilde namens Gehirn ist ständig im Umbau begriffen. Es wird aufgebaut, erneuert oder eben abgebaut. Während wir sehr wohl über die Folgen mangelnder körperlicher Tätigkeit auf Muskulatur, Herz-Kreislauf Bescheid wissen, lassen wir unser Gehirn eher links liegen. Statt mittels Lernen unser Gedächtnis ständig zu schulen – in Bewegung zu halten – wird immer mehr an Wissen verlagert nach Wikipedia oder eben einfach zu Google.

Aber auch unser Sozialverhalten befördert unsere Gehirnleistung. Das ergaben Studien im Jahre 2012 an Mädchen im Alter von acht bis zwölf Jahren. Diese waren zwar bis zu sieben Stunden täglich mit ihren Freundinnen online, jedoch ihre realen sozialen Kontakte beschränkten sich auf maximal zwei. Die Folge nur 10% der Mädchen gaben an, dass ihnen ihre virtuellen Freunde positive Gefühle vermitteln würden. Mehr als die Hälfte jedoch verband negative Gefühle mit den Online-Freunden. Was mit den Regionen des Gehirns dieser jungen Mädchen passiert, die für Sozialverhalten zuständig sind, kann man sich leicht ausmalen.

Zusammengefasst kann man sagen: unser Gehirn sollte ständig trainiert und gefordert werden. Natürlich mit entsprechenden Erholungsphasen. In Bezug auf Demenz ließ sich das direkt messen: Menschen, die zweisprachig aufwuchsen, erkrankten etwa 5,1 Jahre später an Alzheimer als vergleichbare Probanden ohne diese Zweisprachigkeit. Das schafft übrigens kein Medikament!
Wie wichtig jedoch auch positive emotionale Inhalte in jungen Jahren gegen den späteren geistigen Abstieg im Alter sind, zeigte eine weitere Studie. Das Ergebnis: Diejenigen Probanden, die in ihrer im Alter von 22 Jahren geschriebenen Autobiografie mehr positive emotionale Inhalte beschrieben hatten, wiesen ein um den Faktor 2,5 verringertes Sterblichkeitsrisiko im Alter auf.

Gute Nachricht
Wer geistig rege ist, kann trotzdem im Alter an Alzheimer erkranken. Jedoch – und das ist die gute Nachricht – ein gebildeter an Alzheimer erkrankter Geist lässt uns von den Symptomen nichts spüren. Wir fühlen uns weiterhin fit. Bis ins hohe Alter. Offensichtlich reagiert unser Gehirn hier sehr flexibel. Kann diese Symptome „ausblenden“.

Diese Erkenntnis zeigt uns den Weg. Nicht nur dass wir Stress, insbesondere Dauerstress aus unserem Alltag verbannen sollten, auch unser Gehirn sollte gepflegt und umsorgt werden. Wie? Indem wir es ständig fordern und trainieren. Der Lohn? Die Gefahr an Demenz, insbesondere Alzheimer zu erkranken, sinkt signifikant. Dazu gehört auch, dass die Mediennutzung im Kindesalter (wieder) stark herabgesetzt werden sollte.

Demenz und Ernährung

Dass mediterrane Ernährung auch vor Demenz schützt, verwundert keineswegs. So wird den Menschen in Spanien, Italien, Zypern und Frankreich eine höhere Lebenserwartung als uns in Deutschland zugeschrieben. Wer sich mediterran ernährt, verringert das Risiko an vaskulärer Demenz zu erkranken. Auch jenes an Alzheimer zu erkranken, sinkt, wie eine Studie der Columbia-University in New York ergab. Man spricht hierbei von der sogenannten Mittelmeer-Diät: Viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Salate, Fisch, Olivenöl und Vollkornbrot, dafür weniger Schweinefleisch und Milchprodukte wie fetter Käse und Butter. Ob auch der Genuss von Rotwein – in Maßen – vor Demenz schützt, ist insofern umstritten als dass der Alkohol abhängig machen kann.

Reduzierung freier Radikale
Dass freie Radikale, die natürlicherweise bei der Zellatmung entstehen, in zu hoher Konzentration für unseren Organismus schädlich sind, ist bekannt. Im Gehirn schädigen diese freien Radikalen unsere Nervenzellen. Wer auf der Suche nach Radikalfängern ist, wird bei den Vitaminen A, C und E fündig. Man findet diese in Obst und Gemüse. Auch Antioxidantien können unsere Zellen vor den freien Radikalen schützen. Um Missverständnissen vorzubeugen: eine gewisse geringe Konzentration an freien Radikalen ist für uns jedoch lebenswichtig. U. a. wirken diese als Signalmoleküle, die für die Stressabwehr unumgänglich sind.

