Der Verlust der Privatheit

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Facebook sammelt zwischen fünfzig und einhundert Angaben über jeden ihrer fast zwei Milliarden Nutzer. Die Angaben können enthalten: ethnische Herkunft, Geschlecht, Familienstand, Einkommen, Vermögen, Marktwert meines Hauses, meine Kinder, ob meine Kinder zur Schule gefahren werden, Kreditwürdigkeit, ob ich Ramadan feiere, wann ich meinen Wagen gekauft habe usw. – Und alle glauben, sie hätten „nichts zu verbergen“…

Wo kommen diese Angaben her? Einige gebe ich selbst bei Facebook an wie: Familienstand, Alter, Ausbildung, wo studiert usw. Facebook hat für gewöhnlich auch ein Bild oder mehrere von mir; Facebook erkennt mich auch auf anderen Bildern, wie solchen aus Ferien, von Abschlussfeiern (z.B. an der Universität). Facebook verfolgt mich im Netz, erkennt mich dort auf Bildern und sammelt weitere Angaben, besonders solche, die ich mit „gefällt mir“ bezeichnet habe. Von den Behörden erfährt Facebook über mich alles von Wahlberechtigungen bis zu Autozulassungen; dazu kommen noch Treuekarten von Geschäften, Gewährleistungen…

Auf Anfrage führt Facebook als Grund für diese Sammelwut die eigene genauere Zuordnung zwischen persönlichen Daten und Werbung an. Allerdings verkauft Facebook seine Daten auch an Werbeagenturen und Agencies, die fortgeschrittener in der Datenauswertung sind als Facebook. Trotz eines gigantischen Datensatzes scheint Facebook keine mächtige Auswertungssoftware zu haben. Es weht dort immer noch ein Hauch des ursprünglichen Anspruchs von Facebook: Die große Gemeinde von Freunden. Doch wie lange noch?

Als Facebook ankündigte, dass es eine neue Form von Content einführen will, haben alle hingehört. Die New York Times, Buzzfeed, NPR (National Public Radio) und Al Jazeera stellten Videos ohne Werbung zu Verfügung, die zum Teil durch einen Grant von Facebook in Höhe von 50 Millionen Dollar finanziert wurden. Facebook hat erst einmal nichts daran verdient, aber auf dem „Markt der Beachtung“ zugelegt (siehe „The Attention Merchants: The Epic Scramble to Get Inside Our Heads“, Tim Wu, Knopf Verlag. Ungefähr: Die Händler in Beachtung). Der hohe Aktienpreis von Facebook ist eine Investition in die Zukunft, wenn Facebook die „Beachtung“ von 1,7 Milliarden Nutzern verkauft, die schon heute im Schnitt 50 Minuten am Tag auf Facebook verbringen.

Der Markt für persönliche Daten und deren Auswertung ist unübersichtlich. Es gibt erstaunliche Beispiele, aber die vorderste Front der Möglichkeiten bleibt unklar. In England wird ein System getestet, das die Preisschilder von Waren an die Personen anpasst, die gerade auf das Preisschild blicken. Die Hintergrundinformationen dafür zieht das System aus dem Smartphone des Kunden.

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Die privaten Genanalysen, mit denen Menschen Verwandtschaftsverhältnisse feststellen lassen, stehen auf dem Markt als Datenbasis zur Verfügung (eine Anwendung: Verbrechensbekämpfung).

Die persönlichen Daten, die in Aufzeichnungen durch tragbare Fitness-Monitoren („Fitness Trackers“) anfallen, gelten als hoch aussagekräftig und stehen in Datenbanken zur Verfügung, wo differenzierte Gesundheitsdaten gefragt sind, z.B. bei Lebens- und Krankenversicherungen, aber auch bei Einstellungen in Konzernen.

Wenn Sie bei einem in Facebook angebotenen Test „Was sagt Ihre Handschrift über Sie aus?“ mitmachen, landen die Ergebnisse wahrscheinlich bei Cambridge Analytica, der Firma, die für Präsident Trump die automatisierte und personalisierte E-Mail-Kampagne durchgeführt hat – mit unerwartet großem Erfolg. Man kann davon ausgehen, dass dort die vorderste Front der massenhaften Datenauswertung von persönlichen Daten und deren manipulative Anwendungen zu finden ist.

Wann immer Sie Google Maps benutzen, verraten Sie Ihren Standort und hinterlassen einen Pfad für Polizei, Verbrecher, Hacker und möglicherweise für Kriminelle, in jedem Fall immer für die Datensammler und die „Händler in Beachtung“.

In diesem Terrain ist die Frage der „Datensicherheit“ eine Farce geworden. Unsere Privatheit (Privacy) ist uns entglitten. Wir haben sie der Wirtschaft übergeben. Damit kann im Ernstfall auch die politische Führung auf sie zugreifen. Der Verlust ging so langsam und unspektakulär vonstatten, dass er nicht einmal bewusst wahrgenommen wurde. Wenn man heute Leute auf diese Situation anspricht, antwortet die Mehrheit: Ja, aber dafür haben wir uns vernetzt; unser Horizont hat sich erweitert; wir denken und leben global und möchten auch die tausend Bequemlichkeiten nicht mehr missen. Der Radikalste gesellschaftliche Umschwung drückt sich in dem Satz aus: „… und außerdem habe ich nichts zu verbergen.“ Wir leben in einem benevolenten Überwachungsstaat, der aber auf jeden Einzelnen zugreifen kann, wenn er will.

Huxleys „Brave New World“ aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist wahr geworden. Alle sind zufriedene Zombies. Nur der komische „Wilde“ will souverän sein. Er liest längst vergessene Bücher wie solche von Shakespeare.

Anmerkung: Der Ausdruck „Brave New World“ ist von Shakespeare übernommen und hat heute eher die Bedeutung: „Wackere neue Welt.“

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Über den Autor

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Dr. Hartmut Grebe hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeitet. Außerdem betreibt Dr. Grebe die Webseite www.lebensschmiede.com

 

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