Am 22. Februar 2018 verstarb in Moskau Valentin Michailowitsch Falin (*1926). Falin war Berater des sowjetischen Präsidenten Nikita Chruschtschow und des sowjetischen Außenministers Andrei Gromyko und gestaltete über vier Jahrzehnte die sowjetische Deutschlandpolitik mit. Im Interview mit COMPACT sprach er über die strategischen Ziele der USA vom Zweiten Weltkrieg bis heute und die Fehler der Moskauer Außenpolitik.

    COMPACT: Russland modernisiert derzeit seine Streitkräfte, auch die Atomwaffen. Als Grund wird die NATO-Präsenz rund um das Land genannt. Die NATO betrachtet Russland vielleicht nicht als Freund, aber doch nun auch nicht als nächsten Kriegsgegner. Woher kommt Ihre Sorge?

    Falin: Wir investieren 20 bis 25 mal weniger als die Amerikaner in die Rüstung. Die Amerikaner haben rund um uns eine Kette von Stützpunkten. Ich hatte freundschaftliche Beziehungen mit allen unseren Verteidigungsministern und vielen Marschällen. Einer sagte mir: 30 Prozent der amerikanischen strategischen Luftwaffe waren immer in der Luft, und jeden Tag kamen diese Flugzeuge aus verschiedenen Richtungen bis 30 Kilometer vor unsere Luftgrenze. Dann flogen sie zurück, aber wir wussten nie, ob sie weiter flogen. Bei allen NATO- Manövern war nie zu erkennen, ob es Manöver oder bereits die Entfaltung einer Attacke ist. Daher waren wir immer in Spannung.

    Ich hatte sehr interessante Kontakte mit Robert McNamara. Als wir über die Kubakrise des Jahres 1962 diskutierten, fragte ich ihn, ob die Anordnung noch in Kraft ist, die es Kapitänen der amerikanischen U-Boote erlaubt, wenn sie im Krieg sechs Stunden keine Verbindung mit der Zentrale haben, selbst zu entscheiden, ob sie ihre Raketen abfeuern. Er sagte: Es gibt solche Anordnung nicht. Ich war Verteidigungsminister, das wüsste ich ja.

    Aber: Es gab sie, und sie gilt. Ich habe ein Top-Secret-Dokument gesehen. Wenn sich ein amerikanisches Flugzeug in fremde Lufthoheit begibt und attackiert wird, dann darf der Kapitän dieses Bombers entscheiden, was er mit seinen Atomwaffen macht. Also sind wir vielleicht bis heute Geiseln des Zufalls.


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    COMPACT: Die USA würden nicht die Verantwortung für einen Nuklearkrieg übernehmen wollen.

    Falin: Unter Präsident Ronald Reagan wollte man mit sogenannten konventionellen Waffen unsere
    Atomstützpunkte angreifen. Hätten die Sowjets mit Atomwaffen darauf reagiert, hätten wir die Verantwortung für einen Atomkrieg gehabt.

    COMPACT: In den letzten Jahren hat sich der Westen in asymmetrischen Kriegen verausgabt. In Washington nennt man das Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Hat die US-Regierung und damit auch die NATO heute nicht andere Sorgen als Russland?

    Falin: Die Amerikaner investieren heute über 500 Milliarden Dollar pro Jahr in die Entwicklung neuer Waffen. Mehr als alle anderen Staaten der Welt zusammengenommen! Gegen Terroristen?
    Es gab den Beschluss der NATO, den die USA 1981 durchgesetzt haben, durch Wettrüsten auf dem
    Gebiet sogenannter intelligenter Waffen die Sowjetunion ökonomisch zu ruinieren: Weil diese intelligenten Waffen fünf- bis siebenmal teurer sind als Atomwaffen. Und diese Strategie der Amerikaner ist auch heute noch akut. Die Bestätigung finden wir in den Worten von Präsident Barack Obama. In diesem Jahr sagte er, er will sich Gedanken über die Modernisierung der amerikanischen Strategie machen. Die Vereinigten Staaten, so war der Hintergrund, sind nicht in der Lage, zweieinhalb Kriege gleichzeitig zu führen.

