Bundesinnenminister Horst Seehofer hätte die Fans seiner Volten schwer enttäuscht, hätte er nicht einmal mehr eine seiner legendären Kehrtwendungen vollzogen. Noch im März hatte er gesagt: „Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Nun aber eröffnete er die Islam-Konferenz in Berlin, die gestern zuende ging, mit den Worten: „Es kann keinen Zweifel daran geben, dass Muslime zu Deutschland gehören.“ Das wiederum sehen nicht wenige Angehörige dieser Religion anders – zumindest im Hinblick auf diejenigen, die nicht den fundamentalistischen Islam vertreten, die für dessen Liberalisierung, für eine „Reformation“ eintreten. Deshalb leben sie gefährlich in Deutschland.

    Zu denjenigen, die sich nur unter Polizeischutz in die Öffentlichkeit wagen, zählt der deutsch-israelische Extremismus-Experte, Philosoph und Buchautor Ahmad Mansour. In seinem Werk „Klartext zur Integration“ kritisiert er Islamverbände als wenig geeignete Partner bei der Integration von muslimischen Migranten und Flüchtlingen, spricht in einem Interview mit dem Deutschlandfunk von einem „Jahrhundertfehler“, diese Aufgabe ausgerechnet jenen zu überantworten, die für die Entstehung von Parallelgesellschaften ursprünglich verantwortlich seien, an Diffamierung mitwirkten. Sie vermittelten „ganz andere Werte als die, die in unserem Grundgesetz stehen“. Er ist auf Schutz vor Radikalen und Islamisten hierzulande angewiesen, fährt nur im Konvoi gepanzerter Limousinen, weil er „einzelne Aspekte des Islam kritisiere“, sagt der aus unzähligen Talkshows bekannte 42-Jährige.

    Kaum besser ergeht´s dem türkisch-armenischen Fernseh- und Printjournalisten sowie Kabarettisten Hayko Bağdat (42). Er suchte nach dem Putschversuch in der Türkei Schutz in Deutschland, nachdem zahlreiche kritische Medien, für die er gearbeitet hatte, verboten oder geschlossen und seine Bücher nicht mehr publiziert wurden. Nachdem er bereits vor fünf Jahren einen islamistischen Mordanschlag überlebt hatte, erhielt er auch in Berlin Morddrohungen. Seither tritt er nur noch mit schusssicherer Weste auf.

    Davor gefeit ist desgleichen nicht Rechtsanwältin Seyran Ateş (55). Sie fühlte sich befleißigt, auf der Konferenz mit 248 Teilnehmern aus Verbänden und Vereinen Seehofer aufzuklären, wie es kritischen Muslimen hierzulande ergeht: „Wir sind nur hier, weil uns 15 LKA-Beamte beschützen.“ Die sind selbst zugegen auf dem Weg zur Toilette, sichern Gebäude, Flure und Räume. Besonders unter Beschuss geriet die Frauenrechtlerin nach Veröffentlichung ihres Buches „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ vor neun Jahren. Es hagelte Morddrohungen. Freiwild aber ist sie für radikale Muslime, seit sie in Berlin die erste liberale Moschee eröffnete, in der Frauen gleichberechtigt mit Männern beten können. Das heizte den Hass auf die gebürtige Istanbulerin erst recht an – auch im Ausland, da sie von konservativen Gegnern als Islamhasserin, als Nichtmuslimin betrachtet wird. Sie selbst hingegen steht für Säkularität, ist eine strenge Verfechterin der Trennung von Religion und Staat.

    Das sieht der bekannte Politologe Hamed Abel-Samad (46) ebenso. Nach der Veröffentlichung seines Buches „Mohamed – Eine Abrechnung“, in dem er den Propheten als „kranken Massenmörder und kranken Tyrannen“ bezeichnete, riefen deutsche Dschihadisten in Syrien zu seiner Ermordung hierzulande auf. Er wird rund um die Uhr von einer Spezialeinheit des LKA Berlin geschützt, benötigt eine Kolonne aus drei gepanzerten Limousinen, und auch im Flieger wird er von einem bewaffneter Sicherheitsexperten bewacht, trägt beim manchen Lesungen eine schusssichere Weste. Sein Facebook-Aufruf an aufgeklärte Muslime „Ich sage Euch, Ihr seid Feiglinge und Heuchler!” wurde zensiert wegen „Hate Speech“ . Er bemängelt in seinem Statement deren fehlende Kritik gegen reaktionäre Islamverbände, die nationalistischen Grauen Wölfe oder die patriarchalischen Strukturen in den eigenen Familien. Diese Muslime zitierten Kant und Adorno, um die Aufklärung zu relativieren und den Islamismus zu verniedlichen. Sie verlangten Sonderrechte für Muslime in Deutschland, lehnten aber die Minderheitenrechte für Kurden in der Türkei oder für Christen in der arabischen Welt ab, so der mutige Abdel-Samad.

    Ihnen allen – wobei es unzählige weitere aus TV-Sendungen bekannte Islamkritiker gibt, die im geheimen Untergrund leben, sich ohne professionellen Schutz nicht auf die Straße trauen – ist gemein: Sie kämpfen für einen liberalen Islam, für eine Abkoppelung des Politischen vom Religiösen – was fundamentalistischen Muslimen nicht passt. Seehofer verglich abschließend die Islamkonferenz mit einem Kirchentag. Recht so: Schließlich werden auch hier die ersten Sitzreihen von bewaffneten Bodyguards belegt…

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