Demenz und Mikronährstoffe

B-Vitamine und Folsäure
In vielen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen Homocystein und kognitiven Störungen nachgewiesen. Für den Homocysteinabbau sind die Vitamine B6, B12 und Folsäure erforderlich, deren Konzentration im Zusammenhang mit Hirnleistungsstörungen ebenfalls häufig untersucht wurde. Homocystein ist ein Risikofaktor für die Alzheimererkrankung. Eine Studie aus dem Jahr 2012 konnte nachweisen, dass die Vitamine B6, B12 und Folsäure den kognitiven Abbau bei Patienten mit MCI (leichte kognitive Beeinträchtigung) verlangsamten. Ein Vitamin-B12-Mangel lässt das Gehirn schrumpfen, so das Ergebnis einer weiteren Studie. Bei erhöhten Werten von Vitamin-B12-Markern wie Homocystein war der Gehirnschwund deutlich stärker ausgeprägt als bei niedrigen Werten. Hohe Homocysteinspiegel gingen außerdem vermehrt mit Mikroinfarkten und weiteren Störungen einher.

Vitamin D
Vitamin D hat verschiedene Wirkmechanismen im Gehirn. Die Bildung von Nervenwachstumsfaktoren ist Vitamin-D-abhängig. Vitamin D hat antientzündliche Wirkung, und es gibt Hinweise auf eine Beteiligung von Vitamin D bei der Neubildung von Neuronen. Studien belegen den Zusammenhang zwischen kognitiver Leistungsfähigkeit/ Demenz und der Vitamin-D-Konzentration. Ergebnis: niedrige Vitamin-D-Konzentrationen sind mit einer schlechteren kognitiven Leistungsfähigkeit und mit einem Risiko für die Alzheimererkrankung assoziiert. Weitere Studien zeigten, dass Patienten mit der Alzheimererkrankung niedrigere Vitamin-D-Konzentrationen aufwiesen als vergleichbare Kontrollpersonen.

Demenz und Mineralien

Kupfer
Es gibt verschiedene Hinweise aus Studien, dass der Kupferstoffwechsel bei der Alzheimererkrankung gestört ist. In Hirnproben von verstorbenen Alzheimerpatienten wurde mehrfach eine deutliche Verminderung der Kupferkonzentration nachgewiesen.

Eisen
Studien zeigten, dass Patienten mit Demenzerkrankungen eine signifikant niedrigere Eisenspiegel haben, außerdem schnitten Patienten mit einem Eisenmangel beim MMSE-Test schlechter ab als diejenigen ohne Eisenmangel.

Aluminium
Obwohl die Bedeutung von Aluminium für Alzheimer noch kontrovers diskutiert wird, ist es unumstritten, dass man Aluminium als ein Neurotoxin ansehen muss. Es gibt Hinweise für einen möglichen Zusammenhang zwischen Aluminium und Alzheimer.

Selen
Selen ist ein wichtiges antioxidatives Spurenelement. Studien zeigten, dass eine Verminderung der Plasma-Selen-Konzentration über einen längeren Zeitraum mit einem kognitiven Abbau verbunden ist. Möglicherweise hat Selen eine präventive Bedeutung.

Magnesium
Dass Magnesium einer der häufigsten intrazellulären Mineralstoffe und an mehr als 300 Stoffwechselreaktionen beteiligt ist, hatten wir bereits hier thematisiert. Die mit Abstand wichtigste Substanz für unser Gehirn ist Magnesium. Das ist nämlich der Gegenspieler des Stresshormons Cortisol. Magnesium entschärft alle Stresshormone, fördert die Hirndurchblutung und spielt eine entscheidende Rolle beim Energiestoffwechsel. Außerdem benötigen es die Nerven für die Reizübertragung. Darüberhinaus wirkt es  regulierend auf die synaptischen Verbindungen zwischen den Gehirnzellen. In Bezug auf Demenz ist vielfach ein Magnesium-Mangel nachgewiesen. Eine zusätzliche Gabe von Magnesium-Präparaten lässt auch den Magnesiumspiegel im zentralen Nervensystem steigen.

Zusammenfassung
Das Risiko an Demenz zu erkranken, wächst in unserer Gesellschaft beständig. Zum einen, weil wir älter werden, zum anderen unser moderner Lebenswandel das Entstehen von Demenz, insbesondere Alzheimer begünstigt. Als Hauptfaktor gilt der Stress. Diesen zu reduzieren ist eine der Hauptpräventionsmaßnahmen. Ernährung, Bewegung und ausreichender Schlaf sind weitere wichtige Faktoren. Als wichtigste Prävention erweist sich jedoch das regelmäßige Training unseres Gehirns. Dass das Knüpfen von echten sozialen Kontakten mit realen Personen, das zu überwiegend positiven emotionalen Erlebnissen führt, uns im Alter belohnt, haben wir auch gezeigt.
Lebensgenuss bis ins hohe Alter – ein lohnenswertes Ziel!

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