Als «Ritter der Lüfte» bewunderte man die härtesten Einzelkämpfer des Ersten Weltkriegs. Den erfolgreichsten von ihnen, das Ass der jungen deutschen Luftwaffe, bedachten seine Feinde mit einem Ehrennamen. Heute jährt sich sein Todestag zum 100. Male.

    Der 23-jährige Leutnant Manfred von Richthofen fuhr im Oktober 1915 per Sonderzug nach Metz (Lothringen). Im Speisewagen begegnete er einem Offizier, der das Flugzeugführerabzeichen trug. Es war Oswald Boelcke, der bis dato erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkriegs. Seine Schilderungen von Luftkämpfen beeindruckten Richthofen so sehr, dass er beschloss: Ich will Jagdflieger werden. «Wohl immer hat bei ihm der Entschluss festgestanden, in der von ihm erwählten Laufbahn Außerordentliches zu leisten», schrieb Manfreds Bruder Bolko in seinen Erinnerungen.

    Manfred Freiherr von Richthofen wurde am 2. Mai 1892 in Breslau als Sohn eines preußischen eine ursprünglich aus Bernau in der Mark Brandenburg stammende, 1661 geadelte Dynastie. In ihrer Familienchronik steht der Spruch: «Reicht auch der Stammbaum nicht ins graue Altertum Ist’s dennoch ein gar altes, wackeres Geschlecht; Kristallhell, ungetrübt blieb seines Namens Ruhm, Hoch hielt es stets die Wahrheit, Ehre und das Recht.»

    Manfreds Familie zog neun Jahre nach seiner Geburt ins schlesische Schweidnitz. Als Absolvent der renommierten Kadettenanstalt Wahlstatt trat der begeisterte Reiter und Jäger 1911 ins 1. Westpreußische Ulanen-Regiment ein. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er zunächst Führer von berittenen Patrouillen. Vom lothringischen Diedenhofen aus überquerte sein Regiment Luxemburg und ritt anschließend durch Belgien. Gleich bei seinem ersten Gefecht nahe der belgischen Kleinstadt Virton am 21. August 1914 stieß er auf eine zahlenmäßig weit überlegene französische Kavallerietruppe, welche von seinen Männern in die Flucht geschlagen wurde. Stolz notierte Richthofen: «Es liegt wohl im Blute eines Germanen, den Gegner, wo man ihn auch trifft, über den Haufen zu rennen, besonders natürlich feindliche Reiterei.» Mehrere hitzige Scharmützel folgten, und nach einem besonders heftigen Kampf vor Verdun Ende September 1914 meinte der künftige Fliegerheld prophetisch: «Wenn ich lebendig aus diesem Krieg hervorgehen sollte, hätte ich mehr Glück als Verstand.»

    Als 1914/15 die Westfront im Grabenkampf erstarrte, bat der junge Leutnant um Versetzung zur Fliegertruppe. Ab 6. Juni 1915 begann seine Ausbildung bei der Flieger-Ersatzabteilung 7 in Köln, aber nicht zum Piloten, sondern zum Beobachter. Doch er sah seine Berufung schon klar vor sich: «Nur Beobachter werden, das liegt mir nicht. Flugzeugführer will ich werden und, wenn es glückt, der beste von allen!»

    Die Militärfliegerei steckte damals noch in den Kinderschuhen. Namentlich die deutsche Führung bevorzugte anfangs größere Luftschiffe, die als mobile Bombenabwurfstellen dienten. Gegenüber Flugzeugen herrschte das Vorurteil: «Wenn sie zu hoch fliegen, sehen sie nichts, und wenn sie zu niedrig fliegen, werden sie abgeschossen.» Es wurden jedoch zu Kriegsbeginn vor allem die trägen und windanfälligen Luftschiffe abgeschossen, so dass man schnell auf leistungsfähige Flugzeuge umstellen musste.

    Zunächst trugen diese Maschinen kaum eine Bewaffnung und wurden vor allem zur Beobachtung feindlicher Frontlinien eingesetzt. Die ersten Bomber nutzten als Waffe sogenannte Fliegerpfeile, kurze, angespitzte Metallstangen, die per Hand abgeworfen wurden und naturgemäß kaum Schaden anrichteten. Anfang 1915 wurden die ersten Flugzeuge der Fokker- und Albatros-Werke mit starr montierten Maschinengewehren ausgerüstet. Den Durchbruch erreichte der Konstrukteur Anton Fokker im April 1915. Er entwickelte das «Unterbrechergetriebe». Dabei wurde ein parallel zur Motorachse feuerndes Maschinengewehr so in das Flugzeug eingebaut, dass der Mechanismus des Abfeuerns jedes Mal so lange blockiert blieb, bis das Propellerblatt die MG-Mündung passiert hatte. Damit war ein ständiges Dauerfeuer nach vorn möglich und die Luftkriegführung erlebte eine erste Revolution.

