De Gaulle: „Kinder eines großen Volkes“

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Vor 50 Jahren: Rede von Präsident De Gaulle in Ludwigsburg. Welche Chancen bestehen für ein gaullistisches „Europa der Vaterländer“ heute? Dazu veranstaltet COMPACT-Magazin eine „Souveränitätskonferenz“ am 24.11.2012 in Berlin. Hauptredner ist u.a. Peter Scholl-Latour, damals Mitarbeiter von De Gaulle

Ein Triumphzug quer durch Westdeutschland: Vor 50 Jahren bereiste Staatspräsident De Gaulle die Bundesrepublik. Seine abschließende Rede in Ludwigsburg – siehe Dokumentation unten – ist sensationell: Ein bedeutender Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Okkupation seines Vaterlandes streckt dem deutschen Volk die Hand zur Versöhnung hin. Mehr noch:  Er erweist diesem Volk seine Ehrerbietung, rühmt uns als „großes Volk“. Das war nicht nur damals, 18 Jahre nach dem 2.Weltkrieg, eine mutige Geste von Freundschaft und Noblesse. Solche Worte kann man selbst heute mit der Lupe suchen, wo in- wie ausländische Politiker uns Deutsche immer noch als „ewiges Tätervolk“ darstellen, obwohl von den Tätern nur noch ein paar Tattergreise leben.

Die Rede De Gaulles im Wortlaut ist übrigens im Internet nicht leicht zu finden. Ein Schelm, wer böses dabei denkt… Betrachtet man sich den Mitschnitt auf Video, ist Gänsehaut garantiert: De Gaulle spricht ohne Manuskript, spricht auf Deutsch, spricht ohne Pathos – aber mit Würde. Man spürt förmlich, wie die Menschenmasse den Atem anhält – und irgendwann alle befreit klatschen. Selbst der ansonsten unglückliche Bundespräsident Heinrich Lübke, der den Franzosen vorstellt, erscheint  in dieser Situation wie ein politischer Riese – verglichen mit den Zwergen, die heute die höchsten Ämter in Berlin und Paris bekleiden.

Als Angela Merkel und Francois Hollande gestern an De Gaulles Rede erinnerten, betrieben sie fast schon Geschichtsfälschung, indem sie den General als Ahnherren der heutigen EU vereinnahmten. Das Gegenteil ist wahr: De Gaulle trat, mehr noch als Adenauer, für ein „Europa der Vaterländer“ ein, das die die Souveränität der Nationalstaaten respektiert. Anders als die heutige EU sollte das gaullistische Europa auch kein abhängiger Juniorpartner der USA sein, sondern eine eigenständige Kraft. Kein Wunder, dass De Gaulle sein Land 1966 aus der militärischen Integration der NATO herauslöste.

Wäre das nicht auch heute möglich und notwendig? Ein „Europa der Vaterländer“? Ein Deutschland und ein Frankreich, die die Militärstruktur der NATO verlassen und als Brücke zwischen Ost und Wst fungieren? Wie kann Deutschland wieder souverän werden? Dies  diskutieren französische, deutsche und russische Experten auf der „Souveränitätskonferenz“ von COMPACT-Magazin am 24.11.2012. Hauptredner ist Peter Scholl-Latour – heute der bekannteste deutsche Sachbuchautor, damals ein Mitarbeiter von De Gaulle. Wie kein zweiter verkörpert er die deutsch-französische Freundschaft als Fundament eines „Europa der Vaterländer“.

  Wortlaut der Ludwigsburger Rede von Präsident De Gaulle

Sie alle beglückwünsche ich! Ich beglückwünsche Sie zunächst, jung zu sein. Man braucht ja nur die Flamme in Ihren Augen zu beobachten, die Kraft Ihrer Kundgebungen zu hören, bei einem jeden von Ihnen die persönliche Leidenschaftlichkeit und in Ihrer Gruppe den gemeinsamen Aufschwung mitzuerleben, um überzeugt zu sein, dass diese Begeisterung Sie zu den Meistern des Lebens und der Zukunft auserkoren hat.

Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! eines großen Volkes!, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche Erzeugnisse seiner Erfindgungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen, da es auch weiß, was es heißt, unternehmens- und schaffensfreudig zu sein, zu geben und zu leiden.

Schließlich beglückwünsche ich Sie, die Jugend von heute zu sein. Im Augenblick, wo Sie in das Berufsleben treten, beginnt für die Menschheit ein neues Leben. Angetrieben von einer dunklen Kraft, auf Grund eines unbekannten Gesetzes, unterliegen die materiellen Dinge dieses Lebens einer immer rascheren Umwandlung. Ihre Generation erlebt es und wird es noch weiter erleben, wie die Gesamtergebnisse der wissenschaftlichen Entdeckungen und der maschinellen Entwicklung die physischen Lebensbedingungen der Menschen tief umwälzen. Dieses wunderbare Gebiet, das Ihnen offen steht, soll durch diejenigen, die heute in Ihrem Alter stehen, nicht einigen Auserwählten vorbehalten bleiben, sondern für alle unsere Mitmenschen erschlossen werden. Sie sollen danach streben, dass der Fortschritt ein gemeinsames Gut wird, sodass er zur Förderung des Schönen, des Gerechten und des Guten beiträgt, überall und insbesondere in Ländern wie den unseren, welche die Zivilisation ausmachen; somit soll den Milliarden der in den Entwicklungsländern Lebenden dazu verholfen werden, Hunger, Not und Unwissenheit zu besiegen und ihre volle Menschenwürde zu erlangen.

Das Leben in dieser Welt birgt jedoch Gefahren. Sie sind umso größer, als der Einsatz stets ethisch und sozial ist. Es geht darum zu wissen, ob im Laufe der Umwälzungen der Mensch zu einem Sklaven in der Kollektivität wird oder nicht; ob es sein Los ist, in dem riesigen Ameisenhaufen angetrieben zu werden oder nicht; oder ob er die materiellen Fortschritte völlig beherrschen kann und will, um damit freier, würdiger und besser zu werden.

Darum geht es bei der großen Auseinandersetzung in der Welt, die sie in zwei getrennte Lager aufspaltet und die von den Völkern Deutschlands und Frankreichs erheischt, dass sie ihrem Ideal die Treue halten, es mit ihrer Politik unterstützen und es, gegebenenfalls, verteidigen und ihm kämpfend zum Sieg verhelfen.

Diese jetzt ganz natürliche Solidarität müssen wir selbstverständlich organisieren. Es ist die Aufgabe der Regierungen. Vor allem müssen wir ihr aber einen lebensfähigen Inhalt geben, und das soll insbesondere das Werk der Jugend sein. Während es die Aufgabe unserer beiden Staaten bleibt, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit zu fördern, sollte es Ihnen und der französischen Jugend obliegen, alle Kreise bei Ihnen und bei uns dazu zu bewegen, einander immer näher zu kommen, sich besser kennen zu lernen und engere Bande zu schließen.

Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein auf dem die Einheit Europas gebaut werden kann und muss, und der höchste Trumpf für die Freiheit der Welt bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk.

Quelle: De Gaulle, Charles: Rede an die deutsche Jugend, in: Deutsch-Französisches Institut (Hrsg.): über die Freundschaft hinaus. Deutsch-französische Beziehungen ohne Illusionen, Stuttgart 1988, S. 64-66.

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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