Der Spiegel – Das Sturmgeschütz ohne Munition

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_von Kai Homilius


Seine Leser wissen mehr. Mit diesem Slogan warb der Spiegel jahrzehntelang um die Gunst seines Publikums. Offensichtlich lange sehr erfolgreich. Der Gründer und spätere Herausgeber, Rudolf Augstein, nannte sein Blatt öfter „das Sturmgeschütz der Demokratie“. Es war sein Selbstverständnis von Journalismus in Zeiten von Mauerbau und Kaltem Krieg. Das ging lange gut. Die Auflage lag 1989 stabil über einer Mio. Eine Zäsur waren die Ereignisse in New York und Washington am 11.09.2001. Unter der Regie von Aust schrieben führende Autoren zu den Anschlägen sogar gegen ihren eignen Herausgeber. Augstein, damals schon geschwächt, vermochte sich offensichtlich nicht durchzusetzen. An den Geschäftszahlen ließ sich diese Umkehr auch nicht ablesen. Die Auflage wuchs sogar noch weiter. Jedoch wurde seit Anfang des Jahrtausends der kritische Journalismus über Bord geworfen. Teils waren die Ergüsse unerträglich und nagten entscheidend am Label „investigativ“. Irgendwann musste Aust gehen. Undenkbar, Aust wechselte zu Axel Springer. Es kam noch schlimmer: In die Führungsetage hielten ehemalige Kollegen von Springer Einzug und verschwanden dann bald wieder. Der Spiegel frönte fortan der political correctness und wurde blass und blässer.

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Seit 1998 verlor der Spiegel an Auflage um 21 Prozent, wird vermeldet. Die tatsächlichen Quartalszahlen sehen eigentlich noch schlimmer aus. Denn der Spiegel zehrt von den starken Abozahlen. Und Abonnenten sind oft sehr treue Fans. Sie gehen als letzte von Bord. Um den wöchentlichen Käufer am Kiosk muss dagegen hart gekämpft werden. Verschwimmen die Unterschiede zwischen den Blättern, sinkt die Auflage. Lag der Einzelverkauf 2010 noch stabil über 320.000 Exemplaren, so muss heute um die Grenze von 230.000 hart gerungen werden. Der Verlust von fast 30% spricht Bände.

Und nun die Meldung (http://www.tagesschau.de/inland/spiegel-stellenstreichung-101.html), dass der Spiegel 20 Prozent seiner Stellen abbauen muss. Das wird nicht das Ende der Fahnenstange sein. Welche unrühmliche Rolle die ehemaligen Axel Springers in der Chefetage gespielt haben, lässt sich nur erahnen, wo dessen Vorstandschef schon vor mehr als zehn Jahren auf die Digitalisierung gesetzt hat. Ganz falsch nach US-amerikanischem Vorbild. Was jenseits des Teichs als Flucht nach vorn angesehen wird, wird zum Fluch für alle Apologeten des amerikanischen Way of Life in deutschen Verlagshäusern. Die Medienlandschaften und Zeitungskulturen unterscheiden sich beträchtlich. Noch und zum Glück möchte man sagen.

Schon seit einiger Zeit wirbt der Spiegel mit einem neuen Slogan: „Keine Angst vor der Wahrheit.“ Folgt bald „Keine Angst vor dem Ende“?

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