Der Osten leuchtet: Die goldenen Jahre des DDR-Fußballs

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In den 1970er Jahren erlebte die DDR-Nationalmannschaft ihre Blütezeit, Jürgen Sparwasser wurde bei der WM 1974 zur Legende. Doch die Erfolge waren nicht von Dauer. Ein Textauszug aus COMPACT-Spezial Nr. 17 «Nationalsport Fußball».

_ von Martin Müller-Mertens

Die Bild-Zeitung war sich der Sache sicher. «Deshalb werden wir heute siegen», titelte das Blatt am 22. Juni 1974. Wer «wir» war, das verriet die Anzeigetafel im Hamburger Volksparkstadion in vollendeter Arroganz: Angeschlagen war dort die Begegnung «Deutschland» gegen «DDR». In der Gruppe 1 der WM-Vorrunde konnten sich die Auswahlen der verfeindeten Brüder nicht aus dem Wege gehen.

1.500 sogenannte Touristen hatte die DDR nach Hamburg entsandt. Ihr Schlachtruf «Acht, neun, zehn – Klasse» konnte nur am Schreibtisch eines Funktionärs entstanden sein. Für die neu eingeführte Zwischenrunde waren beide Mannschaften bereits qualifiziert. Besonderen Siegeseifer zeigten daher weder Bundesrepublik noch DDR. «Der Osten hält seine Mauer intakt», frotzelte doppeldeutig der britische Sunday Telegraph über den Verlauf.

Das Remis schien ausgemachte Sache, als Jürgen Sparwasser in der 77. Minute in einem Konter seine Chance erkannte. Flink ließ er Horst-Dieter Höttges neben Berti Vogts stehen und schenkte zum 1:0 ein. «Und es jubeln im Hamburger Volksparkstadion nicht nur DDR-Bürger. Das möchte ich festhalten», vergaß der Kommentator des DDR-Hörfunks auch in der Sekunde des Triumphes keinesfalls seinen Kampfauftrag.

Der Jubel der Ostberliner Offiziellen hielt sich dagegen in Grenzen. Das Neue Deutschland meldete am nächsten Morgen vor allem den nun errungenen Gruppensieg, weniger die Niederlage des Westens auf Seite 1 – jedoch unter den Glückwünschen des Zentralkomitees der SED zum Tag des Bauarbeiters.

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Der Trikottausch nach der Partie hatte in der Kabine stattzufinden – nach Aussagen des Mittelfeldspielers Harald Irmscher aus Rücksicht auf die Funktionäre. Auch Trainer Georg Buschner blieb emotionslos: «Ich möchte allen Aktiven bescheinigen, dass sie die taktische Konzeption gut verwirklicht haben.»

Tormaschine aus Magdeburg

Das 1:0 war sein Schicksal. Ergebnis und Datum auf dem Grabstein würden genügen, witzelte Jürgen Sparwasser einst. Doch der Tag im Juni lässt die eigentliche Leistung des Ausnahmestürmers oft in den Hintergrund treten. Der 1948 geborene Halberstädter war vor allem die Tormaschine des 1. FC Magdeburg, in dessen Blütezeit er von 1966 bis 1979 auflief.

111 Treffer schmücken alleine seine Ligastatistik. 1969 und 1973 gewann Magdeburg mit Sparwasser den Pokal, 1972 und 1974 die Meisterschaft. Am 8. Mai 1974 erhielt der Klub von der Elbe nach einem 2:0 Sieg über den AC Mailand als einziger DDR-Verein je den Europapokal – allerdings ohne Treffer durch Sparwasser. 1978 und 1979 folgten weitere Pokalsiege. Doch dann wurde es ruhig um den WM-Helden. Ein Trainerangebot schlug er aus, wechselte nach seiner Laufbahn als Assistent an die Pädagogische Hochschule Magdeburg.

Er sorgte für die Sensation: DDR-Stürmer Jürgen Sparwasser schoss das 1:0 gegen die BRD-Elf. Foto: picture alliance / dpa

1988 blieb er nach einem Spiel der Altherrenmannschaft in Saarbrücken. Die Anwesenheit der Elf «benutzten sportfeindliche Kräfte zur Abwerbung von Jürgen Sparwasser, der seine Mannschaft verriet», meldete die DDR-Nachrichtenagentur ADN. Der tatsächliche Grund für den Übertritt waren politische Repressionen gegen Sparwassers Tochter.

Der Jenaer Georg Buschner hatte 1970 die Zügel der Nationalmannschaft übernommen – elf Jahre lang sollte er sie nicht wieder aus den Händen geben. Nach seinem Tod im Jahre 2007 bezeichneten ihn Nachrufe als Trainer-Legende, doch tatsächlich war er zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Die ihn erlebten, haben unterschiedliche Erinnerungen. Ihre Beschreibungen reichen vom Genie an der Seitenlinie bis zum Leuteschinder ohne jede Moral.