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    Richthofen wurde ab Oktober 1915 im belgischen Ostende als Beobachter eingesetzt – eine Verwendung, die ihn schnell langweilte. Also absolvierte er in Metz seine Ausbildung zum Flugzeugführer. Die bestand er jedoch erst im dritten Anlauf Ende Dezember 1915. Sehr vielversprechend schien dieser junge Flieger nicht zu sein. Aber Richthofen liebte den Aufstieg in die Lüfte: «Das ist ja aber gerade das Schöne, dass man sich vollständig als freier Mensch fühlt und vollkommen sein eigener Herr ist, wenn man mal in der Luft ist.»

    Er nutzte seine Bekanntschaft mit dem Flieger-Ass Oswald Boelcke, der ihn Anfang September 1916 zu seiner bei Cambrai stationierten Jagdstaffel 2 holte. Am 17. September erzielte Richthofen über dieser französischen Stadt seinen ersten Luftsieg. Sein Bericht darüber: «Nur immer der eine Gedanke: Der muss fallen, mag kommen, was da will! Da, endlich ein günstiger Augenblick. Der Gegner hat mich scheinbar verloren und fliegt geradeaus. Im Bruchteil einer Sekunde sitze ich ihm mit meiner guten Maschine im Nacken. Eine kurze Serie aus meinem Maschinengewehr. Ich war so nahe dran, dass ich Angst hatte, ihn zu rammen. Da plötzlich, der Propeller des Gegners dreht sich nicht mehr. Getroffen! Der Motor war zerschossen, und der Feind musste bei uns landen, da ein Erreichen seiner eigenen Linien ausgeschlossen war.»

    Richthofen flog damals einen Albatros-D.II-Doppeldecker, das Standardflugzeug der kaiserlichen Jagdwaffe mit 160 PS, 175 km/h Geschwindigkeit und 6.000 Meter Gipfelhöhe sowie zwei leichten MG. Richtig ernst wurde die Situation am 23. November 1916. Boelckes Staffel traf über Bapaume auf den bisher erfolgreichsten britischen Jagdflieger Major George Lanoe Hawker. Auf seiner Albatros- Maschine verwickelte Richthofen den Gegner in ein Gefecht und schoss Hawker ab. («Mit ihm den schwersten Kampf gehabt, der mir bisher vorgekommen ist.») Nach seinem 18. Luftsieg erhielt er im Januar 1917 den Orden Pour le Mérite, die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung. Gleichzeitig übernahm er die Führung der bisher erfolglosen Jagdstaffel 11 in Douai. Drei Monate später verzeichnete diese Einheit bereits 125 Abschüsse bei nur zwei eigenen Verlusten.

    Beim Gegner war Richthofens Staffel genauso gefürchtet wie angesehen. «Fliegender Zirkus» nannte man seine Truppe wegen der farbenfrohen Bemalung ihrer Flugzeuge und aufgrund ihrer oft überraschenden Standortwechsel. Richthofen war mittlerweile auf einen Fokker-Dr.I-Dreidecker umgestiegen, der mit 160 km/h zwar nicht besonders schnell, dafür aber extrem wendig war. Diesen ohnehin schon markanten Flieger versah er nicht mit dem üblichen Tarnanstrich. «Aus irgendwelchen Gründen kam ich eines schönen Tages auf den Gedanken, mir meine Kiste knallrot anzupinseln. Der Erfolg war der, dass sich mein roter Vogel jedem Menschen unbedingt aufdrängte. Auch meinen Gegnern schien dies tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben zu sein.» In der Tat, wegen seines auffälligen Äußeren tauften ihn die Briten «Red Baron» (Roter Baron), die Franzosen «Diable rouge» (Roter Teufel).

    Im April 1917 bereitete die Jagdstaffel 11 dem Royal Flying Corps eine desaströse Niederlage. Richthofen schoss an einem einzigen Tag, dem 29. April 1917, vier gegnerische Flugzeuge vom Himmel. Die englischen Flieger sprachen vom «bloody April», dem blutigen April. Bei den Briten wurde der Rote Baron nun so gefürchtet, dass man für seinen Abschuss das Victoria Cross, die höchste englische Kriegsauszeichnung, sowie eine Prämie von 5.000 Pfund auslobte. Dabei ging man an der Front durchaus ritterlich miteinander um. Britische Flieger, die ihren Abschuss überlebten, wurden von ihren deutschen Offizierskollegen regelmäßig mit einem opulenten «Trostfrühstück» bewirtet, bevor sie sich in Gefangenschaft begaben.

