Der Papst geht

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Rückblick: Die Religionen bleiben unter Druck. Von Andreas Rieger

«Wir» sind bald nicht mehr Papst. Diese Nachricht beherrschte die Medien in dieser Woche. Die Sensation ist schnell erzählt: der Papst fühlt sich aus Altersgründen nicht mehr in der Lage das Kirchenschiff zu führen. Im fortgeschrittenen Alter konnte der «einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn» dem gnadenlosen Programm eines Staatsoberhauptes und Kirchenführer nicht mehr standhalten. Er wird so zum seltenen Beispiel eines Mannes, der freiwillig auf die ihm verliehene weltliche Macht verzichtet.

Die Gründe sind einfach: Wie kein Zweiter musste der Papst sich nicht nur einem Berg von Aufgaben stellen, sondern er hatte auch mit Intrigen und Skandalen – immer unter den verschärften Bedingungen unseres Medienzeitalters – umzugehen. Der andauernde Ruf nach «Reformen» des Apparates mag er vernommen haben, es fehlte ihm aber an der Kraft zu deren Ausführung, ohne gleichzeitig die Existenzform der Kirche zu berühren.

Eine ganze Amtszeit lang musste der gute Rhetoriker auch seine Zunge im Zaum halten, in Deutschland und in der Welt auf unzählige Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Den einen ging er nicht hart genug gegen Kinderschänder in Roben vor, den anderen war er zu grob im Umgang mit Andersgläubigen. Zudem verprellte Ratzinger auch Muslime und Kirchenkritiker mit einer manchmal ungeschickten Auswahl von Vergleichen und Pointen.

Dabei war er immer auch der machtbewusste Papst, insbesondere auch im Umgang mit der Konkurrenz, sodass er zum Beispiel auf seinem Kölner Besuch – der in die deutsche Geschichte eingehen wird – nicht etwa die Muslime und ihre Moschee besuchte, sondern sie schlicht zur Audienz einbestellte. Beim Gang durch die Kölner Innenstadt missfiel dem Konservativen, dass die Begeisterung der Menge die Formensprache von Popkonzerten annahm.

Der scheidende Papst könnte als ein «Katechon», also ein Aufhaltender, in die Geschichte eingehen. Denn im Kern ging es ihm um die Wahrung von festen Formen – in einer sich de facto in Auflösung und Aufruhr befindlichen Kirchengemeinde. Der Papst wollte mit dem christlichen Ritus die Moderne beeinflussen und nicht etwa rituell modern sein. Die Abschiedsworte waren also nicht zufällig auf Latein verfasst. Seine Sprache war immer ein Symbol dafür, dass der Papst nie willens war, dem Kirchenvolk einfach nach dem Mund zu reden.

Hinter ihm liegt ohne Frage eine enorme Kraftanstrengung, die es auch brauchte, um der andauernden Versuchung des Populismus zu widerstehen – gerade in einer Zeit, die zu Nivellierungen neigt. Unter weltstaatlichen Verhältnissen sollen die verschiedenen Glaubensbekenntnisse sich möglichst geräuschlos anpassen und in ihren Nischen keine weitere politische Relevanz beanspruchen. Es ist wahrscheinlich, dass die Religionen in Europa – ähnlich wie Gewerkschaften oder Bürgerbewegungen – auch weiterhin in einer Zeit der völligen Individualisierung einen schweren Stand haben werden.

«Was wird aus der Kirche?», hieß es gleich zwei Mal bei Günther Jauch in diesem Monat, vor Millionenpublikum und mit skeptischem Unterton präsentiert. Die Kirchen-AG, als sozialer Dienstleister und Wirtschaftsunternehmen, hat auch in Deutschland nicht nur enorme Steuervorteile, sondern auch ein wachsendes Legitimationsproblem. Tritt die Kirche für ihre tieferen Überzeugungen ein, wie zum Beispiel den Schutz des Lebens, wird sie vom Publikum auch bedenklich schnell ausgelacht.

Die Provokation der Kirche bleibt, denn sie ist, wie Carl Schmitt einst formulierte, ein «complexio oppositorum». Der «Katholizismus als politische Form» verbindet noch immer auf beinahe einmalige Weise Elemente der Monarchie, Aristokratie und Demokratie.

Der Papst verteidigte in diesem Sinne nicht nur seine Autorität, sondern auch – aus seiner Sicht – wesentliche Glaubensinhalte und die Form der Kirche selbst, die er durch eine schnelle Demokratisierung und den launischen Zeitgeist gefährdet sah. Das Religionen eine eigenständige und besondere Form haben, bleibt zu Zeiten eines in der Öffentlichkeit oft aggressiv auftretenden Säkularismus umstrittener denn je.

Den Kern des Glaubens und die offizielle Glaubensausübung sah der scheidende Papst und Kirchenrechtler nicht für Abstimmungen geeignet an. Die Politisierung des originären Kirchenrechts, auch durch wenig bibelfeste Parteien, war ihm ein weiteres Gräuel. Für diese unbequeme Positionen gegen die, wie er es nannte, «Diktatur des Relativismus» nahm er herben Gegenwind in Kauf.

Die Relativierung christlicher Werte, als Wert unter Werten, in einer von ökonomischen Werten dominierten Zeit, verunsichert heute viele Christen. Hier fehlt es Papst und Kirche an einer klaren Alternative, an Tatkraft und intellektueller Überzeugung; und vielleicht auch – zumindest wenn man an die Vatikan-Bank denkt – auch an entsprechender Macht.

Die ur-christlichen Positionen zum Zins, zu den Banken oder zur «Ethik der Geldproduktion» hört man nicht mehr von der Amtskirche, sondern nur noch von einigen Außenseiter. Der Kapitalismus mitsamt seiner wundersamen Geldvermehrung ist selbst Religion geworden. Der alte Vorwurf des Opportunismus der Kirche gegenüber der Macht, heute also der ökonomischen Macht, hier klingt er wieder an.

Der deutsche Papst geht also in die Stille und hinterlässt nicht nur in Deutschland eine Kirche unter enormen Spannungen. Der Einfluss Europas in der Weltkirche, die jedes Jahr 500 Millionen Euros für Missionierung ausgibt, wird nach dieser Amtszeit zurückgehen. Auch wenn die Sprache des deutschen Papstes oft barock war, muss man anerkennen, dass er die Fragen nach Sinn und Bedeutung des Glaubens im Zeitalter des Nihilismus auf höchstem Niveau formulieren konnte.

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1 Kommentar

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    Christian Baumgarte am

    Geehrte Deutsche ,
    Papst Bennedikt der 16.te hatte in seinem ganzen Pontifikat versucht die Kirche von innen
    zu säubern . Das hatte als Folge Ihm auch sehr an der Gesundheit gezerrt .
    Die Konsequenz des Kampfes gegen „einige Windmühlen“ ist sein Rücktritt ,auch um sein
    Leben nicht als Märtyrer beenden zu müssen .
    Intriegen,seltsame Nebendelikte bestimmter Kardinäle und die unsaubere Vatikanbank
    haben dem Papst viel Kummer bereitet . Das Er das vor der Öffentlichkeit der Main-
    streammedien verbergte und ertrug ist IHM hoch als Tapferkeit in den Jahren
    anzurechnen .
    Herzlichen Gruß an Chefredakteur Jürgen Elsässer .
    Bin selber nun ohne Arbeit als freier Journalist und Handwerker , freue mich aber immer
    einen Beitrag für Compact zu leisten und auf das neue Magazin im März 2013 .

    Freundlichen Gruß Christian Baumgarte Münster

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