Glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel vernichten nahezu alle wild wachsenden Pflanzen auf Äckern – und den Artenreichtum sowie Insekten und Wirbeltiere gleich mit. Sie bringen Krankheit und Tod für Mensch und Umwelt im ganzen Land. Und die Bundesbahn hilft auch dabei.

    Mehr als 65 Tonnen des (wahrscheinlich) krebserregenden Pestizides versprüht die Deutsche Bundesbahn laut Angaben des Bundesverkehrsministeriums jedes Jahr. Woher sie dennoch ihre Arroganz bezieht, sich selbst als „Umwelt-Vorreiter” zu bezeichnen, erklärt sich dadurch, dass sie zu 100 Prozent Eigentum des Staates ist. Und von diesem ist man solche Selbstüberschätzung, um es mal vorsichtig auszudrücken, gewohnt.

    Auf 33.500 Kilometern Schienennetz zieht sich die giftige Spur quer durch die gesamte Republik – vorbei an Vorgärten, Schulen und Biofeldern, durch Wiesen, Moore und Naturschutzgebiete. Dabei sollte laut Willen der Grünen das umstrittene Teufelszeug nicht mehr an und auf Bahngleisen eingesetzt werden. „Die Deutsche Bahn treibt damit das Artensterben voran“, beklagte sich Agrarexpertin Dorothea Frederking, Landtagsabgeordnete Sachsen-Anhalt (Bündnis90/Die Grünen) in Magdeburg. Sie appellierte Anfang Januar gemeinsam mit grünen Agrarpolitikern aus vielen weiteren Landtagen sowie Experten der Bundestags- und Europaparlaments-Fraktion in einem offenen Brief an den Konzern, auf Glyphosat zu verzichten.

    Unser unmittelbarer Nachbar macht´s schließlich vor; da kann man nicht nachstehen: Die österreichische Bundesbahn will binnen fünf Jahren komplett auf Monsantos Bestseller verzichten. Die deutsche hingegen, bekannt für ihre Pünktlichkeit und Sorgsamkeit, nicht. Auch wenn sie behauptet, nach strengen Kriterien vorzugehen und in Schutzgebieten, über offenen Gewässern oder auf Brücken auf das Gift zu verzichten.

    Stattdessen genießt die Deutsche Bahn eine der „berühmten“ Ausnahmen, die Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) hinsichtlich des Dauer-Zankapfels gewährt. Die gelten natürlich nicht für Privatiers – es sei denn, sie verfügen über einen „Sachkundeausweis“. Ansonsten soll der auch unter dem Namen „Roundup“ bekannte Umweltkiller peu à peu aus deren Haus- und Kleingärten sowie aus Parks, Sportanlagen und Umweltschutzgebieten verschwinden – obwohl die EU mithilfe Deutschlands trotz massivster Bürger-Widerstände in ganz Europa und unzähliger Petitionen unlängst verfügt hatte, das umstrittene Mittel für fünf weitere Jahre zuzulassen. Immerhin ein Teilerfolg statt der anvisierten 15 Jahre Lobbydienerei.

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    Auch den Landwirten will Klöckner strengere Regeln, die ihrem Ministerium zufolge ab Frühjahr 2018 gelten sollen, auferlegen – auch hier mit vielen Ausnahmen: Nämlich dann, wenn ausreichende sogenannte Saumstrukturen vorhanden sind, also etwa Hecken als Rückzugsraum für Tiere. Und wenn es sich um stark erosionsgefährdete Böden wie an Hängen handelt.

    Der Deutsche Bauernverband begrüßte den Vorstoß zwar, wandte sich aber gegen den Einstieg in den vollständigen Ausstieg: „Das würde unsere Möglichkeiten im ,umweltschonenden’ Anbau drastisch einschränken”, monierte Verbandspräsident Joachim Rukwied gegenüber der Frankfurter Neue Presse. Ob Anton Hofreiter einmal mehr unter Schnappatmung litt, da für ihn Klöckners Vorschläge lediglich „kleine, kosmetische Maßnahmen” seien, ist nicht bekannt. Der Fraktionschef der Grünen fordert, „Glyphosat in der Landwirtschaft in den nächsten vier Jahren auf Null“ herunterzufahren. Löblich.

    Auch für Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) greift Klöckners Vorstoß nicht weit genug. Er sei lediglich „ein erster Schritt”, bis Glyphosat „spätestens zum Ende der Legislaturperiode keine Rolle mehr spielen” wird, wie sie gegenüber RP Online betonte.

    Glyphosat hatte bereits in der vorangegangenen Großen Koalition für hinlänglich Zoff zwischen Agrar- und Umweltressort gesorgt. Der ist noch lange nicht beigelegt. Immerhin werden in Deutschland pro Jahr rund 5000 Tonnen Glyphosat-haltiger Produkte verkauft. Umweltschützer laufen Sturm gegen die verheerenden Auswirkungen auf die Artenvielfalt, auf die schwindende Existenz von Insekten, die den Vögeln als Nahrungsgrundlage dienen. In Folge können ganze Nahrungsnetze – von der Pflanze über Insekten bis zu den Feldvögeln – zusammenbrechen, wie allenthalben bereits zu beobachten ist.

    Wie stark sich die Menge dieses Todbringers in Deutschland verringern soll, steht wohl noch nicht fest. Die Deutsche Bundesbahn, die Klöckner zufolge der größte Glyphosat-Einzelanwender in Deutschland ist, wird schon dafür sorgen, dass Monsanto nicht pleite geht, denn vorerst ist sie von der geplanten Verordnung noch nicht betroffen. Sie wolle aber mit dem Unternehmen reden, kündigte die Agrarministerin an. Hoffentlich ein ernstes Wort. Ein ganz ernstes!

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