    Richthofens legendäre Erfolge beruhten auf Jagdinstinkt, gepaart mit eiserner Disziplin. Fliegerische Tollheiten wie Loopings oder Kopfüberflüge lehnte er als «Blödsinn, der in einem Luftkampf nichts zu suchen hat» ab. Er griff seine Kontrahenten nur an, wenn er sich in eine taktisch überlegene Position gebracht und möglichst die Sonne im Rücken hatte. Er nannte es, «den Gegner taktisch zurechtlegen».

    Im Juni 1917 (Oswald Boelcke war schon Ende Oktober 1916 im Luftkampf gefallen) übernahm Richthofen die Führung des aus vier Staffeln bestehenden Jagdgeschwaders 1 mit 40 bis 50 Maschinen. Diese Staffeln agierten in einer Höhe von über 5.000 Metern. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, durchgebrochene feindliche Aufklärer und Bombenflugzeuge zu vernichten. Ihr Einsatz erwies sich dem britischen und französischen System als überlegen, weil sich die deutschen Geschwader durch ihren stoßweisen Masseneinsatz meist den Luftraum freikämpfen konnten, während die alliierten Jagdflieger ihre Hauptkräfte beim Sperre-und Begleitschutzfliegen verzettelten.

    Am 6. Juli 1917 wurde der inzwischen zum Rittmeister (Hauptmann) Beförderte im Luftkampf über der nordfranzösischen Ort Deulémont schwer am Kopf verwundet und musste, nahezu erblindet, notlanden. Kaum wieder genesen, stieg er nach vier Wochen in seinen roten Fokker-Dreidecker und errang insgesamt 80 Luftsiege, mehr als jeder andere Pilot im Ersten Weltkrieg. Ende 1917 gehörte Richthofen zu den populärsten Kriegsheroen Deutschlands. Er wurde sogar ins Kaiserliche Hauptquartier eingeladen. Hier begegnete ihm der österreichische Außenminister Graf Ottokar Czernin.

    Der fragte den Piloten, wie er denn zu seinen großen Erfolgen käme. Die Antwort: «Es ist sehr einfach, man muss nur ganz nahe an den feindlichen Flieger heran, und dann fest schießen – dann fällt der andere herunter. Nur muss der Mensch den ”eigenen Schweinehund” besiegen und sich nicht davor scheuen, ganz nahe an den Gegner heranzufliegen.» Beeindruckt notierte Czernin: «Moderne Helden!»
    Allerdings ging dieser Krieg nicht spurlos an Manfred von Richthofen vorüber. «Mir ist nach jedem Luftkampf erbärmlich zumute», schrieb er kurz vor seinem Tod. «Wenn ich meinen Fuß auf dem Flugplatz wieder auf den Boden gesetzt habe, dann mache ich, dass ich in meine vier Wände komme, will niemanden sehen und von nichts hören (…) Es ist nicht so, wie die Leute in der Heimat sich das vorstellen, mit Hurra und Gebrüll, es ist alles viel ernster, verbissener.»

    Am 21. April 1918 führte der «Rote Baron» sein letztes Gefecht. Im Luftkampf mit dem kanadischen Jagdflieger Arthur Roy Brown ging er über Vaux-sur-Somme zum Tiefflug über und wurde vom Boden durch ein Geschoss aus einem australischen Maschinengewehr tödlich getroffen. Er konnte noch hinter den feindlichen Linien landen und verstarb dort sofort.

    Hauptmann Brown schilderte seine Eindrücke an der Absturzstelle: «Man hatte seine Kappe entfernt, blondes, seidenweiches Haar, wie das eines Kindes, fiel von der breiten, hohen Stirn. Sein Gesicht, besonders friedlich, besaß einen Ausdruck von Milde und Vornehmheit. Und plötzlich fühlte ich mich elend, unglücklich, als hätte ich ein Unrecht begangen. Kein Gefühl des Triumphes konnte aufkommen, dass dort Richthofen lag, der Größte von allen!» Am 22. April wurde der tapfere Flieger von den Briten mit allen militärischen Ehren in Bertangles bei Amiens beigesetzt. Heute liegt er im Familiengrab der Richthofens auf dem Südfriedhof von Wiesbaden.

    Bolko Freiherr von Richthofen schrieb über seinen Bruder: «Vielleicht mögen anfangs Ehrgeiz und Sportlust starke Triebfedern für Manfreds Entschluss gewesen sein, vom Sattel in den Führersitz seines weltberühmten roten Kampfflugzeuges zu steigen. Je härter und schwerer aber die Kämpfe, je bedeutungsvoller der Luftkrieg für Deutschlands Schicksal und je größer Manfreds eigene Verantwortung wurden, um so ernster wurde bei aller Heiterkeit und Zuversicht des Geistes sein unbeugsamer Wille, allein und ausschließlich das Beste zu tun und zu geben für Volk und Vaterland.»

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