Deutschland in Ketten – Der Versailler Vertrag und seine Folgen

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Bei den Verhandlungen in dem Pariser Vorort wird kein Friede geschaffen – sondern die Grundlage für einen neuen Krieg gelegt. (Auszug aus der aktuellen COMPACT-Geschichte „Der Krieg, der viele Väter hatte“ – hier zu bestellen)

_ von Gerd Schultze-Rhonhof

Das deutsche Drama nach dem Ersten Weltkrieg beginnt damit, dass US-Präsident Wilson der deutschen Seite noch während des Krieges einen Friedensschluss anbietet, den die Sieger später ignorieren. Wilsons Friedensangebot – die sogenannten 14 Punkte – endet mit den Sätzen: «Wir sind nicht eifersüchtig auf die deutsche Größe, und es ist nichts in diesem Angebot, das sie verringert. (…) Wir wünschen nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgendeiner Weise seinen berechtigten Einfluss oder seine Macht zu hemmen. (…) Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt, statt eines Platzes der Vorherrschaft.»

Dem US-Angebot folgen außerdem fünf Notenwechsel zwischen Deutschland und den USA, in denen beide Seiten die 14 Punkte als verbindlich anerkennen. Sie hatten damit den Charakter eines Vorvertrags. Die einzige Abtrennung deutsch besiedelten Gebietes, die schon dort vereinbart wird, ist die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich. Mit der Zusicherung «Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt» legt Deutschland seine Waffen nieder und beginnt, seine Truppen aufzulösen.

Widerstand gegen Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen. Plakat von 1923. Foto: Haus der Deutschen Geschichte, CC0, Wikimedia Commons

Die Konferenz

Es kommt zum Waffenstillstand und der Konferenz von Versailles, die in fataler Weise Geschichte schreiben wird. Die Versammlung leitet der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der die 14 Wilson-Punkte nicht anerkennt und die deutsche und die österreichische Konferenzdelegation von den Verhandlungen ausschließt. So verhandeln Briten, Franzosen, Amerikaner, Belgier, Polen und weitere 22 Siegerstaaten geschlossen unter sich. Sie beschließen die Abtrennung deutscher Gebiete und die Geld- und Sachreparationen, die Deutschland an sie abtreten, zahlen oder leisten soll. Sie legen die nach Versailles benannte Nachkriegsordnung für Europa zu alleinigen Lasten der Besiegten fest.

Am 7. Mai 1919 werden die von den 27 Siegerstaaten festgelegten Bedingungen erstmals der deutschen Delegation eröffnet. Clemenceau überreicht sie mit den Worten: «Die Stunde der Abrechnung ist da.» Die Bitte der deutschen Delegation, den «Vertrag», den sie nun unterschreiben soll, vorher verhandeln zu können, wird abgelehnt. Um dem Ausmaß ihrer Forderungen den Anschein von Berechtigung zu geben, versteigen sich die Sieger darauf, Deutschland und seinen Kriegsverbündeten die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuzuschreiben.

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Der Vertrag verlangt von Deutschland eine große Zahl an Land- und Bevölkerungsabtretungen: das zu 88 Prozent deutschsprachige Elsass-Lothringen an Frankreich, die Provinzen Posen, fast das ganze, zu 70 Prozent deutschsprachige Westpreußen und das oberschlesische Industriegebiet an Polen, das Memelgebiet an den Völkerbund, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei, Nordschleswig an Dänemark, das Gebiet um die Städte Eupen und Malmedy an Belgien sowie Danzig und Umland als Freistaat unter die Hoheit des Völkerbundes. Der Vertrag stellt außerdem das Saargebiet für 15 Jahre unter Frankreichs Herrschaft.

Deutsches Plakat gegen den Versailler Vertrag (1920). Foto: picture alliance / akg-images

Mehr als die Landverluste schmerzen die erzwungenen Bevölkerungsabtretungen. Die Ausgliederung von sieben Millionen Menschen aus dem Deutschen Reich und die Grenzen neuer Staaten trennen Millionen von Familien auf unbestimmte Dauer. Mit dem Vertrag verliert Deutschland seine Kolonien, zumeist an England. Die Streitkräfte werden auf 100.000 Mann im Heer und 15.000 in der Marine reduziert. Das Deutsche Reich muss den größten Teil der Handelsflotte und seiner Goldreserven an die Sieger übergeben, dazu einen Großteil seiner jährlichen Eisenerz- und Kohleförderung, Unmengen von Nutzvieh sowie Landwirtschaftsmaschinen, 150.000 Eisenbahnwaggons und viele tausend Lokomotiven und Lastkraftwagen. Das gesamte private Auslandsvermögen und unzählige Industriepatente werden konfisziert. Die Geldzahlungen sind exorbitant und über 70 Jahre zu begleichen.
Deutschland wird diese, wie sich später zeigen wird, nie in voller Höhe zahlen können.
(Ende des Auszuges. Weiterlesen hier)

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„Wenn heute in breiten Kreisen des englischen Volkes die Über­zeugung Platz gegriffen hat, dass der Friede von Versailles in seiner ursprünglichen Form nicht durchführbar ist, wenn diese Überzeu­gung allmählich die Form greifbarer Vorschläge annimmt, so ist das in erster Linie das Verdienst dieses Buches. (…)
Es ist eines der seltenen Bücher, in denen sich der rechnende Verstand eines geschulten Volkswirts mit der verhaltenen Leidenschaft eines selbstbewussten Reformators vereint. Ein Kritiker hat es geschrieben, der zum Seher geworden ist; ein Finanzmann hat es erdacht, der die Feder eines Künstlers führt.“
(Aus dem Vorwort des Übersetzers von „Krieg und Frieden“, M. J. Bonn ǀ Berlin, Mai 1920)

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