Der moderne Mensch ist ein Zombie – Zum Tod von George A. Romero

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Dass er für immer tot sein soll, lässt sich kaum glauben. Bestimmt wird George A. Romero, Vater der modernen Zombie-Ikonographie, bald auferstehen – als Untoter.

_ von Jonas Glaser

Zombies in Horrorfilmen: Das waren lange Zeit Plantagenarbeiter, Straftäter oder Soldaten, durch Magie und Tränke zu Willenlosen verwandelt. Bedürfnislose Objekte, die widerstandslos Befehle ausführten. Nach dem Ersten Weltkrieg galt der Zombie als perfekte Metapher für Millionen, die sich von Machthabern ohne Gegenwehr in der Materialschlacht verheizen ließen.

In Deutschland gilt Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) als frühester Zombiefilm, in den USA White Zombie (1932) und Revolt of the Zombies (1936). Enthalten die US-Beiträge noch – phantasievoll überdrehte – Bezüge zum Voodoo-Kult, so verpasste 1968 der New Yorker Werbefilmer George Andrew Romero den Untoten ein komplett neues Image: Im Jahr der Studentenrevolte fallen sie gleich massenweise über die Menschen her – langsam, wankend, nur ein gieriges Grunzen auf den blutleeren Lippen. Ohne erkennbaren Grund oder Urheber beißen sie sich ins  Fleisch lebender Menschen.

„Die Nacht der lebenden Toten“ hatte ein Budget von nur 114.000 Dollar. / Bild: Public Domain

Romeros Debut Night of the Living Dead (1968), eine illegale Adaption von Richard Mathesons Roman I am Legend, ist voller Anspielung auf zeitgenössischen Horror: Vietnamkrieg, Genozide und Rassismus. Der Billigstreifen mutierte zum Hit in den Nachtvorstellungen der Autokinos.

Das endgültige Image für seine „Living Dead“ fand Romero aber erst zehn Jahre später, in Dawn of the Dead (1978): Darin sind die USA schon weitreichend zombiefiziert. Schauplatz ist ein riesiges Einkaufscenter, von Untoten gestürmt. Erklärung eines Protagonisten: „Sie gehen dahin, wo sie sich zu Lebzeiten wohlgefühlt haben“… Zombies als hirntote Konsumsklaven, die immer weiter fressen und (sich gegenseitig) verschlingen: Dieses Image hält bis heute.

Romeros Interpretation des Zombies ist inzwischen fester Bestandteil westlicher Diskurs- und Bilderwelt. In unzähligen Filmen, TV-Serien (z.B. The Walking Dead), Comics und Romanen wanken sie einem entgegen. Sobald von Manipulation, Willenlosigkeit, Konsumsucht, emotionaler Verkrüpplung, Wallstreet, Geld- oder Machtfixierung die Rede ist, ob im Feuilleton oder im akademischen Diskurs, ist die Zombie-Metapher nicht fern. Der Untote: Das ist der moderne Mensch.

In Deutschland kam der Film unter dem Namen „Zombie“ auf den Markt. / Bild: Verleih

Vorletzte Woche erst marschierte eine als Zombies kostümierte Gruppe von Demonstranten in Hamburg gegen den G20-Gipfel. Ohne Romeros Vorarbeit unvorstellbar. Neben politischer Metaphorik garantieren Untote stets hohen Fun-Faktor. Geschmacksgrenzen? – Nein, danke. So ließ der Trashfilm Osombie (2013) sogar den toten Osama bin Laden und seine Anhänger als Zombies auferstehen und US-Soldaten in Afghanistan angreifen.

Was George A. Romero von seinen Nachfolgern und Imitatoren stets unterschied, ist sein künstlerisches Niveau, seine visuelle Gestaltungskraft: Man erinnere sich an das grob-grelle Schwarzweiß in Night of the Living Dead, die Pop-art-Farben in Dawn of the Dead oder die Verwesungstöne im apokalyptischen Day of the Dead (1985).

Gerne hätte der Starregisseur zur Abwechslung mal eine Teenager-Love-Story verfilmt. Aber er wusste: „Das will man von Romero nicht sehen.“ Kürzlich erkrankte der Zombie-Meister an Lungenkrebs und starb am vergangenen Sonntag „im Schlaf nach einem kurzen, aber harten Kampf“ im Alter von 77 Jahren. Besiegt von einem Körper, dessen Schrecken er jahrzehntelang bebildert hat.