    COMPACT: Sie werfen dem Westen im Grunde eine dauerhafte Einkreisungs- und Zerstörungspolitik
    gegenüber Russland wie früher gegenüber der Sowjetunion vor. Im Zweiten Weltkrieg, als es für Ihr Land tatsächlich um die physische Existenz ging, waren die Westmächte aber letztlich mit der Sowjetunion verbündet und nicht mit Adolf Hitler.

    Falin: Neville Chamberlain hat 1937 gesagt: «Die Existenz der Sowjetunion ist unvereinbar mit der Existenz des britischen Empires.» Und Adolf Hitler hat zur gleichen Zeit gesagt: «Egal welches Regime in
    Russland herrscht, ob Zaren oder Bolschewiken, das ist unvereinbar mit den Lebensinteressen Deutschlands.»

    Der erste Kontakt der Amerikaner mit Hitler war im November 1922. Warum sind alle Dokumente im US-Hauptquartier bis heute unter strengster Kontrolle? Niemand bekommt da Zugang. Da sind alle Rechnungen. Wer hat in die Nazipartei ab 1923 investiert? Ich habe in den 1950er Jahren einige Dokumente gefunden, die zufällig noch da waren. Zum Beispiel Akten über Amerikaner, die während des Krieges die Erlaubnis bekamen, nach Deutschland zu reisen. Fünf solcher Fragebögen waren in meiner Hand. Ich habe einen Entwurf mit grüner Farbe von Himmler persönlich gesehen, dort ist alles dokumentiert.

    COMPACT: Das mag schon sein. Aber letztlich standen die Sowjetunion und die USA im entscheidenden Krieg Seite an Seite. Nicht nur gegen Nazi-Deutschland, auch gegen Japan. Und in Potsdam haben sie sich 1945 – zunächst zumindest – auf eine gemeinsame Nachkriegsordnung geeinigt.

    Falin: Präsident Harry S. Truman wollte zu keiner neuen Konferenz mit Stalin kommen. Das war zu Beginn seiner Administration nach dem Tode seines Vorgängers, Franklin D. Roosevelts, 1945. Er hat gesagt: «Die Sowjetunion hat ihre Rolle erfüllt, wir brauchen sie nicht mehr. Wir sind alleine imstande, Japan niederzuringen.» Aber seine Generäle waren empört und sprachen dagegen: Wenn die Sowjetunion die 600.000 Mann starke japanische Kwantung-Armee nicht zerschlägt und diese von der Mandschurei nach Japan kommt und die Japaner ihre Hauptinsel verteidigen, würden die Amerikaner eine bis eineinhalb Million(en) Leute verlieren. Das ist inakzeptabel. Deshalb, so die Generäle, soll weiter verfolgt werden, was Stalin in Teheran und Jalta versprochen hat. Er erweist uns den letzten Dienst, und dann ist es mit unserer
    Kooperation vorbei. So kam es zur Potsdamer Konferenz. Was ist davon übrig geblieben? Die neu gezüchtete Rose Gloria Dei, die zum ersten Mal in Potsdam vorgestellt wurde.

    COMPACT: In Potsdam haben sich die Alliierten 1945 aber sehr wohl auf einen gemeinsamen Kontrollrat in Deutschland geeinigt. Der wurde handlungsunfähig, als die sowjetischen Vertreter
    auszogen.

    Falin: Man sagt, die Sowjetunion begann, die Potsdamer Beschlüsse zu verletzen. Lucius D. Clay, damals Vize-Militärgouverneur der US-Besatzungszone, hat im April 1946 auf Anfrage Trumans folgendes geschrieben: Die sowjetischen Vertreter im Alliierten Kontrollrat respektieren aufs Genaueste alle Entscheidungen in Potsdam und im Kontrollrat. Sie erweisen den Vereinigten Staaten Respekt. Wir haben keinen Grund zu vermuten, dass sie aggressive Pläne haben und bleiben auch heute bei dieser Schlussfolgerung. Und dennoch…

    COMPACT: Mit Verlaub, das klingt nicht nach aggressiven Amerikanern, die nur darauf warten, dass die sowjetische Seite eine Handhabe bietet.

