Der Schlag gegen die `Ndrangheta: Nichts als heiße Luft

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An der nordöstlichen Küste Kalabriens, unweit einer der größten Hafenstädte Italiens, liegt Palmi, ein kleiner Touristenort mit pittoresker Küste: Feinster Sandstrand, durchbrochen von schroffen Felseninseln, die jedem Hobbyfotografen das Herz höherschlagen lassen. Der Anblick jener zerklüfteten Gestade, der Geruch der Macchia, das Zirpen der Zikaden: All das versetzt jeden Touristen in eine mediterran-romantisierte Gefühlswelt. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Kaum jemand ahnt, dass die Region fest in der Hand der am schnellsten wachsenden und gefährlichsten Verbrecherorganisation ist: der `Ndrangheta. In Palmi regierte bis vor einer Woche die `Ndrina Gallico mit ihrem Chef Filippo Morgante (48), der seit einem Jahr fieberhaft gesucht wurde. Jetzt ging der „Quintino“, einer der ranghöchsten Führer der Organisation, den Cacciatore – einer Spezialeinheit der Antimafiapolizei – ins Netz. Bei der internationalen Razzia in Deutschland, Italien, Belgien, Schweiz und den Niederlanden versetzten die Polizeikräfte der `Ndrangheta ebenfalls einen massiven Schlag.

Seit mehr als einem Jahr liefen europaweit verdeckte Ermittlungen, die nun in einer konzertierten Aktion zuschlugen. Hunderte von Polizeibeamten, auch vom Bundeskriminalamt (BKA), haben dutzende von Wohnungen, Pizzerien, Restaurants, Privathäusern und Firmen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Berlin durchsucht. Knapp 20 Haftbefehle wurden vollstreckt, 65 Objekte durchsucht und einige Restaurants geschlossen. Die großangelegte Razzia wurde im Zusammenwirken der Europäischen Union (Eurojust) koordiniert, und selbst in Südamerika gab es entsprechende Einsätze.

Doch was in den Medien als bemerkenswerter Erfolg verkauft wird, ist bei genauem Hinsehen ein lächerlicher Schritt. Die großen Clans der Strangio, Barbaro, Nirta, Pelle, Belloco oder Mammoliti haben halb Europa im Griff, Behörden unterwandert, Netzwerke mit Firmen installiert, hervorragende Verbindungen bis in höchste Regierungskreise geknüpft, so dass sie zumeist längst vorgewarnt sind, wenn Polizeieinsätze geplant oder durchgeführt werden. Diese Clans verfügen über enorme Geldsummen, machen alleine im illegalen Müllgeschäft mehr als 50 Milliarden Jahresumsatz und investieren ständig in neue Geschäftszweige. Und nichts kann sie davon abhalten, weiter zu wachsen.

Mafia-Mitglieder sind nahezu alle miteinander verwandt

Wie schwer es ist, diesen verschwiegenen Organisationen wie der Cosa Nostra oder `Ndrangheta auf die Spur zu kommen, hängt nicht nur mit ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung zusammen, sondern gründet auch auf der Tatsache, dass die Mitglieder nahezu alle blutsverwandt sind. Die Basis der ‚Ndrangheta sind die einzelnen ’ndrine, also Clans, die aus den Mitgliedern einzelner Familien bestehen (die oft durch arrangierte Ehen erweitert werden). Jede ‚Ndrina hat ein klar abgegrenztes Territorium, genannt „locale“, unter sich aufgeteilt, das nicht immer genau mit administrativen Zonen übereinstimmt: Es kommt vor, dass eine Stadt in mehrere „locali“ aufgeteilt ist, oder dass mehrere Städte zu einer „locale“ gehören. Die Crimine steht über allen „locali“, egal wo auf der Welt sie sich befinden, und jeder muss sich ihren Befehlen bis aufs Letzte unterordnen.

Jede „locale“ hat mindestens 49 Mitglieder und untersteht einem capo locale, der auch als „capo bastone“ (oberster Stab) bezeichnet wird – benannt nach dem Stab, den Schäfer benutzen, um ihre Herde zusammenzutreiben. Dieser organisiert die kriminellen Aktivitäten seines Territoriums, beraumt Treffen ein, entscheidet über Aufnahmen oder Beförderungen und löst Konflikte. Genau wie dem Capo Crimine in der zentralen Führung der ‚Ndrangheta steht auch jedem Capo Locale ein Capo Società zur Seite, eine Art Manager, ein mastro di giornata, der seine Anweisungen an die Untergebenen weitergibt, sowie ein Contabile. Dieser verwaltet die Einnahmen aus den illegalen Aktivitäten, die auch als valigetta (Aktenkoffer) bezeichnet werden.

