Der Hipster-Hype

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Wer vom Konsumismus spricht, darf über den Hipster nicht schweigen. Hier einige Auszüge aus dem Hipster-Essay, den Sie in der aktuellen COMPACT (2/2015) vollständig lesen können – hier bestellen.

_von Marc Dassen

Der Hipster ist ein schwer definierbares Phänomen, aber erkennen kann man ihn leicht: Unverwechselbar ist die Verbindung eher altmodischer Kleidung – Holzfäller- und Flanellhemden – und schräger Frisuren, dazu oft Hornbrillen wie aus den 1950er Jahren und Tätowierungen samt Piercings. Wenn die Promenadenmischung dann noch mit Jute- oder Stoffbeutel unterwegs ist und eine Strickmütze trägt, Clubmate schlürft und stolz seine Apple-Produkte bedient, können Sie sicher sein: Das ist einer. (…)

Der Hipster sieht sich als vollkommenen Individualisten, als lebendes Kunstwerk, und ist daher von Haus aus anders, alternativ oder „edgy“: Er will anecken, aus der Masse herausstechen, gegen den Mainstream anschwimmen, so der Anspruch. Die besonders dynamischen, oft überdurchschnittlich gebildeten und vielfach in der Kreativwirtschaft tätigen Mitmenschen wollen sich als Teil einer interkulturellen Avantgarde verstanden wissen. Die Webseite Hipsterhype.de stellt fest, dass „Androgynität und Feminismus (…) die Hipster Kultur beeinflusst“ und die Männer das Trendbewusstsein der Frau mittlerweile als Teil ihres Lebensstils übernommen haben. Eine Wiener Jugendkulturstudie von 2013 gibt an: Der Hipster würde „sich selbst nie als einen solchen benennen würde, es sei denn im Duktus ironischer Distanzierung von dieser Kultur.“ Damit ist er ein wandelndes Paradoxon: Überall sieht man Hipster, aber keiner will einer sein. (…)

Der Hipster als Emblem für eine westliche Subkultur hat viele unterschiedliche Facetten. Da gibt es den Fashion-Hipster, der auf den Modeblogs und Einkaufsstraßen zu Hause ist, immer auf der Suche nach den neuesten Trends – gerne auch Second-Hand, Hauptsache nicht von der Stange. Retro? Super! Dann gibt es den Öko-Hipster, der mit langem Rauschebart und Jutebeutel zum lokalen Bio-Markt radelt, um seinem nachhaltigen Konsumbewusstsein Ausdruck zu verleihen. Fair Trade? Aber immer! Der Ü30-Hipster unterscheidet sich von seinen Hippie-Kollegen der Alt-68er dadurch, dass er seinen Konsumverzicht nicht ganz so ernst nimmt und immer das neueste Apfel-Telefon bei sich trägt. (…)

Der Hipster verspürt in Konfrontation mit der alltäglichen Normalität, dem Konventionellen, eine Langeweile und Unlust, von der er sich zu befreien trachtet. Die optische Vervollkommnung und die Kultivierung eines exotischen Lebensstils jenseits des gutbürgerlichen Spießertums scheinen ihm ein besonders geeignetes Mittel, um seine Andersartigkeit zur Schau zu stellen.

Im Widerspruch zu der Behauptung, der Hipster sei gegen den Mainstream gerichtet, ja geradezu systemkritisch, steht die Tatsache, dass er sich von der Masse meistens nur rein äußerlich abhebt. Das ist auch der Unterschied zum Hippie, der zumindest bei seiner Entstehung in den 1960er Jahren ein relativ politisierter Zeitgenosse war und häufig auf Anti-Krieg-Demos anzutreffen war. Der Hipster ist Teil einer Szene, die Bestandteil oder Ableger des Mainstream ist, nicht eine Rebellion dagegen. Er ragt von anderen nur durch seine Kaufentscheidungen heraus: Er hat ein szenetypisches Marken- und Stilbewusstsein entwickelt, dass besonders umsatzfördernd ist, denn Nischenprodukte sind oft teurer als die Massenware. Was gestern noch hieß „Ich denke, also bin ich“. heißt heute folgerichtig: „Ich kaufe, also bin ich.“ Versucht der Hipster nur eine innere Leere zu füllen?

Der Hipster demonstriert, wie erfolgreich die Mode-und Konsumindustrie heute auf die Popkultur einwirkt: Er ist ein perfekt dressierter Verbraucher. Den Zwang zur Anpassung nimmt er nicht mehr als solchen wahr, denn er sieht sich nicht als Opfer einer Marketing-Agenda, die ihm seinen Stil vorgegeben und sein Interesse an bestimmten Produkten anerzogen hat, sondern halluziniert sich als autonom. (…)

Marc Dassen studiert Geschichte und Philosophie und ist Mitarbeiter bei COMPACT.

Über den Autor

Marc Dassen

Marc Dassen wurde 1989 in Aachen geboren und hat Anfang 2015 sein Studium der Geschichte und Philosophie mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen. Seither arbeitet er als Journalist für COMPACT-Magazin.

 

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