George A. Romeros „Dawn of the Dead“ (1978) Trailer

COMPACT hat die Metaphorik des Zombies im politischen Diskurs bereits 2012 thematisiert, in dem Artikel „Spekulanten und Bankster: Die Zombies von der Wallstreet“ in COMPACT 9/2012 – Hier bestellen

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6 Kommentare

  1. Lukas Fleischmann am

    George Andrew Romero hat auch Filme wie "Martin" oder "Monkey Shines", auf deutsch "Der Affe im Menschen" gedreht. Ersterer ist eine sehr interessante Psychostudie mit Vampirelementen und der andere macht sogar aus einem niedlichen, zum Helfen dressierten Kapuzineräffchen am Ende einen gefährlichen Killer. Die Beiträge zum Voodoo Kult sind übrigens nicht bloß übertriebene Gruselgeschichten aus Hollywood, das Zombiephänomen gibt es auf Haiti tatsächlich. Sie jagen und fressen aber keine lebendigen Menschen oder deren Gehirne, sondern sind willenlose, zombifizierte Arbeitssklaven.

    • @Lukas Fleischmann: Natürlich erschöpft sich Romeros Werk nicht in Zombiefilmen. Werke wie die von Ihnen genannten "Martin", "monkey Shines" oder "Crazies" gehören auch dazu. Aber nur seine Zombies sind zum Allgemeingut geworden. Die Zombiefizierung im Voodoo-Kult entsteht ausschließlich durch einen Trank, der Teile des Nervensystems ausschaltet – so haben es psychiatrische Studien gezeigt. Sie sind aber auch keine willigen Arbeitssklaven, sondern gehen nur noch apathisch und ziellos durch die Gegend und müssen von Angehörigen oder Freunden ernährt werden.

  2. Berthold Sonnemann am

    Die Wüstenreligionen und die von ihnen besessenen Regierungen versuchen, alle Bürger zu seelischen Zombies zu machen. Ererbtes genetisches und kulturelles Gut und das je Eigenschöpferische werden amtlich geleugnet und diffamiert, etwa als "Rassismus", "Populismus" oder als "exzentrisch". Als Ersatz werden die Menschen global einheitlich fremdprogrammiert, sei es per amtlicher Beschulung oder per hochfinanzfaschistisch gelenkter Massenmedien und mit fast schon allgegegenwärtigem monokulturellem Hintergrundgesülze und Universitätsvorlesungen in der Krämer- und Kriegsverbrechersprache Englisch.

  3. Schön das auch mal etwas Kultur und über dem Tellerrand berichtet wird! Der beste Zombie aller Zeiten "Zombies im Kaufhaus"

    • heidi heidegger am

      aber nein, der ²allerbeschde (aus europa) isch *1 zombie hing am glockenseil*: sehr madig, sehr keimig, sehr gohrig, sehr italienisch-katholisch-unpuritanisch in seinen ämm körperbildern (nur noch übertroffen von *l’aldila*/gleicher regisseur).

      ²ein ganzer friedhof wird äh unfriedlich. ja weil die untoten (=zombies, gell?) xtrem unruhig werden, quasi. sehr konsequent, sehr dicht (gleich zu anfang ne fette todsünde: der kath. priester erhängt sich am *glockenseil* auf dem friedhof.) oha! da isch aber gleich mal angschd angesagt im städtle, woisch? > *Paura nella città dei morti viventi* tjaja, ‚meine‘ 70er jahre gingen filmisch-kulturell-politisch-soziologisch sonderbar zuende mit diesem film. sauber versenkt, dank Lucio Fulci, tjaja.

      • heidi heidegger am

        na schön‘ dank auch, daß keiner hier weitermacht..pah! also muß die arme heidi wieder ran: die neue (europ.) linke und aldo moro und damit zusammenhängend halt auch die schuldgefühle der üblichen verdächtigen (alte linke?) und halt auch die gesamte strategie der spannung d. fast kommunistisch gewordenen nachkriegsitalien *schwurbel*..etzala kommts: quellen hervor, aus den augenhöhlen der geschundenen greah-duhr/kreatur (darf man sagen?: volxkörpa??) in den spätmeisterl. filmwerken Fulcis an der schwelle zu einem neuen, blöderen, geschicht(s)vergessen(em)-wolllendem postmodernen jahrzehnts. achach

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