    Falin: 1946 hat die amerikanische Administration einen Beschluss gefasst. Egal welche Politik die Sowjetunion durchführen wird: Die Existenz der Sowjetunion ist mit der Sicherheit der Vereinigten Staaten nicht vereinbar. Das war Grundlage für alles, was später geschah. Wichtig ist: Die Spaltung Deutschlands
    begann mit der Spaltung Berlins. Es gibt ein Dokument von 1947: Bericht des Kontrollrates an die Außenministerkonferenz der Vier Mächte. Da steht schwarz auf weiß: Groß-Berlin ist eine Region unter Viermächte-Besatzung. Groß-Berlin ist die Hauptstadt der sowjetischen Besatzungszone.

    COMPACT: Sie waren zunächst ab 1950 in Deutschland bei der sowjetischen Kontrollkommission.
    Damals wurde die DDR schon ziemlich zielgerichtet aufgebaut und die Sowjetunion hatte sich wohl mit der Teilung abgefunden. Gab es denn Initiativen, diese Situation zu durchbrechen?

    Falin: Ich hatte ein Treffen in Berlin-Karlshorst, in unserer Kontrollkommission, mit Gustav Heinemann. Er war aus Protest gegen die Remilitarisierung Deutschlands aus der Bundesregierung ausgeschieden. Er sagte uns, dass Konrad Adenauer auf keine Vorschläge und Gesten unserer Seite positiv reagieren wird. So war es. Egal, was wir vorgeschlagen haben. Es gab verschiedene Vorstöße unsererseits.

    Ich wusste vom Vorschlag Stalins an unser Rotes Kreuz, einen Kontakt mit dem Roten Kreuz der Bundesrepublik herzustellen und die Frage der Kriegsgefangenen und der Deutschen, die wegen militärischer Verbrechen in unseren Gefängnissen waren, zu erörtern. Adenauer hat seinem Roten Kreuz diese Kontakte verboten.

    Es gab Versuche der DDR. Etwa einen Brief von Willy Stoph an Adenauer. Inhalt: Wollen wir das so machen, dass die Spaltung nicht die Beziehungen der Bevölkerung von DDR und Bundesrepublik belastet. Adenauer antwortete mit einer Kette von Vorbedingungen. Stoph akzeptierte. Es gab keine Antwort – die Amerikaner haben einfach verboten, diesen Briefwechsel fortzuführen.

    COMPACT: Nach der Hochphase des Kalten Krieges kam es dann schließlich doch zur Entspannung. Und sogar zu weitreichenden Vereinbarungen wie den Gesprächen zur Begrenzung strategischer Waffen (SALT), von 1969 bis 1979, und dem Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen (ABM), 1972.

    Fallin: Mit Henry Kissinger hatte ich Kontakt von 1971 bis 1998. Warum haben die Amerikaner Anfang der 1970er Jahre einige Abkommen unterzeichnet? Weil sie wegen des Vietnamkrieges kein Geld für ein neues Wettrüsten hatten. Sie meinten, sie müssten ihren Anhängern in Europa und den Vietnamkriegs-Gegnern in den Vereinigten Staaten ein paar Knochen hinwerfen, und sie müssen einen zufälligen Atomkrieg vorbeugen. Schließlich müssen sie die Voraussetzung für die Verdrängung der Sowjetunion aus dem Nahen und Mittleren Osten schaffen. Ich habe versucht, unsere Führung zu überzeugen, dass die Vereinigten Staaten taktische und nicht strategische Veränderungen vornehmen. Aber unsere Führung sagte: Ach, naja,
    wir werden das tun, was wir wollen.

    Das Gespräch führte Martin Müller-Mertens und erschien zuerst in COMPACT-Spezial Nr. 4: “Krieg gegen Russland”

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