Die Mafia – Der Pate | Foto: Marcin Roszkowski; Shutterstock.com

Es klingt unwahrscheinlich, aber bis heute, während ich diesen Artikel schreibe, treten junge Menschen kriminellen Organisationen durch archaische Rituale bei – nicht nur in Italien, sondern auf der ganzen Welt. In der Nacht vom 15. August 2007 vollzog sich in Duisburg, mitten im scheinbar so friedlichen Deutschland, der letzte Akt einer 16 Jahre andauernden Fehde. Die Nirta-Strangio und die Pelle-Vottari – die zwei mächtigsten Clans aus San Luca, dem kalabrischen Dorf, das als Hauptsitz der ‚Ndrangheta gilt – lagen seit 1991 miteinander im Streit. Der kalabrische Hafen Gioia Tauro gilt als einer Hauptumschlagplätze der `Ndangheta, und ich wage zu behaupten, dass sich kaum jemand aus der Arbeiterschaft bis hin zu Verwaltung, Zollabfertigung oder Leitungsebene der `Ndrangheta entgegenstellen würde. Hier wird am ganz großen Rad gedreht.

Und während bei den internationalen Razzien etwa 20 Personen verhaftet wurden, ist man sich auch im BKA darüber im Klaren, dass der Einsatz dieser Organisation kaum einen entscheidenden Schlag versetzt hat. Alleine in Deutschland gibt es mehr als 1200 Mitglieder. Schon seit den siebziger Jahren hat sich die ‚Ndrangheta in Deutschland festgesetzt. Überwiegend leben die Mitglieder und Unterstützer der als wirtschaftlich besonders potent geltenden Gruppierungen aus Kalabrien in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Die Behörden stellten auch Mitte der neunziger Jahre fest, dass nach der Wende einige ‚Ndrangheta-Angehörige in den Raum Erfurt, Leipzig und Dresden gezogen waren und dort Restaurants eröffnet hatten. 2011 zeigte sich eine leichte Verschiebung in den Berliner Raum, wobei hier wohl vor allem Lokale betrieben wurden; die Wohnsitze in Erfurt aber blieben bestehen.

Derzeit sind dem Bundeskriminalamt 283 mutmaßliche Mitglieder der ‚Ndrangheta in Deutschland bekannt. Bei den in hierzulande am stärksten vertretenen Gruppierungen handelt es sich um die Clans Romeo-Pelle-Vottari und Nirta-Strangio aus San Luca sowie Farao-Marincola aus Cirò. Natürlich ist nicht jeder, der einen der betreffenden Nachnamen trägt, ein Mitglied der Mafia. Das gilt auch für alle folgenden Mafia-Gruppierungen und alle Clannamen. Die größten ‚Ndrangheta-Clans in Deutschland sind derzeit die Carelli, Critelli, Farao und Nirta. Auch hier zeigt sich, dass die Familien den Westen und Süden Deutschlands bevorzugen. Die große Gemeinschaft dort lebender unbescholtener Landsleute bietet den Kriminellen Deckung: Die halten still aus Angst, aus Verbundenheit oder auch der finanziellen Vorteil wegen.

Just zum Zeitpunkt der Polizeiaktion führte man auch Razzien in Sizilien durch. Auch hier kam es zu einer so genannten bedeutsamen Verhaftung. Dutzende Mitglieder der Cosa Nostra wurden in Palermo festgenommen – unter anderem auch der neue „capo di capi“, Settimo Mineo, sowie 45 Verdächtige aus dessen nächstem Umfeld. Der 80-jährige Juwelier sollte den Platz des im vergangenen Jahr gestorbenen Toto Riina an der Spitze der kriminellen Organisation einnehmen und in der „Cupola“ mit weiteren Mitgliedern das „Zepter“ übernehmen.

Was uns die offizielle Berichterstattung, aber auch die deutsche Presse als Top-Meldung verkauft und damit suggeriert, man habe damit die Hydra der Mafia zerschlagen, ist schlicht ein Witz. Don Settimo Mineo wird niemals im Gefängnis verrotten, wie sich das Innenminister Matteo Salvini vorstellt. Mineo wird aufgrund der Gesetze in Italien hinsichtlich seines Alters schlimmstenfalls zu Hausarrest verdonnert. Ab dem 75. Lebensjahr wird in Italien niemand mehr auf Dauer eingesperrt.

Matteo Messina Denaro ist der wahre „capo di capi“ – bekannt unter dem Spitznamen „Diabolo“: Teufel. Der milliardenschwere Mafiosi ist seit 20 Jahren untergetaucht. Es gibt von ihm weder neue noch authentische Bilder. Er gilt als der „legitime“ Nachfolger von Riina und Provenzano. Und Don Settimo ist nicht mehr als ein Bauernopfer, das von der tatsächlichen Dramatik ablenken soll.

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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