Gut möglich, dass Buschner beides war. Seine Spieler nannten ihn «den Grafen», ob seiner Unnahbarkeit. Das Ministerium für Staatssicherheit, dem er sich 1969 per Handschlag verpflichtet haben soll, schätzte Buschner als «fachlich hervorragend», zugleich «ehrgeizig, skrupellos, charakterlos» ein. «Er übte praktisch eine absolute Autorität aus, duldete niemanden neben sich.»

Nach den Wirren der Anfangsjahre hatte sich im DDR-Fußball um 1970 durchaus eine Leistungsdichte entwickelt. Auch bei internationalen Begegnungen mussten die Clubs nicht mehr mit gesenkten Köpfen antreten. Nun galt es, das Material zu formen. Buschner setzte dabei auf deutsche Tugenden wie Disziplin und Athletik.

Bereits in seinem Ligaverein, dem heutigen Carl Zeiss Jena, hatte er sogenannte Stimulanzien entwickelt, eine Form der Prämienvergabe nach Leistung. Dieses Prinzip nahm Buschner in die Nationalmannschaft mit – auch nach der WM 1974. «Von 6.000 bis zu 8.000 D-Mark haben wir pro Spieler bekommen. Buschner hat das in drei Gruppen aufgeteilt», erinnert sich Torwart Jürgen Croy.

Sternstunde Olympia

1958 wurde Buschner Trainer beim damaligen SC Motor Jena. Den Verein führte er 1963, 1968 und 1970 zur Meisterschaft, 1960 zum Pokalsieg und in der Saison 1961/62 ins Halbfinale des Europapokals. Mit der DDR-Mannschaft feierte Buschner seinen ersten großen Erfolg bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Ein 2:2 gegen die Sowjetunion genügte nach damaligen Regeln beiden Mannschaften für Bronze – der Schlaftablettenkick in der Nachspielzeit sorgte nicht nur für ein Pfeifkonzert der 80.000 Zuschauer, sondern auch für Spekulationen über eine Absprache.

Doch vier Jahre später eroberte die – mit der A-Nationalmannschaft stets deckungsgleiche – Olympiaauswahl mit einem 3:1 über Polen in Montreal unumstritten Gold. In Moskau reichte es 1980 immerhin für Platz 2, wobei bereits Rudolf Krause auf dem Trainerstuhl Probe saß. Die Auftritte der DDR-Olympiaauswahl werden vom DFB bis heute gegen den Willen der FIFA als A-Nationalspiele gewertet.

Buschner stand längst auf der Abschussliste. Seine herrische Art missfiel den Sportfunktionären, die sich statt deutscher Tugenden zunehmend schöne Spiele wünschten. (Ende des Auszugs)

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Dies ist ein Auszug aus COMPACT-Spezial Nr. 17 «Nationalsport Fußball». Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung einfach hier oder auf das Bild oben klicken.


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4 Kommentare

  1. heidi heidegger am

    nicht dass ichichich hier was zu entscheiden hätte (*seufz*), aber: schwestern&brüder! -> nehmet den kopf aus dem dings und lasset den ball laufäään und lobet (mimimir) MMM -> er hat es drauf und kann es auch und gibt nicht auf und ist ein uneitler-ernsthafter-spitzenschreiber und sowieso m. e. ein *JE-trüffel-(roh?)diamant* oder irgendwie so. tia!

  2. heidi heidegger am

    zum thema: "der osten leuchtet"(?)-toller film mit Armin Mueller-Stahl, hihi.

    übrigens: Mme. (Masson) Pl.: Mmes. (schweiz. jeweils ohne Punkt) = gnädige Frau, meine Dame, heisst auf lat. mea domina, meine Herrin, hah!

  3. heidi heidegger am

    OT: [Livia am 11. Juli 2018 07:52… die Ballkinder (kriegen nie im leben nen job, jedenfalls nicht bei mir! /anm.hh) auf dem Foto singen auch nicht mit – wahrscheinlich kennen sie den Text nicht! Vom Arbeitersport meiner Kindheit hat sich der Fußball aber schon lange gelöst! Wo sind die Stehplätze für die einfache Mittelschicht geblieben?..]

    in der zweiten liga sind’s geblieben. als mainz05 noch am alten bruchwegstadion gegen st. pauli kickte (1:1) in der zwooten, zahlte ich schlappe acht mark für die steh-kurve! GABI sass damals (unerkannt von mir) bereits bei sekt und häppchen im VIP-container kostenlos). nein, sie stand und sass nicht, denn der container war so peinlich wie eh mainz05 an sich, hihi.

    • heidi heidegger am

      OT(2): wo sind meine heidi-apostel @PETER&PAUL, häh? ja-weil Elmi wird totgejubelt und die heidi angeschissen, obwohl Vera ein frauenvorname ist und Elmi mein *on verra* von mir klaute..achach

      [Fußball-WM: Ab heute beginnen die Halbfinals. Belgien gegen Frankreich! Das könnte ein echter Knaller werden! Fritten gegen Frogs! Obwohl ja eigentlich eher Nairobi gegen Südsudan kickt. Ich drücke natürlich wieder den Fritten die Daumen, aber die Champagner-Gurgler haben ein höchst powervolles Team. Könnte zum Weltmeister reichen! Wie würde Asterix sagen? „On vera!“..]

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